Kultur

Deutsch-französische TV-Serie "Borgia" - Geschichte neu schreiben?

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2011
Ich treffe Pol Bruno in seinem gemütlichen bretonischen Haus am Meer. Seinen zahlreichen Tätigkeiten – er war nacheinander Regieassistent für Kurzfilme, Philosophieprofessor und Forschungsdirektor eines sozialwissenschaftlichen Instituts – verdankt der Franzose seine nicht zu bändigende Neugier. Seit einigen Jahren erforscht er die Geschichte der römischen Adelsfamilie 'Borgia' aus dem 15.
Jahrhundert. Grund genug, ihm einige Fragen zum deutsch-französisch produzierten Sechsteiler [Borgia, 2010, von Neil Jordan, A.d.R.) zu stellen.

cafebabel.com: Sie haben sich bereits vor dem Fernsehhype um die Serie Borgia für das Phänomen dieser italienischen Adelsfamilie interessiert. Wie kam es dazu?

Pol Bruno: 1964 habe ich das Drama Das Liebeskonzil des deutschen Schriftstellers Oskar Panizza entdeckt. Die erfreuliche Wildheit, mit der sein Stück die freizügigen Feten im Vatikan während des Pontifikats von Alexander VI. (Rodrigo Borgia) erzählt, war eine Offenbarung. Die Tatsache, dass Panizza 1895, infolge der Veröffentlichung dieses Werkes, ein Jahr in München inhaftiert war, gab der Lektüre zudem eine besondere Bedeutung. Als Informationsquelle diente Panizza hauptsächlich das Tagebuch von Johannes Burckard, einem Zeremonienmeister des Vatikans während vier Pontifikaten. Genau der taucht auch in der Serie auf.

cafebabel.com: Wie hat Ihnen die Serie gefallen, die auf Canal + [in Frankreich; in Deutschland im ZDF]?

Pol Bruno: Ich habe sie mit Aufmerksamkeit und Interesse geschaut, immer in dem Bewusstsein, ein sehr unaufmerksamer Zuschauer zu sein. Es war eine Erfahrung Brecht’scher Verfremdungstechnik. Ich verglich ständig die Situationen und Charaktere, die Tom Fontana [Autor der Serie, A.d.R.] erfunden hat, mit dem, was ich über ihre historische Existenz weiß.

cafebabel.com: Was stimmt denn nicht mit den Charakteren?

Alias Rodrigo BorgiaPol Bruno: Es gibt zahlreiche psychologische Anachronismen. Die Protagonisten der Serie reden und handeln auf eine Weise, die völlig von den sozialen Realitäten ihrer Zeit gelöst ist. Lucrezia [die biologische Tochter des spanischen Kardinals und späteren Papstes Rodrigo Borgia, A.d.R.] kann den Ehemann, den der Papst für sie auswählt, nicht zurückweisen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen funktionierten nicht nach diesen Mustern, die eher unsere aktuellen sind, als jene der Menschen, die im 15. Jahrhundert im Vatikan lebten.

cafebabel.com: Entsprechen die Personen denn abgesehen davon ihren historischen Vorgängern?

Pol Bruno: Trotz einiger spitzfindiger Details, die die Drehbuchautoren zu nutzen wussten, würde ich insgesamt mit Nein antworten. Ist Juan (Stanley Weber) für Sie als älterer Bruder von Cesare (Mark Ryder) glaubwürdig?

cafebabel.com: Können Sie das näher erläutern?

Pol Bruno: In Wahrheit ist Cesare Borgia, 1475 geboren, älter als Juan, geboren 1476 oder 1477. Die Rivalität zwischen den beiden Brüdern gründete in einer Umkehrung ihres Erstgeborenenrechts. Als älterer Bruder hätte Cesare die Militärlaufbahn einschlagen sollen und sein jüngerer Bruder sich der Kirche verschreiben müssen. Der Cardinal Rodrigo Borgia, ihr Vater, entschied, die Laufbahnen zu vertauschen.

cafebabel.com: Aus welchem Grund?

Poster zur französischen Version 'Les Borgias'Pol Bruno: Aus zwei Gründen, die sich gegenseitig ausschließen. Als hervorragender Kenner der damaligen Macht der Kirche konnte Alexander VI. denken, dieser Weg sei seines „Ältesten“, Cesare, würdiger. Indem er Kardinal wurde, trat Cesare in die väterlichen Fußstapfen, sowie Rodrigo Borgia bereits in die seines Onkels, des Papstes Kalixt III., getreten war. Aber es gibt einen anderen möglichen Grund. Sie erinnern sich daran, dass Rodgrio Borgia in dem Moment, in dem er Vanozza Cattanei [Mätresse Rodrigo Borgias, A.d.R.] seine Kinder entzieht, Zweifel an seiner Vaterschaft hinsichtlich des Zweitgeborenen äußert. Wenn es Zweifel geben konnte, betrafen sie in Wirklichkeit eher den Älteren als den Jüngeren.

cafebabel.com: Dann muss alles alles neu geschrieben werden?

Pol Bruno: Sicher nicht. Diese Fernsehserie ist Fiktion und es ist gut, wenn sie es bleibt. Aber mitunter scheint mir, die Realität war spannender als die Fiktion. Anlässlich der Auflösung der Ehe zwischen Lucrezia und Giovanni Sforza wegen Nichtvollzugs (1498) wurde der Page Pedro Caldès, genannt Perotto, zum Boten zwischen Vatikan und Kloster. Zugleich war er Liebhaber von Lucrezia, die schwanger vor die Kardinalsversammlung trat, in der die Aufhebung der Ehe verkündet werden sollte. Ihre Begleiterinnen mussten sehr weite Kleider entwerfen, um ihren Bauch zu verdecken. Als Cesare, ihr Bruder, davon erfuhr, verfolgte er den Pagen in den Vatikan. Perotto wurde leicht verletzt als er in den Schoß des Heiligen Vaters floh und sein Blut befleckte das päpstliche Gewand. Nie wurde er von päpstlicher Hand ermordet. Gleichwohl wurde sein Leichnam einige Zeit später aus dem Tiber gefischt.

cafebabel.com: Was ist dran an der 'schwarzen Legende' der Borgias?

Pol Bruno: Wenn ich mich auf diese erste Staffel beziehe, gibt es einiges auszuradieren. Juan hat seinen Halbbruder Pedro-Luis nicht umgebracht. Bei dessen Tod war er gerade einmal 12 Jahre alt. Lucrezia hat ihren Bruder Juan nicht umgebracht. Die Verwicklung Cesares ist möglich, aber nichts wurde je bewiesen. Die italienische Historikerin Maria Bellonci [Autorin des Buches Lucrezia Borgia, A.d.R.] entkräftigt die Inzestvorwürfe gegen Lucrezia. Im Gegenzug sagt man Sancia d’Aragon (uneheliche Tochter des Königs Alfons II. von Neapel), der Tochter von Grioffré, nymphomanische Züge nach und es ist nicht undenkbar, dass sie die Familienbande auf ihre Weise gestärkt hat.

cafebabel.com: Warum so viele unbegründete Anschuldigungen?

Pol Bruno: Xenophobie. Die Borgias sind Ausländer. 'Katalanen' sagen die Römer. Gelingt es ihnen, eine päpstliche Dynastie zu gründen, ist es um die Macht der römischen Barone geschehen. Die Franzosen hatten das Papsttum beschlagnahmt, indem sie es nach Avignon verlagerten. Warum sollten die 'Katalanen' nicht versuchen, es in Valencia oder Madrid zu errichten?

Illustrationen: Homepage and Lucrezia  (cc)cattias/flickr, Papst Alexander VI. (cc)Real Distan/flickr;  Video : Serientrailer (cc)DrGonzo2015/YouTube, Interview Tom Fontana (cc)AtlantiqueProd/YouTube