Kultur

Die Geschichte der Anderen: Ein Schulbuch führt israelische und palästinensische Perspektiven zusammen

Artikel veröffentlicht am 3. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 3. Februar 2009
5 Jahre hat die pazifistische NGO Prime an einem Schulbuch gearbeitet, das zwei Nationalgeschichten - die jüdische und die palästinensische - in einer einzigen Ausgabe zu vereinen sucht.

Wie viele palästinensische Siedlungen sind bisher dem Erdboden gleichgemacht worden? Laut israelischen Angaben sind es 370, die Palästinenser zählen 418. Im Nahen Osten hat die Geschichte, die in jedem Konflikt eine bedeutende Rolle spielt, stets zwei Gesichter. Seit fünf Jahren arbeitet eine Gruppe von Pädagogen, Israelis und Palästinenser aus Hebron, Bethlehem und Ost-Jerusalem, daran, diese doppelte Geschichte aufzuschreiben. Koordiniert wurde das Projekt von Dan Bar-On, der vor einigem Monaten gestorben ist, und Sami Adwan, beide Dozenten am Peace Research Institute for the Middle East (PRIME), eine israelisch-palästinensische NGO mit Sitz in Beit Jalah, im Westjordanland: Herausgekommen ist ein Handbuch für die Schulen, Die Geschichte der Anderen, das in Italien bei Una Città erscheint und in Frankreich im Verlag von Liliana Levi. Die italienische Ausgabe ist ergänzt um eine Einleitung von Walter Veltroni und ein Vorwort des französischen, kürzlich verstorbenen Historikers Pierre Vidal-Naquet.

Es gibt keine gemeinsame Geschichte

©Edizioni Una CittàEin Jahr lang hat die Gruppe gemeinsam mit siebenhundert Schülern und einem Dutzend Lehrern israelischer und palästinensischer Herkunft ein doppeltes Geschichtsbild erarbeitet: Beide Seiten sollen zu Wort kommen und einander erzählen, wie sie die Vergangenheit ihres Landes sehen. Das Ziel sei es gewesen, so Dan Bar-On, « die Geschichtsschreibung zu entwaffnen, schließlich sind es die Schulbücher, in denen das Wissen und das nationale Bewusstsein erhalten werden soll ».

Zunächst haben die beiden Teilgruppen, die palästinensische unter der Leitung von Adnan Musallam, die israelische unter Eyal Naveh, für sich gearbeitet, um anschließend ihre Texte zusammen zu fügen. Eines der Leitprinzipien lautete: Keiner sollte in seiner Erzählung ‘Zugeständnisse’ an die andere Seite machen müssen. Am Ende wurden die beiden Versionen in die jeweils andere Sprache übersetzt und vorgelesen: « Die eigene Geschichte von einem Anderen nacherzählt zu bekommen, war ein emotional anstrengendes Erlebnis », bestätigt Sami Adwan. Dabei ist es wichtig und gut, zwei Versionen zu haben: Jede Gruppe muss die Geschichte der anderen akzeptieren und respektieren können. Dass sie ihre Erinnerung teilen, wird nicht verlangt.

Dass sie ihre Erinnerung teilen, wird nicht verlangt.

Heute, nach fünf Jahren, heißt es: « Das Projekt der doppelten Erzählung des PRIME wird fortgeführt, auch wenn sich mit dem Gaza-Krieg die Beziehungen von beiden Seiten verschlechtert haben und die Lehrer unter immer stärkerem Druck stehen. Dennoch, neun Etappen in der israelisch-palästinensischen Geschichte sind erzählt, das Buch erscheint in diesem Jahr, in hebräischer und in arabischer Sprache. Außerdem hoffen wir, dass es auch eine englische Übersetzung geben wird », erklärt Bob Loeb von PRIME.