Kultur

Die Wiederentdeckung der verlassenen mittelalterlichen Kirchen Bulgariens

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2015

Sie sind fast vergessen und dem Verfall preisgegeben. Der englische Fotograf James Crouchman entdeckt die mittelalterlichen Klöster und Kirchen Bulgariens neu und möchte ihre Existenz dokumentieren.

„Alle reden über die schöne Natur in Bulgarien. Aber es gibt doch auch andere Länder mit schöner Natur. Das, was Bulgarien hat, mittelalterliche Kirchen und Klöster, ist einzigartig und nirgendwo sonst in der Welt zu finden. Es ist der Reichtum des Landes“, sagt der englische Fotograf James Crouchman, während er die Bilder der von ihm besuchten Orte betrachtet.

M-a-l-o-m-a-l-o-v –o“, wiederholt er eindringlich den Namen eines Dorfes, den ich noch nie zuvor gehört habe, obwohl ich aus Bulgarien stamme - ganz wie ein Einheimischer es für einen Fremden tun würde. Ein vergessenes Kloster liegt direkt außerhalb dieses Dorfes.

Das neue Projekt des 30-jährigen aus dem englischen King’s Lynn dreht sich um mittelalterliche Kirchen und Klöster in Bulgarien. James, der vorher in Sizilien gelebt hat, lebt nun nicht nur in Sofia, der bulgarischen Hauptstadt, sondern er erforscht und fotografiert auch die Traditionen und historischen Stätten im Nordwesten Bulgariens. Dabei entdeckt er mittelalterliche Klöster und Kirchen neu, die nicht einmal die Bulgaren selbst alle kennen. Viele von ihnen sind über 700 Jahre alt, stammen also aus dem Mittelalter.

Betrachten wir drei Orte in der Region etwas näher: Godech, Dragoman und Trun. „Dieses Gebiet zieht mich magisch an“, sagt James. „Es war relativ wohlhabend während des Osmanischen Reiches und die Menschen hier konnten Kirchen bauen und sie mit unglaublichen Malereien ausstatten.“

Wenn James die Region bereist, trifft er immer wieder Einheimische, von denen er Vieles über die Dinge in den Kirchen und die Legenden, die sich darum ranken, lernt. Wie ein Chronist vergessener Orte spricht James mit den Ortsansässigen und prägt sich die vielen Geschichten ein, die sie ihm erzählen, während er die Berge und Ebenen kilometerweit durchstreift und Fotos von verblassenden, abblätternden, aber immer noch tief beeindruckenden Kirchenfresken (Wandmalereien) macht.

Die Mehrheit dieser Kirchen und Klöster ist in sehr schlechtem Zustand und bedarf dringend der Restaurierung. Vom Zahn der Zeit beschädigt verfallen sie jedoch auch, weil sich niemand um sie kümmert. Für einige von ihnen gibt es versteckte Schlüssel, die meisten anderen sind verschlossen, aber ein paar sind zugänglich, als ob eine unsichtbare Hand ihre Türen geöffnet hätte.

„Ich bin nach Bulgarien gekommen, um einen Ort zu finden, der mir gänzlich neu ist, wie eine unbemalte Leinwand. Bulgarien schien mir solch ein Ort zu sein. Ich habe mich schon immer für solche Orte interessiert, und der Nordwesten Bulgariens ist eine der noch unerforschtesten Gegenden in Europa. Vor kurzem traf ich eine ältere Frau im Dorf Godech, die mir Geschichten über versteckte Kirchen und Klöster in der Gegend erzählte, und ich war sprachlos.“

Viele von ihnen sind vollkommen verlassen, so wie die St. Iliya-Kirche im Dorf Gorochevtsi, verwaist wie ein nicht zu Ende gelesenes Buch. Viele Klöster und Kirchen fielen auch den Raubzügen von Schatzsuchern zum Opfer wie z.B. das Malomalovskiya-Kloster. Seine Geschichte reicht viele Jahrhunderte zurück, obwohl das genaue Jahr seiner Gründung nicht bekannt ist, da alle Aufzeichnungen dazu zu Zeiten des Osmanischen Reiches zerstört wurden. Sein Verfall wurde von illegalen Schatzsuchern in den 1990ern weiter vorangetrieben. 

„Ich bin inzwischen von diesen Kirchen wie besessen. Es wundert mich, dass die Menschen nicht wirklich viel über sie reden, trotz ihrer Schönheit, und dass sie so komplett aufgegeben wurden (es gibt nur selten Bilder von diesen Orten). Einerseits bin ich froh darüber, denn ich kann mich wie ein Forscher fühlen, aber andererseits ist es sehr traurig“, meint James.

„Es ist faszinierend: Kürzlich verriet mir eine Frau, wo ich den Schlüssel zu einer der Kirchen im westlichen Balkangebirge finden könnte, aber ich musste versprechen, dass ich es niemandem weitersagen würde, da nur die Einheimischen davon wüssten“, erzählt James.

„Es gibt so viele von ihnen, dass es schwierig ist, nur ein paar der bemerkenswerten aufzuzählen. Die St. Nicholas-Kirche in Kalotina zum Beispiel stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1331 (während der Herrschaft des bulgarischen Zars Ivan Alexander) und ist offen zugänglich. Eine kleine alte Dame in einem kleinen Häuschen hütet den Schlüssel zu einer der beeindruckendsten mittelalterlichen Kirchen, die ich je gesehen habe. Aber die Fresken sind fast gänzlich verblasst. Und die St. Spas-Kirche in Vasilovtsi kommt ebenfalls einem Wunder gleich: eine kleine Kirche, in der die unglaublichsten Fresken zu finden sind.“

„Für mich ist die Dokumentarfotografie sehr wichtig. Sie sollte das Schöne und das Hässliche gleichermaßen erfassen. Ich merke oft, dass die Bulgaren nur die schönen Dinge dokumentiert haben wollen, aber man muss Beides berücksichtigen. Man kann Dinge nicht verändern, indem man sie ausblendet; man muss zu ihnen stehen, denn nur dann kann man sie verändern und letztendlich eine Verbesserung erreichen.“