Kultur

Dschihad - das Musical

Artikel veröffentlicht am 5. September 2007
Artikel veröffentlicht am 5. September 2007
Schon allein der Name des Musicals hatte auf den Festspielen in Edinburgh eine wahre Kontroverse ausgelöst.

Während seiner dreiwöchigen Laufzeit im Rahmen der Festspiele in Edinburgh hielt das Musical die europäischen Medien auf Trab. Geschrieben wurde das Stück von dem gebürtigen Londoner Zoe Samuel, 24, und präsentiert vom Ensemble der Silk Circle Production. Sie sind nicht die ersten Amerikaner, die sich des Themas 'Dschihad' auf der Bühne annehmen: Schon die Sketche in Rick Croms Off-Broadwaystück NEWSical the musical (2006), waren durch aktuelle Ereignisse motiviert. Zu ihnen gehörte eine Nummer, in der das ganze Ensemble tanzte und sang. Titel: Jihad Babies.

Ungeachtet massiver Angriffe in der internationalen Presse, wurde der Hit I wanna be like Osama mehr als 150.000 bei YouTube abgerufen. "Es gab hektische Reaktionen aus Europa", erinnert sich Anne McMeekin, Pressereferentin des Festivals. "Journalisten aus Schweden und Deutschland schienen überzeugt davon, dass eine Kontroverse über das Stück entbrennen würde." Lisa Kingsnorth, Pressesprecherin für das Musical, ergänzt: "Von Journalisten und Zuschauern erhielt ich gleichermaßen positive Reaktionen, wenn sie das Stück erstmal gesehen hatten. Vor allem von Besuchern aus Deutschland - sie waren wirklich begeistert!" Zum letzten mal fiel der Vorhang am 27. August.

Live in Edinburgh

Es ist der vierte oder fünfte Festivaltag. Eine Stunde und fünfzehn Minuten nach der Aufführung des Musicals sind wir leicht enttäuscht wieder draußen. Die Show findet auf einer kleine Bühne an der Chambers Street statt, zwischen der berühmten Royal Mile (Hauptmeile der Touristen) und der kleinen Bronzestatue - Edinburghs Stadt-Masskottchen Greyfriars Bobby. Die Reihen sind nur spärlich besetzt, obwohl das Stück sonst fast jeden Abend vor ausverkauftem Haus lief und nach seiner Spielzeit als eine der besten fünf Shows der 'C Venues' in Edinburgh eingestuft wurde. Die unspektakuläre, leere Bühne, auf der einzig ein Pianist in Publikumsnähe spielt, und die fehlende Publikmachung in Edinburgh könnten eine Erklärung für die wenigen Zuschauer sein. Im Vergleich dazu war die gewaltige, aufblasbare und purpurrote Kuh, die als Aufführungsort für 'Underbelly' auf dem nicht nur bei Skatern beliebten Bristo Square diente, ein wahrer Publikumsmagnet.

Eine Stadt am Ende der Welt: Afghanistan. Sayid, der ein wenig dümmliche Mohnbauer, gespielt von dem englischen Eton-Zögling Benjamin Scheuer, reist arglos in die Vereinigten Staaten auf der Suche nach dem ‚besseren Leben‘. Berühmtheit möchte er erlangen. Der arme Bauer trifft dort auf eine Terrorzelle, die versucht, ihn davon zu überzeugen, dass er sich im Namen des Islam bei einem schweren Bombenattentat opfern solle. Foxy Redstate, eine amerikanische Reporterin, die mehr mit ihrem Make-up und ihrem Ruhm beschäftigt ist, als mit der Sicherheit ihres Landes und ein Terrorist, der nach Osama bin Ladens Kultstatus in den Medien giert, komplettieren den Reigen. Sogar die Franzosen treten musikalisch kurz in Erscheinung und fuchteln während des Franglais-Songs 'We Turned and Ran' mit ihrem Baguette umher.

Die Aufführung bleibt die ganze Zeit ironisch, aber das Ensemble gibt nicht alles. Weder schmerzt die Kritik, noch entsprechen die Lieder der Erwartungshaltung. Das Publikum genießt und die Schauspieler setzen viel Fantasie ein, um den Mangel an technischen Möglichkeiten auszugleichen (Pap-MGs als Requisiten). Ich bilde mir ein, dass jene wenigen muslimischen Zuschauer, die das Stück aus Protest verlassen würden, damit eher gegen Langeweile protestieren würden, als gegen echte Beleidigungen: kein gutes Zeichen, falls die Show geschrieben wurde, um auf den Nerv der Zeit zu treffen. Kingsnorth stimmt zu: 'Die, die wirklich gekommen sind, haben gemerkt, dass das Stück ungefähr so antößig wie 'Anatevka' ist, zitiert sie den englischen Theaterkritiker der Times Robert Dawson-Scott. "Es ist einfach eine aktuelle, runde Satire über Terrorismus, die irgendwie übereifrigen Sicherheitsmaßnahmen des Westens und ihre Auswirkungen auf unsere Freiheit."

Kontraproduktiv?

"In Schottland selber haben die Aufführungen wenig Empörung hervorgerufen", berichtet McMeekin. "Es gab einen Anruf eines Zuschauer, der zwar nicht zornig war, aber doch fand, das Ganze könnte fragwürdig sein". "Für skandalös hielten es nur die Leute, deren Meinung einzig auf dem Titel der Show und Meinungen aus zweiter oder dritter Hand beruhten, statt die Aufführung selber mitzuerleben und sie mit eigenen Augen zu sehen", bekräftigt Kingsnorth.

Der künstlerische Direktor Luqman Ali wiederholt die Erfahrung von The Truth About Your Father, ein Stück, das er im Dezember 2005 mit seiner Theatergruppe 'Khayaal' auf die Bühne gebracht hatte. In dem Stück der in London und Luton beheimateten Gruppe geht es um eine weibliche Selbstmordattentäterin und es gibt eine 'Dschihad'-Figur. "Eine Reihe von Leuten rief an und fragte, warum wir dieses Thema auf der Bühne behandeln", erzählt der Mann, der sich in seinem Facebook-Profil als 'Polymathen' beschreibt (d.h. freischaffender Imam, Schriftsteller, Dozent, Übersetzer, Dichter und Stückeschreiber). "Aber vielleicht zwei unter tausenden von Menschen haben eine abwehrende Grundhaltung und spekulieren, ohne das Stück gesehen zu haben".

Ali ist Mitbegründer des zehn Jahre alten, in Europa einzigartigen Ensembles. Es entwickelt und produziert eigene Bühnenstücke, die die Literatur und das Erbe der muslimischen Welt erforschen. "Seit den Londoner Bombenattentaten vom 7. Juli 2005 beschäftigen wir uns mehr mit der spirituellen Betrachtung des Extremismus." Ali muss das Musical noch sehen, glaubt aber als ein "muslimischer Künstler, dass Nicht-Muslime kein tiefergehendes Interesse an der Erforschung des Themas haben. "Wenn es Staub aufwirbeln kann, dann produzieren sie ein Stück. Vieles verstärkt Stereotypen – was kontraproduktiv sein kann." Sein Stück betont beispielsweise, dass die Bedeutung des Wortes 'Dschihad' nicht 'heiliger Krieg' ist, sondern 'Kampf zur Beendigung der Auseinandersetzung'.

In der Geschichte des Musicals kämpfen Hispanoamerikaner gegen Weiße (West Side Story, 1957), ist Jesus Star einer Rockoper (Jesus Christ Superstar, 1971) und legen zwei Produzenten ein Nazistück auf (The Producers, 2001). Warum also sollte man mit den Worten der Edinburgh Evening News vom 30. Juli "nicht der britischen Tradition des beinewerfenden, übermütigen Musiktheaters folgen" und den Islam in die Jukebox bringen? Dschihad - das Musical: das bewusst 'kitschige' Aufgreifen eines internationalen Konflikts – inklusive leuchtend rosafarbener Burkas – stellt sich als gelungener Wurf heraus. Schließlich ist die Liebe zum Geld im Westen genauso groß wie im Osten, und das scheint die wahre Botschaft der Schöpfer des Musicals zu sein: Derzeit finden Gespräche mit Produzenten in Großbritannien und den USA statt.