Kultur

Drei Jahre Unabhängigkeit: In Priština wird getanzt, designt, aber nicht debattiert

Artikel veröffentlicht am 22. März 2011
Artikel veröffentlicht am 22. März 2011
Das Kosovo ist eines der optimistischsten Länder der Welt; der Anteil der Unter-Dreißigjährigen an der Bevölkerung beträgt ganze 70%. Musik, Kneipen und Kunst bestimmen meinen viertägigen Aufenthalt in der Hauptstadt Priština, drei Jahre, nachdem in der Stadt die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien erklärt wurde.

Wir schreiben den 17. Februar 2011 - das Kosovo ist drei Jahre alt. Die Fußgängerzonen im Stadtzentrum platzen aus allen Nähten. Wie in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert flanieren die Menschen auf den Straßen, um zu sehen und um gesehen zu werden. Sporadisch finden auf einer Bühne am Anfang der Straße künstlerische Darbietungen statt, zum Beispiel eine Gruppe von Kindern, die in Nationaltracht gekleidet am frühen Nachmittag Folkloretänze aufführt. Trommler ziehen durch die Straßen, um die Menschen zum Tanzen zu animieren.

Zeitgenössische Kunstszene im Kosovo: mehr Dialog!

Die kulturell versierteren Prištinali drängen sich in Bars, beispielsweise im Dit’ e Nat’, dem ersten Buchclub im Kosovo, der sich hinter der Skenderbeu-Statue in einer kleinen Seitenstraße der zentralen Fußgängerzone befindet. Wie Kriterion in Sarajevo beteiligen auch sie sich am internationalen Independent-Film- und Kunstfestival 4 Tuned Cities. Die leise Hintergrundmusik in der Bar gestattet es, dass sich die Menschen leise in den verschiedensten Sprachen unterhalten können. An den Wänden stehen Regale mit Büchern über Kunst, Philosophie und Sozialtheorie in Albanisch und Englisch. Wer allein kommt, dem leistet die Katze der Bar vielleicht Gesellschaft. Ich jedoch sitze mit einer Reihe junger Künstler zusammen, darunter Majlinda Hoxha, die elf Jahre im Ausland verbracht hat. „Ich bin sehr optimistisch, was die Kunstszene im Kosovo anbelangt. Sie befindet sich gerade erst im Entstehungsprozess”, erzählt sie.

In diesem noch jungen und stark traumatisierten Land gibt sich die Kunstszene eher traditionell. Aber angesichts der politischen, sozialen und ethnischen Situation im Kosovo rechnete ich nicht damit, dass politisch-motivierte Kunst, abgesehen von ein paar interessanten Installationen und Darbietungen, völlig fehlt. „Die jungen Leute und Künstler wollen nicht, dass ihr Werk als politisch eingestuft wird“, erklärt die Fotografin Majlinda Hoxha. Im Kosovo steht Politik für Krieg und Konflikt. Ein Teil des Buches Leap into the City, das von der (deutschen) Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde, ist dem gegenwärtigen Zustand der Kulturszene in Priština gewidmet. Darin kommt der kosovarische Philosoph und Kunstkritiker Shkelzen Maliqi zu Wort: „Betrachtet man allein den Inhalt der Gegenwartskunst, erscheint sie sehr kritisch und mit Bezug auf aktuelle Geschehnisse. In diesem Sinne ist Gegenwartskunst sehr politisch.“ Wenn Maliqi Recht hat, warum möchte niemand dies bestätigen oder akzeptieren?

Kosovo 2.0

Majlinda Hoxha hält den fehlenden Dialog in der Kunstszene für die Ursache. „Es handelt sich dabei um die Folge eines Mangels an Kritik und theoretischen Analysen, die eine Kommunikation zwischen den Künstlern anstoßen könnten“, sagt sie. Die kosovo-albanische Künstlerin Anita Baraku, die sich in erster Linie mit Installationen und Aktionskunst befasst, hat insbesondere viele aktive KünstlerInnen kennen gelernt. „Die Szene wird stärker. Aber so etwas wurde nie öffentlich diskutiert. Die Kritikerszene ist hier sehr schwach und inkonsistent. Daher ist es schwierig jemanden zu finden, der die Dinge analysiert, systematisiert und in einen größeren Rahmen einordnet. In den letzten fünf Jahren gab es keine öffentlichen Diskussionen.“ Das Problem der fehlenden Zusammenarbeit zwischen den Akteuren in der Kunstszene hängt mit mangelnden Geldern zusammen, die ihnen finanzielle Sicherheit garantieren würden. Anstelle von Networking regiert der Wettbewerb. Jedoch gibt es ein Licht am Ende des Tunnels, denn die Szene ist lebendig und hat ziemlich viel zu bieten.

Vlogs/ 2010 SilvesterpartyDie Tingle-Tangle-Bar im Stadtzentrum gehört den Programmierern des Kulturraums Manipulative Space Tetris. In der alternativen Bar wird Post-Rock gespielt, an den Wänden hängen im Halbdunkel naive Zeichnungen und billige Girlie-Deko, um die Gäste aufzulockern und gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Genau diese Orte, die von junger und positiver Energie durchströmt sind, haben das Potenzial, Kontakte unter ihren Gästen zu fördern. Aber nicht nur reale Räume haben dieses Potenzial, sondern auch virtuelle. „Die jungen Leute im Kosovo sind sehr aktiv“, berichtet Eliska Slavikova an der Bar. „In sozialen Netzwerken sind sie viel offener.“ Kosovo 2.o ist so ein Beispiel - die Webseite wird von einer kleinen Gruppe von Aktivisten, progressiven und eloquenten jungen Künstlern und Denkern gemacht und wurde vom kroatischen VIDI-Magazin als eine der besten Webseiten auf dem Balkan ausgezeichnet.

Aber auch außerhalb des Webs, tummeln sich Kulturinteressierte: Im Nationaltheater des Kosovo gibt der bosnische Musiker Damir Imamović ein Konzert mit traditioneller Musik aus der Region, das von Heartefact Fund (HF) ko-organisiert wurde und von Mitgliedern der Youth Initiative for Human Rights (Jugendinitiative für Menschenrechte) unterstützt wird. Sevdalinka-Musik ist durch melancholische Melodien und einen moderaten Rhythmus geprägt und drückt normalerweise tiefe Trauer aus. Imamović spricht teils Englisch, teils die bosnisch-serbisch-kroatisch-montenegrinische Sprache, die vom Großteil des Publikums verstanden wird. Das ist keine Nebensache: Als Folge der ethnischen Spaltung wird nicht empfohlen, diese Sprachen auf der Straße oder gar außerhalb der Hauptstadt zu sprechen. Die Erleichterung von der dauerhaften, unterbewussten Vorsicht schafft eine gelöste Atmosphäre. „So voll war das Theater lange nicht mehr“, berichtet mir eine Dame strahlend.

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts 2010-2011 Orient Express Reporter!

Illustrationen: Homepage, Café ©Dit' e nat'; T-shirt ©Kosovo 2.0