Kultur

Design um jeden Preis

Artikel veröffentlicht am 24. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Januar 2008
Von Magazinen in die Verkaufsräume, von Massenkonsum auf die Kunstmärkte, von Frankreich nach Norwegen - junge Designer sind auf dem alten Kontinent im Kommen. Ein Stimmungsbild.

160 Objekte, 30 Jahre Design: Das Auktionshaus Artcurial, Kunstmarkt und Spekulationstempel, hat am 18. Dezember 2007 dreidimensionale Designprodukte zum Verkauf ausgestellt. Eine hitzige Versteigerung nahm ihren Lauf. Sowohl die großen Namen der Designerwelt als auch ein junger Mann in den Dreißigern, vielversprechender Liebling der Sammler nach einigen fulminanten persönlichen Kreationen, verkauften sich im Handumdrehen.

"Noch vor ein paar Jahren kannte ich die Welt der Designhäuser überhaupt nicht", sagt Cédric Ragot sichtlich belustigt. Ragot ist studierter Industriedesigner. Fünf oder sechs Telefone für Alcatel, Snowboardschuhe für Salomon, Motorradstiefel für Puma, ein Fahrradprojekt, Kooperationen mit L’Oréal oder EDF - Ragots innovatives Design brachte ihm Einnahmen, Zertifikate und sogar einen 'Stern des Designs' im Oktober 2007 für seinen Roboter 'Wifi', den er für den englischebn Spielzeughersteller Meccano designte.

Low tables + Writing desk (©Creation 2007 Cédric Ragot)

Doch es sind andere Arbeiten, die Ragot ins Rampenlicht gerückt haben. Sein Entdecker? Der italienische Design-Meister Giulio Cappelini. Im Möbelsalon im Jahre 2005 stieß Cappelini auf einen ikonoklastischen Hocker des jungen Franzosen, schlug diesem vor, das Modell zu produzieren und präsentierte den Hocker im darauf folgenden Jahr in Mailand. Der Franzose wurde einer der Newcomer des Pariser Warenhauses Tools, welches zielstrebig den Designmarkt der Gegenwart anführt.

©Cédric Ragot Design

Die Presse folgt dem Trend

Haben Sie 'Design' gesagt? "Die Leute tun sich schwer, den Zusammenhang zwischen dem dekorativen Objekt, das sie hier im Designhaus sehen, und dem gewöhnlichen Industrieprodukt zu sehen", bemerkt Cédric Ragot, der schon immer ein Design für jedermann fordert. "Aber der kreative Prozess ist derselbe: die Antwort dem Kontext anpassen und dabei trotzdem einen eigenständigen Gestaltungsvorschlag machen."

Das Schöne mit dem Nützlichen vereinen - eine Kunst, mit der sich verdienen lässt. Kaum ein Magazin, das keine Designrubrik hätte, von der seriösen Tageszeitung Le Monde bis zum femininen Blatt Biba, sogar im monatlichen Nischenfüller Art magazine häufen sich Artikel zum Thema Design.

Insider-Tipps

Wenn 'Vintage' Ihnen nicht so wichtig ist, gehen sie auf Tuchfühlung mit den Produzenten. Sie stellen Erstlingsprojekte mit dem Einverständnis der Designer her. Dort treffen Sie auf Neues und relativ Erschwingliches, es sei denn, Sie verlieben sich in ein Modell, das Luxusmaterialien und kostspielige Herstellungsprozesse vereint.

Was Auktionen angeht, setzen Sie auf Verkaufsaktionen in kleineren Städten, in denen sich oft neuere und damit erschwinglichere Objekte und Möbel verbergen. In den Antiquariaten werden Sie auf Möbel und altehrwürdige Designklassiker stoßen, denen die Zeit ihre Patina verliehen hat. Seien Sie bereit zu teilen: Ein Mengenkauf optimiert die Investition langfristig!

Auch auf Floh- und Trödelmärkten kann sich ein Blick lohnen. Allerdings ist dort ein gutes Augenmaß von Nöten. Die Bücher 1000 lights oder auch 1000 chairs der Reihe Taschen - günstig und international im Handel erhältlich - sollte Sie mit dem nötigen Wissen ausrüsten, um auf die Pirsch nach Designerstücken zu gehen. Verkaufsangebote im Internet? Das ist allein Ihr Risiko. Kopien gibt es online im Überfluss, besonders solche italienischer Herkunft, da in Italien ihre Herstellung erlaubt ist.

Vielversprechende Jungdesigner

Angesichts der Design-Talente in allen Winkeln Europas, hat die Jagd auf begehrte Objekte schnell die Runde gemacht. Die bretonischen Brüder Ronan und Erwan Bouroullec sind 'Made in France'. Mit ihrer überschäumenden Kreativität haben sie die größten Produzenten wie Cappelini, Vitra, ligne Roset und Kréo erobert, um nur einige zu nennen. Eine ganze Generation Mini-Starcks, die in die Fußstapfen des großen Raubtiers Philippe Starck tritt, tummelt sich auf dem Designmarkt. Ursprünglich aus der italienischen Schweiz, erkennt man Claudio Colucci an seinem farbenfrohen und surrealistischen Design. Mit seinen barocken Kreationen ist Jaime Hayon selbstredend der letzte Störenfried der spanischen Designszene. Haynon ist unter den zehn Designern, die für das englische Magazin Wall Paper wirklich zählen.

Seit einem Aufenthalt in München lehnt Konstantin Grcic das rationale Design ab, das er vorher am Royal College of Art in London gelernt hatte. Eine andere prestigeträchtige Institution, die Design-Akademie Eindhoven, hat ihrem Landeskind Helle Jongerius Flügel verliehen. Die Humanistin des Industriedesigns prangert übermütig an, dass die Ästhetik im Gegensatz zur Gebrauchsfunktion des Objekts häufig überwiegt. Darin stimmt sie mit Cédric Ragot überein. Dass das Design einen solchen Hype erfährt, liegt daran, dass Design gewissermaßen das i-Tüpfelchen eines Produktes ist. Das hat auch das Marketing längst begriffen.