Kultur

Die Türkei als Kulturexporteur

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
Während sich die Türkei Europa annähert, öffnen sich auch die europäischen Staaten zunehmend türkischen Einflüssen. Der Bosporus ist uns näher, als wir denken.

Während der Wirtschaftswunderjahre wurden in Westdeutschland türkische Gastarbeiter zu Tausenden angeheuert, damit sie in deutschen Fabriken arbeiten. Heute stellen die Türken die größte Ausländergruppe in Deutschland. Im Jahre 2002 lebten dort 2,6 Millionen Türken oder Deutsche, türkischen Ursprungs. Über 120 000 Türken sind in Berlin gemeldet. Aber nicht nur Deutschland hat einen großen türkischen Bevölkerungsanteil. In Frankreich leben 370 000, in den Niederlanden 270 000 und in Österreich 200 000 Menschen türkischer Herkunft. In der EU kommt man insgesamt auf mehr als 3,7 Millionen Türken, was nahezu der Bevölkerung Irlands entspricht.

©WhatCouldPossiblyGoWrong?/flickrIn Deutschland herrscht eine geteilte Meinung zum EU-Beitritt der Türkei, obwohl es das Land ist, das am wenigsten Angst vor dem Eintritt der Türkei in die europäische Familie haben sollte. Vor allem in Berlin geht die türkische mit der deutschen Bevölkerung eine Symbiose ein. Der Stadtteil Kreuzberg entspricht einem Little Italy oder der China Town in New York. Es gibt dort eine große türkische Gemeinschaft, ohne dass sich ein Ghetto gebildet hätte. Ein großer Teil des Alltags ist zwar türkisch geprägt, doch gerade deshalb schätzt die nichttürkische Stadtbevölkerung diesen Stadtteil. Auch zeigt die türkische Bevölkerung in Berlin einen großen Willen zur Integration. So sprechen sich in einer Studie der Berliner Ausländerbeauftragten (2002) 95% der türkischen Bevölkerung für verpflichtende Sprachkurse aus. 97% der Befragten befürworten gleiche Ausbildungsmöglichkeiten für Jungen und Mädchen und bekennen sich damit deutlich zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Viele Bereiche des kulturellen und politischen Lebens sind türkisch geprägt. Schon die einfachsten Dinge des täglichen Lebens gehen auf türkische Einflüsse zurück. In der Studie 'Bunt in die Zukunft' des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI) von 2008 heißt es, dass multikulturelle Städte im Allgemeinen wirtschaftlich besonders porduktiv seien.

Döner und Tom Jones

Das bei weitem beliebteste Fast-Food-Gericht in Berlin und in weiten Teilen Deutschlands ist Döner Kebab (Fladenbrot mit Lammfleisch und Salat). Freitags oder samstags Nacht, wenn die junge Generation unterwegs ist, um Spaß zu suchen, werden die türkischen Döner-Stände aufgesucht, um den Hunger zu stillen, bevor man in die Bars oder Clubs geht, um sich zu amüsieren. In den Szene-Stadtteilen Kreuzberg und Friedrichshain findet man diese zuhauf, während ein McDonald’s schon schwieriger zu finden ist.

Die Freude war groß, als im Februar 2004 endlich wieder ein deutscher Film, den Goldenen Bären und damit die höchste Auszeichnung bei der Berlinale, einem europaweit renommierten Filmfestival gewann. Wobei, deutscher Film? Mitnichten. Der Regisseur des Films ist der 30-jährige türkischstämmige Fatih Akin aus Hamburg. Sein Film Gegen die Wand handelt von den Widersprüchen zwischen dem Traditionsbewußtsein der türkischen Elterngeneration und dem Freiheitsdrang ihrer Kinder.

Auch in der internationalen Musikszene werden immer wieder deutsch-türkische Big Points gesetzt. So verhalf der aus Hagen stammende Mustafa Güngogdu, besser bekannt als Mousse T. dem 'Tiger' Tom Jones zu einem weltweit erfolgreichen Comeback. Ihr gemeinsamer Hit 'Sex Bomb' ist inzwischen ein Evergreen.

Vom Gastarbeiter zum Firmenchef

Auch in der Bundespolitik sind unmittelbar türkische Einflüsse zu finden. Der grüne Politiker Cem Özdemir ist der Pionier der deutsch-türkischen Politiker, seit er 1994 in den Bundestag gewählt wurde. Seinem Beispiel folgten die Bundestagsabgeordneten Dr. Lale Akgün und Deligöz Ekin. Seit 2004 sitzt Özdemir für die Grünen im Europaparlament. Der erfolgreiche Tourismus-Unternehmer Vural Öger (ÖgerTours) hat ebenfalls den Sprung in die Politik gemeistert und ist seit 2004 Europarlamentarier. Er gehört dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten und Internationalen Handel sowie der Delegation im Gemischten Parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei an.

Türkische Unternehmer sind inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die EU. Dabei sind solch illustre Leute wie Vural Öger nur die Spitze des Eisberges. 2002 gab es in der Union 82 300 türkische Unternehmer, die 411 000 Arbeitsplätze schafften. Die überwältigende Mehrzahl ist auch hier wieder in Deutschland zu finden. Weniger als drei Viertel der Angestellten türkischer Unternehmen sind selbst Türken. Angesichts solcher Zahlen relativiert sich das weitverbreitete Stammtischargument 'Ausländer nähmen der einheimischen Bevölkerung die Arbeitsplätze weg'. Fast 2,3% des BIP in Deutschland wurde von türkischen Unternehmen erwirtschaftet (in Österreich über 1,8%). In der gesamten EU waren es knapp 0,8%. Dies sind 68,9 Milliarden Euro. Türkische Unternehmen, die vorwiegend in der Gastronomie und im Einzelhandel zu finden sind, liefern einen signifikanten Beitrag zur Wirtschaftskultur der Europäischen Union.

Zu stark für Asien

Man könnte die Diskussion: Ist die Türkei europäisch - ja oder nein? auch darauf beschränken, zu sagen: Die Türkei muss europäisch sein, da ihre Fußballnationalmannschaft zu stark für die asiatischen Teams ist. In ganz Europa spielen Türken auf hohem Niveau und verstärken europäische Topclubs wie zum Beispiel Hakan Sükür Inter Mailand oder Yildiray Bastürk Bayer Leverkusen. 2000 gewann Galatasaray Istanbul den UEFA-Cup und vor einigen Jahren wurde der Türke Mustafa Dogan in Deutschland eingebürgert um die Nationalmannschaft zu verstärken. Zur diesjährigen Europameisterschaft erreichte die Türkei das Halbfinale.

Die Türkei prägt Europa und vor allem Deutschland mehr, als uns bewusst ist. Türkische Kultur, Unternehmergeist und die Türken selbst sind schon längst in Europa angekommen. Jetzt warten wir nur noch auf die Türkei.