Kultur

Dominika Nowak: "Man kann französischen Geschmack nicht in Polen lernen"

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2009
Die polnische Schuhdesignerin bricht mit ihrer Marke nunc Pariser Konventionen. Ihre pelzigen Stoffphantasien sollen auch im Alltag taugen. Ein Gespräch über Paris-Krakauer Modefauxpas' und wie es ist, im Alter von 27 Jahren seine eigene Ein-Frauen-Marke zu gründen.

In England brauchte es ein paar Cambridge-Studentinnen, die in Unterwäsche und Stöckelschuhen für einen Kalender posierten, um die Debatte, ob ‘”Mode Verrat an der feministischen Idee sei“, neu zu entfachen. “Ich liebe Schuhe, aber das macht mich nicht oberflächlich - Mädchen können Spaß haben und gleichzeitig ernst genommen werden”, stichelte daraufhin die Schulleiterin eines Mädchenpensionats in der englischen Presse. Dominika Nowak verdreht die Augen: “Auch in Polen kann ein Mädchen entweder nur schlau oder nur schön sein”, sagt sie. “Aber ich stelle solchen Leuten immer wieder dieselbe Frage: Und, denkst du, dass du hässlich oder dumm bist? Wir sollten nicht nur an unserem Aussehen, sondern auch an unseren Verhaltensweisen arbeiten. Ich nehme das Herstellen von Schuhen nicht so ernst wie manch andere Leute in der Modewelt. Ich möchte nur versuchen, außergewöhnlich zu bleiben, auch wenn ich kommerzieller werden musste”.

Nuancen

Den Stempel „außergewöhnlich“ trägt Nowak auf jeden Fall. Aber heute sind es nicht ihre Schuhe, die sie im Regen der lebendigen Pariser Gegend rund um Strasbourg-St. Denis hervorstechen lassen, sondern Nowaks lange (elektrisch aufgeladene) Mähne, ihre hochgewachsene Figur und ihr Makeup-loses Gesicht. Sie stellt heute noch nicht einmal ihre Kuhhaut-Kreationen an den eigenen Füßen zur Schau.

©nuncfashion.com

Ihre aktuelle, von Oliver Twist inspirierte Kollektion, versteckt in einem Pariser Ausstellungsraum, ist weit entfernt von dem pelzigen Schuhkonzept, mit dem die 27-Jährige ihre Debüt gab, in einer Zeit, in der auch Manolo Blahnik in seinen Herbstkollektionen mit Pelzsandalen auf spitzen Absätzen experimentierte. Nowaks erste “Pelz-Leder”-Schuhkollektion war ein gleißender Versuch, dem Trend in einer von Männern dominierten Industrie entgegenzuwirken. “Ich möchte, dass meine Schuhe außergewöhnlich sind”, erklärt sie, “eine Identität haben, aber in einer einfacher Form, die zu jedem Outfit passt, und jeden Tag getragen werden können. Keine Schuhe zum Anstarren, sondern Schuhe mit dem gewissen Etwas.” Aber wie kann man nicht auf Pelz-Leder Schuhe starren?

Dominika Nowak manövriert unter dem Tisch herum und berührt dabei leicht das Material meiner Stiefel. “Junges Kalb - rasiert”, stellt sie fest. “Ein Kalb ist eigentlich behaart!” Inspiriert von der “Echtheit” des Stoffes - jedes unbearbeitete Stück Leder sei, so Nowak, einzigartig, wie “Fingerabdrücke” - verarbeitet die junge Designerin nur “unbehandelte” Materialien. Die Freiheit im Umgang mit materiellen Varietäten definiert ihre Kreativität.

Für Luxusmarken muss man nach Paris kommen, um das Handwerk und die Fähigkeiten zu erlernen.

Nachdem Nowak an der Krakauer Jagiellonen-Universität Kunstgeschichte studierte und sich auf Modedesign spezialisierte, begann sie das zweite Studienjahr 2006 an der Modehochschule Studio Berçot in Paris. “Die meisten Modeschulen in Frankreich sind Privatschulen und kosten viel Geld”, sagt sie. 6 Jahre lang hatte sie sich das nötige Kleingeld als Stylistin und Designerin angespart. “Wenn man für ein urbanes Label arbeiten möchte, kann man in Polen studieren. Aber für Luxusmarken muss man nach Paris kommen, um das Handwerk und die Fähigkeiten zu erlernen. Die Lehrpläne sind Lichtjahre voneinander entfernt. Man kann französischen Geschmack nicht in Polen lernen, wo sie nur Grundtechniken in Nähen und Kreieren von Mustern kennen.” Gesagt, getan, zog Nowak in ein 7 Quadratmeter großes Einzimmer-Apartment in die Ecke Strasbourg-St. Denis, gleich in der Nähe der Berçot-Designschule, die nur etwa 30 Prozent französische Studenten zählt. “Ich habe mich sehr verändert, meine Ideen, die Art und Weise wie ich Mode sehe”, erklärt sie. “In Polen sind die Leute sehr verschlossen und neidisch. Man macht sich Sorgen darüber, was andere Leute von einem denken. In Paris sind die Leute alle sehr aufgeschlossen, sie sind offen für Ideen und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Ich bin hier bedeutend ruhiger geworden.”

Anfängerglück

©nuncfashion.com“Ich habe schon immer gewusst, dass ich Modedesign studieren möchte und Paris war die beste Destination dafür. Aber als ich nach Paris kam, habe ich beschlossen, dass ich kein Teil der Pariser Modewelt sein oder für jemand anderen arbeiten wollte.” Nach zahlreichen Preisen für ihre polnischen Arbeiten und einer Einladung zur Modewoche nach Dubai, damals, als sie noch in der Schule war - “es war eine der großartigsten Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind” - begann sie Schuhe herzustellen. Noch bevor sie nach einem Ausstellungsraum und einem Agenten für ihre Marke nunc, nach dem lateinischen Ausdruck “hic et nunc” (hier und jetzt), suchte, begann Nowak ihre Modelle auszustellen.

Das Designen stellt mittlerweile nur noch 10 Prozent meiner Arbeit dar.

Die polnische Nachwuchsdesignerin führt ihre Inspiration auf ihren deutschen Vater zurück, der Regisseur war. “Er arbeitete von zu Hause aus und ich verbrachte als Kind viel Zeit krank im Bett. Um mich zu beruhigen, brachte er mir öfters Bücher zur Geschichte von Mode und Design mit.” Mit ca. 16 Jahren begann Dominika die Fähigkeiten ihrer Mutter, einer Mathematikprofessorin, in die Tat umzusetzen, um ihr zunächst “echt schreckliche Abendkleider” für Neujahr zu verkaufen. “Sie ist meine zweite Hälfte”, lächelt Nowak. “Sein eigenes Geschäft zu managen bedeutet ständig rechnen und zählen zu müssen. Man muss die Schuhe herstellen, zu den Kunden schicken, sie mit Stoffen verarbeiten, Leder aus der ganzen Welt bestellen, Pläne für Bestellungen koordinieren, nach der Produktion weiter bearbeiten, die Qualität prüfen, alles verpacken, Exportpapiere vorbereiten, Rechnungen und Auftragsbestätigungen erstellen. Das ist manchmal ziemlich hart. Das Designen stellt mittlerweile nur noch 10 Prozent meiner Arbeit dar.”

Nowak erklärt ihren unternehmerischen Erfolg mit Glück, Timing und Methode. Heute verkauft sie in Frankreich, Deutschland, Italien Dänemark, England, Zypern und Griechenland; ein Paar nunc-Winterschuhe kosten normalerweise rund 300 Euro. Die beiden Leben, die sie führt, könnten extremer nicht sein. Es ist nicht nur billiger in Polen, sondern Nowak ist es so möglich, eine tiefere Verbundenheit mit ihrem Heimatland beizubehalten. “Ich bin immer noch ein bisschen polnisch”, lacht sie. “Aber ich habe nicht mehr viele polnische Freunde, da ich, wenn ich dort bin, in den Vororten lebe und den ganzen Tag arbeite. Sie haben alle geheiratet und haben Kinder, wir sind so verschieden. Meine Freunde sind jetzt hier und Paris ist ein Teil meiner Kreation. Cocktails, um Leute zu treffen und meine Arbeit zu verkaufen gehören einfach dazu. In Polen arbeite ich in einer Fabrik mit vier anderen Leuten in einem kleinen Dorf außerhalb von Krakau. An einem Tag kann ich in Paris interviewt werden und am nächsten Tag zurück in die Berge fahren, wo meine Eltern ein Sommerhaus haben und hart arbeiten.”

Ich lasse Nowak auf dem Obst- und Gemüsemarkt zurück - “sieh nur wie groß die Pilze sind” - wo ein Pariser wild umher gestikuliert und seinen gestohlenen Geldbeutel von einer Immigrantenfamilie zurückfordert, eine in sich selbst primitive Szene, voll von eigenen Farben und Struktur, wie ihre Schuhe.