Kultur

DJ Krush – Barcelona auf Japanisch

Artikel veröffentlicht am 7. März 2007
Artikel veröffentlicht am 7. März 2007
Flötentöne und Jazzbeat: Eine Nacht mit dem japanischen DJ Krush in Barcelonas berühmtem Club Apolo.

„Geh schon rein und hör auf zu nerven.“ Der Türsteher löst grimmig das Absperrungsseil, das den Eingang zum Sala Apolo blockiert. Ich beende meinen vorgetäuschten Anruf bei der Geschäftsleitung und trete in die dunkle, minimalistische Halle. Der Club Apolo, eine ehemalige Schulmusikhalle, wurde in zahllosen europäischen Zeitschriften zum Club des Jahres 2006 gewählt. An diesem Abend haben sich 1300 junge Menschen aus Barcelona und dem Ausland versammelt, um den japanischen DJ Krush bei seinem dritten Auftritt nach zwei Jahren Pause zu sehen.

Krush ist ein Liebling der Nitsa, der ältesten Elektro-Clubnacht in der Stadt, die schon seit neun Jahren im Apolo stattfindet. Er benutzt Turntables und Mischpult, um Elektro-Sounds mit Instrumentalklängen zu mischen. „Unser Programm ist immer sehr vielseitig“, erklärt der Haus-DJ Coco, „von hartem Techno bis zu experimenteller Musik, Electro, House und Breaks ist alles dabei“. Von La Paloma, dem Club, der unter den Erasmus-Partygängern eher bekannt war und inzwischen geschlossen ist, hält er nicht viel. „Wir tun nichts Besonderes für Ausländer. Sie kommen hierher, weil sie die Musik mögen, die wir machen.“

Krush über Europa

Hinter der Bühne treffe ich den in Tokyo lebenden DJ Krush. Ich wisse besser, wer seine Fans hier in Barcelona seien, glaubt er. Gibt es ein europäisches Publikum? Er hebt das Gesicht, das unter seiner karierten Mütze im Schatten liegt. „Ich war einmal in der Türkei, in Rumänien und in Bulgarien. Die zeigen, dass die Szene in Europa weiterhin stark ist. Dieses Mal war Frankreich gut, aber die Leute aus Belgien und Spanien sind jedes Mal ganz aus dem Häuschen.”

Was die europäische Wahrnehmung seines Landes betrifft, hat er eine klare Meinung. Letztes Jahr trat er bei Barcelonas jährlichem Sonar Musikfestival auf, das Japan zum Thema hatte. „Nur Japaner wissen, was es heißt, Japaner zu sein.“

Krush über sich selbst

Nach zwanzig Jahren, acht Alben und einer bemerkenswerten Zusammenarbeit mit berühmten Namen wie DJ Shadow setzt der 44jährige die Messlatte für sich selbst immer höher. „Meine Musik ist nicht jedes Mal perfekt. Ich muss die Leiter weiter hochklettern.“ Seine Stücke wurden in Hollywood verwendet (Blade, 1998) und er mag Filme, „in denen ich Szenen sehe, die mich inspirieren.“ Wenn er einen Soundtrack „re-krushen“ könnte, sagt er, wäre das Blade Runner (1974).

Heute Abend begeistert der Hip-Hop-Profi die Menge in Barcelona ohne Probleme mit Klassikern wie Kemuri und dem DJ Shadow-Cover Organ Donor. „Ich könnte nichts anderes tun als Musik zu machen“, sagt er und starrt auf seine beringte Hand, die die Spur eines Tattoos erkennen lässt. „Ich bin nicht auf eine höhere Schule gegangen. Ich habe keinen Abschluss. Ohne Musik würde ich heute auf der Straße arbeiten“. Der letzte Satz scheint ihn so einzunehmen, dass er aufspringt und so tut, als würde er heftig auf den Boden treten. Eine Anspielung auf ein Leben voller Kriminalität? Nein, sagt Krush, der mit bürgerlichem Namen Hideaki Ishii heißt. Er sei „nur ein normaler Vater“. Aber er stehe zu seiner Gangster-Vergangenheit.

Meister der Turntables

Der Morgen dämmert im Tequila Boom Boom, dem pakistanischen Dönerladen im Apolo. Der hintere Bereich des Ladens ist heute Nacht als Bühne für eine Liveband geöffnet. Zwischen den Überresten aus Flaschen und Kebabpapier hat Krush einige Beschwerden der Klubgänger der Stadt gesammelt. Coco schreibt dies dem vielfältigem Programm des Apolo zu. „Die Leute wissen nicht wirklich, was sie erwarten sollen“, stimmt Gonzalo, 24, zu. „Einige haben Techno oder Electro erwartet, aber der elektronische Sound von Krush ist hart und langsam – nicht wirklich was für echte ‚Drogentanz’-Liebhaber. Ich glaube, einige wussten noch nicht einmal, dass er berühmt war, sondern dachten, er sei ein schlechter DJ, der nicht wusste, wie man für Spaß sorgt.“

Drinnen, im Apolo, treiben sich einige Diskobesucher ziellos herum und widersetzen sich dem Rauchverbot, das seit Januar letzten Jahres gilt. Aber im ballsaalgroßen sala grande bis hin zu den riesigen Balkonen im zweiten Stock huldigt eine Fangemeinde jedem einzelnen Scratch und Sample von Krush. Musik ist die einzige Sprache, die Krush braucht, um heute Nacht mit Barcelona zu reden. Ein Jazzbeat hier, ein Flötenton dort: Der DJ aus Tokyo nimmt die Menge gefangen. Als die visuellen Animationen abklingen, dreht er seinen Rücken zum Publikum. Er stemmt einen Fuß gegen die Decks und posiert für die letzten Blitzlichter, die die Fotos seiner Fans werfen, die geschlossene Faust in die offene Hand gepresst.

Dank für die Übersetzung aus dem Japanischen ins Englische an Rokko Miyoshi und Giulio Zucchini

Video: DJ Krush über sein Leben und seine Musik