Kultur

Eine Architektur der Weiblichkeit?

Artikel veröffentlicht am 2. April 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 2. April 2008
Architektinnen leiden unter einer sozio-historisch bedingten Unsichtbarkeit. Mit der Gründung von fachlichen Netzwerken kann diese Benachteiligung bewusst gemacht werden.

Mit diesem Ziel hat die französische Gesellschaft ARVHA (Association pour la Recherche sur la Ville et l'Habitat) verschiedene Projekte ins Leben gerufen. Gleichzeitig war der Verein Gastgeber des Architektinnen-Treffens des europäischen Mittelmeerraums, das Mitte März 2008 in Paris stattgefunden hat.

Marenostrum-Turm un der Markt Santa Catarina in Barcelona von der italienischen Architektin Benedetta Tagliabue (Foto: ©SatiMB/flickr)

"Unser Projekt möchte das Image der Frau als Architektin verändern. Und in diesen Transformationsprozess der sozialen Vorurteile sollen die kommunikativen Medien miteinbezogen werden", erklärt Catherina Guyot, Vorsitzende des ARVHA. Natürlich hätten es Architektinnen im Maghreb-Raum noch schwerer, seien sie doch stärker an die Rolle der Haushälterin gebunden, räumt sie ein. Doch auch in Europa seien Maßnahmen notwendig, die die Chancengleichheit der Geschlechter fördern. Genau zu diesem Zweck hat ARVHA 1998 das Programm 'Now' innerhalb der EU auf den Weg gebracht.

Gute Zahlen für Portugal, Finnland, Griechenland und Italien

Der Zugang der Frauen zu freischaffenden Berufen hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend verbessert, aber noch immer herrscht keine Gleichberechtigung in einigen Bereichen. Während in Universitäten und technischen Hochschulen immer mehr Frauen studieren, nimmt dieser Prozentsatz ab, sobald man sich dem realen Arbeitsalltag nähert. Catherine Guyot berichtet uns, dass in Frankreich "der Beruf des Architekten auch 2004 im Grunde eine männliche Domäne mit 85 Prozent Männer- und 15 Prozent Frauen-Anteil bleibt". Allerdings stellten 1993 die Frauen nur 12,7 Prozent der französischen Architekten dar. "Die Feminisierung innerhalb des Berufs geht langsam aber sicher vonstatten", versichert sie.

Folgt man den Statistiken, die Guyot vorstellt, dann liegen Griechenland, Finnland, Italien und Portugal im Vergleich mit anderen europäischen Ländern mit einem höheren Anteil weiblicher Architekten recht gut im Rennen. In Griechenland stellten sie bereits 1993 schon 38 Prozent; in Finnland und Italien waren es 25 Prozent Architektinnen (2004 erreichten sie dort jeweils 38 beziehungsweise 29 Prozent); in Portugal waren es 24 Prozent. Polen ist eins der weit entwickelten Länder des Ostens bezüglich der Frauenanteile in der Architektur: 1999 waren 38 Prozent der nationalen Architekten Frauen.

Mehr Architektinnen als Ingenieurinnen oder Bauarbeiterinnen

Viele Architektinnen behaupten allerdings, sich im Beruf keineswegs diskriminiert zu fühlen. Hierfür steht die Spanierin María Luisa Aguado. "Die Ungleichberechtigung ist eine soziale Diskriminierung, aber in professionellen Bereichen wie in der Architektur sehe ich keine nennenswerte Ausprägung", so María Luisa. "Ich hatte keine besonderen Schwierigkeiten bei meinem Berufseinstieg, die man hätte auf mein Geschlecht zurückführen können. Wir sind im technischen Sinne als qualifizierte Personen anerkannt. Es stimmt schon. Auch mir kommt es immer noch komisch vor, eine Frau im Bau arbeiten zu sehen. Vor allem, wenn es eine Bauarbeiterin ist, nicht so sehr, wenn es eine Architektin oder Ingenieurin ist."

María Luisa Aguado hat ihren Lebenslauf auf die Webseite von La Mujer Construye (Die Frau baut) gestellt, ein spanisches Projekt, das Frauen im Architektenbereich unterstützt. Sie erzählt uns, dass sie hauptsächlich aus Neugier in dieses Netzwerk für weibliche Architekten eingetreten sei. "Ich habe die Homepage von La Mujer Construye gefunden und ihnen dann einfach meinen Lebenslauf zugeschickt."

Eine weibliche Architektur existiert

Wie auch in anderen Bereichen bringt der Feminismus in der Architektur Kontroversen mit sich, sogar in den eigenen Reihen der Architektinnen. Catherine Guyot unterstreicht insbesondere die Praxisnähe männlicher Architekten. Aber sie räumt den Frauen ein, eine gewisse Feinfühligkeit und Sinn für Details zu haben, die aus der traditionellen Multiaktivität der Frau hervorgehe: Haus, Kinder, Altenpflege.

Allerdings ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern weniger im Design von Gebäuden zu erkennen, als vielmehr in der Städteplanung, wie einige Feministinnen unterstreichen. Die Spanierin Marta Román, Expertin im Bereich Raum und Gender, macht darauf aufmerksam, dass die Städte von Männern und für Männer gedacht seien und dass dieses traditionelle Urbanismus-Modell die Frau ausschließe, ebenso wie unselbständige Personen, Kinder und Alte. "Der Prototyp eines Stadtbewohners ist männlich", erläutert Marta Román. Sie meint, dass die stadtplanerische und architektonische Praxis der Frauen zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter in der Nutzung des Raumes beitragen könne.