Kultur

Disco am Morgen: Massage statt Dickschädel

Artikel veröffentlicht am 11. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 11. Januar 2014

Discos assoziieren wir fast alle mit der späten Nacht, dem Laster und einem Kater im Anschluss. „Morning Glory“ stellt diese Vorurteile auf den Kopf. Frühstart statt später Abschied, Smoothies statt Cocktails, Massagen statt Dickschädel. Kurz: eine Revolution.

Um sechs Uhr morgens aufzustehen, war immer eine große Herausforderung für mich. Nicht einmal die Aussicht auf den frühesten Rave meines Lebens, konnte daran etwas ändern. „Du wirst dich frischer und energetischer fühlen, als du es jemals für möglich gehalten hast“, mit diesem Satz der Veranstalter von „Morning Glory“ im Kopf wälzte ich mich aus meinem Bett. Ich war trotz der frühen Stunde schon etwas aufgekratzt, denn die Abenteuerlust packte mich. Nicht zuletzt würde es kostenlose Massagen geben.

Als ich das vernebelte Hoxton (Bezirk von London, Anmerkung d. Ed.) erreichte, versteckte ich mich unter dem Fellkragen meines Parkers. Hätte ich nicht im Bett bleiben sollen? Ich war mir nicht sicher, was ich erwarten sollte. Sonst sind es ja die Überlebenden der Nacht, die in diesen Stunden in ihrem toxischen Dunst die Clubs bevölkern. Hiermit würde ich mich von dem Lippen kauenden Volk lossagen, die mich sonst um diese Zeit umgeben.

Hüpfende Frauen in Tutu, Männer in grauen Anzügen

In der Lagerhalle angekommen, war ich verblüfft dort gesunde Raver zu sehen, deren Augen nicht blutunterlaufen waren. Hätte ich es nicht selbst gesehen, würde ich sagen, dass Zusammenkünfte dieser Art nicht existieren. Der Kontrast zwischen dem grauen Mittwochmorgen draußen und der Stimmung in der Lagerhalle hätte nicht größer sein können. Das helle Licht und die laut pumpende Musik hatte die Menge bereits in wache Ektase versetzt. Der Raum war gefüllt von euphorischen Tänzern, deren Enthusiasmus langsam auf mich übergriff.

Der Rave zog hüpfenden Frauen im Tutu an, ließ aber auch Männer in grauen Anzügen ganz offensichtlich nicht kalt. Die meisten schienen sich irgendwo in ihren Zwanzigern zu bewegen, während die Ausgelassensten wohl ein paar Generationen früher geboren waren. Die knallbunten Farben der Kostüme waren heller, als die Augen es am frühen Morgen mögen.

Das Geschick, das die Tänzer an diesem Morgen an den Tag legten, war geradezu erschreckend. Ein Tangopaar und ein Pirouetten drehender Mann in Strumpfhose bekamen besonders viel Aufmerksamkeit. Schüchtern verschwand schließlich auch ich in der hüpfenden Masse, um meine müden Glieder aufzuwecken.

Noch mehr als sonst, stehen bei „Morning Glory“ die DJs im Rampenlicht. Ihre Auswahl, die sich zwischen House, Chart Hits und Club-Hymnen bewegte, wurde ihnen gedankt.

Die Leute, die sich hier zusammenfanden, gaben offensichtlich mehr auf guten Kaffee, als auf eine Clubnacht, in der sich Sambuca an Sambuca reiht. Massagen werden angeboten, sofern man sich hierfür vorher angemeldet hatte. Bedauerlicherweise erfuhr ich davon erst vor Ort.

Der „Morning Rave“ hat das Potential, das allmorgendliche Sumpfsinns-Regime zu durchbrechen. Allerdings war es leider auch nicht der Befreiungsschlag, den ich mir erhofft hatte. Trotzdem ist es heilsam, die herzliche Stimmung des Raves in sich aufzusaugen und als gesunde Alternative zu nächtlichen Gelagen für sich zu entdecken.