Kultur

Der Knochenmann: urig, ekelig, komisch

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2009
Der österreichische Film Der Knochenmann hatte auf der 59.Berlinale seine Weltpremiere und wurde von den cafebabel.com Journalisten zum Highlight des Festivals gewählt. Die bitterböse Krimikomödie um den bedauernswerten Privatdetektiv Brenner (Josef Hader) gibt tiefen Einblick in das ländliche Österreich und seine Beziehung zu den europäischen Nachbarstaaten ostwärts der Donau.
In der Alpenrepublik ist Simon Brenner so etwas wie ein Volksheld. Wir erklären warum.

„Jetzt ist schon wieder was passiert“. Für Österreicher ist bei diesem Satz die Freude groß, denn er bedeutet, dass Privatdetektiv Simon Brenner wieder in Aktion tritt. Sechsmal durfte er das schon in den Krimiromanen von Popliterat Wolf Haas (49), der eine wahre „Brennermania“ in Österreich ausgelöst hat. © Dor Filmproduktion/Petro Domenigg

Mit seinem Antihelden Brenner hat Haas den wahrscheinlich phlegmatischsten Ermittler der Welt geboren. Er ist so gebrochen, dass man ihn am liebsten feste drücken möchte und ihm zurufen mag „Es wird schon wieder gut!“. Aber es wird nichts gut im Leben dieses Ex-Polizisten, der wegen Langsamkeit vom Dienst entlassen wurde und nun dahinvegetiert ohne Wohnung und ohne Frau. Dafür hat er einen ziemlichen Dickschädel, Dauermigräne und ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein.

Frankreich hat Maigret, Italien Commissario Montalbano und Österreich den Trotzkopf Brenner

Frankreich feiert seinen edelmütigen Kommissar Maigret, Italien erfreut sich an Commissario Montalbano und Österreich hat eben den arbeitslosen Trotzkopf Simon Brenner. So bodenständig wie Brennerbücher daherkommen, traut sich kein Tourismusverband des Alpenlandes Werbung zu machen. Haas trifft dagegen mit seiner Melange aus Lokalkolorit, salopper Umgangssprache und schwarzen Humor tief in die österreichische Seele.

 Komm, süßer Tod war das erste Brennerbuch, dass 2001 von Regisseur Wolfgang Murnberger (48) verfilmt wurde. Der Streifen ist als erfolgreichster österreichischer Film in die Geschichte eingegangen und könnte nun vom Knochenmann abgelöst werden. Denn das Trio Haas-Hader-Murnberger gibt sich skurril-grotesk und grausig-komisch wie nie zuvor.

Gräuel und Wahnsinn in österreichischen Kellern

Brenner verschlägt es diesmal in das tief provinzielle Wirtshaus Löschenkohl, in dem täglich einige hundert Brathendl über den Tisch gehen. Im Keller steht die Mahlmaschine, die aus den Knochenresten neues Hühnerfutter macht. So sparen sich die Hendl das chemische Kraftfutter und der ewige Kreislauf von Leben und Tod nimmt im Löschenkohl seinen banalen Lauf. Allerdings muss Brenner feststellen, dass Gräuel und Wahnsinn oft im harmlosen Gewand daherkommen und dass nicht nur Hendlreste im Keller durch den Fleischwolf gehen. Es wird gemordet und geschlachtet, dass einem die Spucke weg bleibt.© Dor Filmproduktion/Petro Domenigg

Und doch birgt jede Szene etwas Komisches, jede Tat ist irgendwie begreiflich und jeder Schurke ist gleichwohl zu bemitleiden. Da wäre der im Rollstuhl sitzende slowakische Zuhälter, der sich per Anhalter durch die österreichische Provinz kämpfen muss. Oder der ungeliebte Juniorchef, der selbst im Porsche keine Beachtung bekommt und natürlich der mysteriöse Wirt Löschenkohl selbst, der in Bratislava Prostituierte „retten“ möchte.

Detektiv Brenner stolpert wie gewohnt von einem Geheimnis zum nächsten, ohne den Fall zu verstehen oder aufzuklären. Das stetige Brummen der Mahlmaschine raubt ihm zudem den Schlaf, aber er bleibt Gast im Wirtshaus, denn er hat sich in die Küchenchefin Birgit verliebt. © Dor Filmproduktion/Petro Domenigg

Regisseur Murnberger beschreibt seinen Knochenmann dementsprechend als Liebesfilm. Es ist eine gewagte Klassifizierung, die wahrscheinlich nicht von Videotheken übernommen wird. Der Film könnte unter „Komödien“ ins Regal kommen, vielleicht wird man ihn auch bei den Splattermovies finden, aber am wahrscheinlichsten wird es wohl ein sehr exponierter Platz in der Ecke der Meisterwerke werden. Nicht zuletzt vergleicht man Murnbergers Komm, süßer Tod mit Scorseses Bringing Out the Dead - Nächte der Erinnerung. Der Knochenmann legt noch a Schäuferl drauf.

Kinostart in Österreich: 6. März 2009

Hier geht’s zum Interview mit Josef Hader und Wolfgang Murnberger und hier zu den Fotos der Premierenparty.