Kultur

Diversidad: Das passiert, wenn man 20 europäische Hip-Hopper aufeinander loslässt

Artikel veröffentlicht am 11. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 11. Januar 2011
Stichwort: Diversidad, diversité, diversity, diversità, pазноврсност, raznovrsnost, diversidade... Zwanzig Hip-Hop-Künstler aus allen Ecken Europas haben sich für ein Stadtkultur-Projekt zusammen gefunden - ausgerechnet mit Unterstützung der europäischen Institutionen! Eine bosnische Journalistin hat diverse Hip-Hopper in Paris getroffen.

Es ist ein eher ruhiger Freitagnachmittag im Centquatre ('104'), einem seit drei Jahren bestehenden Kulturzentrum in einem Arbeiterviertel im Pariser Nordosten, das immer wieder für Furore sorgt. Etwa zwanzig Hip-Hop-Künstler, Rapper, Sänger und Beatmaker aus 12 europäischen Ländern, allesamt Teilnehmer am Musikprojekt Diversidad, warten auf die anstehende Probe. Einige von ihnen schlafen auf den Sofas, andere geben Interviews.

Das Bier, fünftes Element des Hip-Hop

Ich habe gerade Frenkie, einen bosnischen Rapper, aufgeweckt. Trotzdem ist er guter Laune und sofort bereit ein wenig zu plaudern: „Als man mir vorschlug an diesem Projekt teilzunehmen, habe ich keinen Moment gezögert. Ich habe meine persönliche Karriere zurückgestellt, um mich zu 100% für Diversidad einzusetzen. Und ich habe mich nicht geirrt! Es ist eine unglaubliche Erfahrung und die perfekte Möglichkeit, um sich beim europäischen Publikum bekannt zu machen.“ Was Frenkie im Eifer des Gefechts vergessen hat zu erzählen (und was ich aber im Making-of der Aufnahmen nachträglich herausfinde) ist, dass Frenkie auch ein großer Bierliebhaber ist („das fünfte Element des Hip-Hop“) und zu denen zählt, die am ersten Tag der Aufnahme fünfzehn Stück getrunken haben!

Das Album wurde innerhalb von 10 in Brüssel aufgenommen, macht 150 Bier für Frenkie!Orelsan, französischer Rapper und bekannt für seine verbalen Eskapaden, hat sich inzwischen zu uns gesellt. Er ist in Frankreich sehr bekannt und dementsprechend sehr gefragt bei den Lokaljournalisten. „Ist es nicht zu langweilig immer wieder die gleichen Fragen der Journalisten zu beantworten?“, frage ich ihn, um nach und nach, wie viele andere, herauszufinden, warum er bei Diversidad mitmacht. „Quatsch, das ist kein Problem für mich. Dadurch habe ich gut sprechen gelernt!“, scherzt Orelsan.

Rap und die europäischen Institutionen

Die Geschichte von Diversidad ist zunächst einmal die einer im Jahre 2008 aufgenommenen Single im Rahmen des Jahres des interkulturellen Dialogs unter der Schirmherrschaft des European Music Office, das die Musikbranche bei den europäischen Institutionen vertritt. Der Erfolg führte dazu, dass die Europäische Kommission beschloss, eine zweite Auflage des Projekts zu unterstützen. Vor dem Hintergrund der europäischen Integrationsgeschichte, der kulturellen Vielfalt, des Austauschs und der überwundenen Sprachbarrieren, ist Diversidad ein ganz außergewöhnliches musikalisches Projekt. 20 Künstler aus 12 europäischen Ländern verbrachten zehn Tage in einem Brüsseler Studio, um ein Album mit 14 Titeln aufzunehmen. Das Album sollte den Geist der europäischen Stadtkulturen verkörpern.

Nach dem Erscheinen des Albums im Februar, werden die Künstler auf den größten europäischen Festivals auftreten. „Am Anfang wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich habe zugesagt, als ich erfuhr, dass das Projekt von der Europäischen Kommission finanziert wird“, gibt Orelsan zu. „Letztendlich hat alles gut geklappt. Wir waren frei, in dem, was wir tun wollten. Außerdem gab es viele Gemeinsamkeiten zwischen uns Teilnehmern. Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern und sprechen nicht dieselbe Sprache, aber wir haben viele Gemeinsamkeiten und haben uns sehr schnell gut verstanden.“ „Es ist die Aufgabe einer Institution wie die Europäische Kommission kulturelle Projekte zu finanzieren und zu unterstützen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie uns kaufen können.“ So fasst Frenkie die seltene Fusion zwischen dem Universum des Raps und den ansonsten so fernen Institutionen zusammen.

In Vielfalt geeint!

Die Probe beginnt. Die Stimmung heizt sich auf. Das erste Stück "The eXperience", das auch das Album eröffnet, verbreitet eine unglaubliche Energie. Die Texte sind auf Englisch, auf Französisch, aber auch auf Bosnisch, Kroatisch, Portugiesisch, Schwedisch und Deutsch. Man kann nicht alles verstehen, außer man ist ein wandelndes Wörterbuch. Aber Emotionen kommen trotz Sprachbarriere durch. Schließlich folgt ein Stück dem anderen. Während ich "Cooking in the pot", eine Art Dialog zwischen Marcus Price, einem schwedischen Künstler, und Orelsan, der ihm auf Französisch antwortet, höre, verstehe ich, dass Vergnügen und Arbeit in dieser europäischen Gruppe untrennbar sind.

Mariama ist eine deutsche Künstlerin, die auf Englisch singt. Als sie mit ihrer Gitarre auf der Bühne erscheint, um "On my way" zu singen, sind die wenigen Zuschauer bei der Probe von ihrer Stimme überwältigt. Eine weitere Künstlerin des Projekts, Remi, Bandmitglied der kroatischen Gruppe Elemental, zieht mit einer Mischung aus radikaler Stärke und nervösem Charme, der sich durch ihre Stimme und Gestik entwickelt, in den Bann. Einmal auf der Bühne, nimmt man nur noch sie wahr. Trotz aller Vielfalt und der starken Persönlichkeiten scheinen die Künstler eine eingespielte, zusammengewachsene Gruppe zu sein… Hätte die Sprache des Hip-Hop etwa den Turm zu Babel zu Fall bringen können?

Und demnächst:

Das Album: Erscheint am 11. Februar in ganz Europa.

Die Tournee: Am 13. Januar auf dem Eurosonic Festival in Groningen (Niederlande). Am 21. Mai in Wien (Österreich). Anschließend auf allen europäischen Sommerfestivals.

Die Ausstellung: Im Sommer 2011 wird es in mehreren europäischen Hauptstädten Graffiti-Ausstellungen geben.

Illustrationen: Videoclip von "I got it", Album-Cover, Videos von (cc)Diversidad.