Kultur

Django Unchained: Tarantino-Western schlägt Wellen

Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2013
Fanatiker oder Skeptiker, Tarantino lässt niemanden kalt. Der Lieblingsfilmemacher der Franzosen ist in seinen 8 Filmen Risiken eingegangen. Mit Django Unchained, hat er es erneut getan. Vielleicht sogar mehr.g

In kreativen Kreisen wird es wohl als trivial angesehen, dass man immer mit einem Meisterwerk aussteigen sollte. In Bezug auf Quentin Tarantino, hätte der Weltuntergang 2012 eine geniale Filmografie mit sich reißen können, die 8 Filme – einer verbohrter als der andere – zählt. Aber die Mayas haben einen der heftigsten Running Gags des 21. Jahrhunderts dargeboten und Tarantino profitiert nun von der allgemeinen Erleichterung, um sich als Regisseur dessen darzustellen, was die neue Welt hätte sein können.

Eine turbulente Version der Weltgeschichte

Im Klartext: Django Unchained ist ein genialer Film. Trotz der medialen Aufmerksamkeit, von der das neue ‚Meisterwerk von Tarantino‘ zweifelsohne profitiert hat, werden wir die Bienveillance (und Freude) haben, uns nicht beim Glanze des Ruhms aufzuhalten, immerhin hat der Streifen bereits 2 Golden Globes abgesahnt. Doch was wir bereits sagen können ist, dass der 8. Film des Amerikaners wieder ein Film zum Thema Rache ist. Und, dass Tarantino zum zweiten Mal, 2 Jahre nach Erscheinen von Inglorious Basterds (2009) in Europa, eine ziemlich verquere Vision der Weltgeschichte präsentiert.

Django Unchained spielt im Süden der Vereinigten Staaten, zwei Jahre vor dem Sezessionskrieg. Dr King Schulz (Christoph Waltz), ein belesener deutscher Kopfgeldjäger, befreit Django (Jamie Foxx) aus der Sklaverei. Dafür muss letzterer ihm aber die Beschreibung von drei als ‚Wanted‘ ausgeschriebenen Brüdern liefern, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt wurde. Darauf folgen einige Kalauer und Wendepunkte, nach denen Django, der mittlerweile Cowboy geworden ist, sich entscheidet, seine Frau aus den Klauen eines reichen Landgutsbesitzers namens Calvin Candie (Leonardo Di Caprio) zu retten. Der Legende nach habe Tarantino diesen Film rund um die Figur von Waltz geschrieben, dessen Wohlwollen für einen schwarzen Sklaven die Basis für 2h44 Minuten Emotionen legte. Auf Wikipedia ist zu lesen, dass Django Unchained eine leidenschaftliche Hommage an den 1966 realisierten Spaghetti-Western Django von Sergio Corbucci sei.

« Play it Again Sam »

Wenn es stimmt, dass Quentin Tarantino seine Szenarien in den letzten 7 Filmen immer rund um eine der Hauptfiguren gestrickt hat, die er als Musen ansieht (Uma Thurman, Samuel L. Jackson…); wenn es stimmt, dass der in Knoxville/ Tennessee geborene Tarantino von Film zu Film mehr und mehr auf das Kino von gestern zusteuert, so ist es doch das allererste Mal, dass wir es bei Mr. Tarantino mit einer linearen Handlung zu tun haben.

Bei der Vorstellung von Django Unchained am 16. Januar in Paris, hat Emmanuel Burdeau – der das Buch Tarantino : un cinéma déchainé (Tarantino – entfesseltes Kino) herausgegeben hat – klargestellt: „Quentin Tarantino hat die Szenarien seiner Filme schon immer über die verschiedenen Standpunkte seiner Charaktere und Sequenzen in Kapiteln zusammengesetzt. Diesmal ist das Szenario linear, wir werden von einem Punkt A zu einem Punkt B gebracht, ohne dass andere Narrationsmittel verwendet werden.“

Dieses neue Verfahren hätte die Ausdrucksstärke der Nebenrollen abschwächen können. Denn diese haben bei Tarantino immer mehr als nur eine Stütze für die Hauptrolle ausgemacht (wenn man diese überhaupt so nennen kann): Beispiele dafür sind David Carradine in Kill Bill, Bruce Willis in Pulp Fiction und nicht zu vergessen Christoph Waltz in Inglourious Basterds.

Doch selbst in einem, sagen wir mal klassischeren Gefüge (vielleicht gerade dort) schafft es Tarantino trotzdem, ein fantastischer Macher seiner Figuren zu sein. In Django Unchained ist die Rolle von Samuel L. Jackson sicherlich eine der besten, die man in der Kinopsychologie erschaffen kann. Zu alt, um die Hauptrolle zu spielen, muss die ehemalige Muse des Regisseurs in die Haut „des schlimmsten schwarzen Arschlochs der Weltgeschichte“ schlüpfen – das Zitat stammt von Tarantino selbst. Stephen ist eine Art „domestizierter“ Neger – in seiner Rolle allerdings viel dreister als der schlimmste weiße Befürworter der Sklaverei.

Django Unchained läutet auch das Ende einer Pop-Epoche im Kino von Tarantino ein. Auch wenn die Vorgehensweise die gleiche bleibt (Dialoge, Humor, Soundtrack…), verstrickt sich die Absicht ohne besondere Feinfühligkeit in einem der größten Tabus der amerikanischen Geschichte. Es geht um ein Thema, „das gerade erst in amerikanischen Schulbüchern aufgetaucht ist“, so Tarantino. Der Horror der Sklaverei wird hier ungeschminkt und mit viel Hämoglobin gezeigt (zuviel Blut, um den Film tatsächlich als gewalttätig zu bezeichnen).

Dies ist vielleicht eine Methode, um das ins Korsett gezwängte Amerika, das sicherlich an prüdere Dokumentationen gewöhnt ist, etwas lässiger in seinen Kinosesseln sitzen zu lassen. Denn der fast einzige puritanische Aufschrei zu Django war die Präzision, dass das Wort „Neger“ im Film verwendet wurde. 99 mal. Spike Lee ist sicherlich bewegt. Tarantino argumentiert jedoch, dass dies « unvermeidlich » gewesen sei. Man kann diese Geschichte nicht schreiben, ohne die Codes der Epoche zu verwenden. Quentin Tarantinos Genie besteht in der Auswahl des Westerns: das Genre par excellence, das die amerikanische Geschichte schon immer schöngefärbt hat.

Illustration: Fotos mit freundlicher Genehmigung ©Facebook-Seite des Films; Video (cc)YouTube