Kultur

Der kleine Mann und das Meer

Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2009
Die kinderbegeisterte Sprachassistentin Alissa erzählt die Geschichte einer Trennung in den walisischen Valleys of Glamorgan.

„Miss, William is daydreaming again“, petzte Katelyn mit Unschuldsmiene und deutete anklagend auf den rothaarigen Jungen am Fenster.

Als ich knapp hinter ihm stand sah ich in der Spiegelung, dass Williams Augen feucht waren. Unbewusst holte ich tief Luft, um mich auf einen erneuten autistischen Anfall meines rothaarigen Lieblingskindes vorzubereiten.

„Are you sad, Scott?“ fragte ich ihn und benutzte absichtlich seinen geheimen Namen.

Er blickte mich mit wasserklaren Augen an, die mich jedes mal frösteln ließen und fragte: „Miss, do you like being a teacher assistant in our class? Or would you prefer being somewhere else instead?“

„I like being in your class and I also like being somewhere else sometimes. And you, Scott?”

“I want to be somewhere else most of the time. I want to be where Amy is. I always want to be where Amy is”, flüsterte er und presste seine Nase gegen die Fensterscheibe einen feuchtgehauchten Fleck hinterlassend.

©Dave JG(busy)/flickrDies ist eine Liebesgeschichte. Sie spielt zwischen sanften walisischen Hügeln in den so genannten Valleys of Glamorgan. Sie spielt in den Herzen zweier Kinder, denen niemand glaubt, dass sie lieben können.

Es war einmal ein neunjähriger Junge mit feuerroten Haaren und sehr hellen Augen die ihre Farbe wechselten. Nach eigenen Angaben war der Junge in Amerika geboren und kurz nach seiner Geburt aus dem Krankenhaus spaziert, um mit einer bestimmten Dampflokomotive, dem Flying Scotsman nach England zu fahren.

Es war einmal ein Mädchen namens Amy, das eine durchschnittliche Kindheit hatte, bis ein Junge namens William oder Scott in ihre Klasse kam und ihr erzählte, dass es Engel gibt, die nur er mit seinen ganz besonderen Augen sehen kann und dass nur sie diese Engel mit ihren ganz besonderen Ohren hören kann. Denn William hatte besondere Augen und Amy hatte besondere Ohren. Zusammen könnten sie mehr erstaunliche Dinge erleben als der Abenteuerreisende Captain Cook.

„I need to go to Swansea, Miss.“ William hatte sich während meiner Pausenaufsicht an mich herangeschlichen. Seine Fäuste vergruben sich in den Stoff meines Mantels und wurden weiß. „I have been thinking a long time, Miss. See, my eyes became grey.”Er wendete mir sein rundes Gesicht zu und ich sah seine ruhelosen Pupillen eingebettet in fahles grau.

„Swansea is on the coast, right? If I could just stand on the beach Amy might hear me from where she is with her special ears, you know. And maybe I could see her with my eyes then. Maybe my eyes will get their normal colour back.”

Dies ist die Geschichte einer Trennung. Oder einer Liebe über alle Grenzen hinweg. Als Amys Vater ins südostirische Arklow befördert wurde, beschloss die Familie die walisische Kleinstadt zu verlassen und das Heulen des Windes gegen das Rauschen des Meeres einzutauschen. Nachdem Amy fortgegangen war, hatte William viel geweint, auch zusammen müssen sie viel geweint haben, denn William sagte mir, in diesen Tagen des Abschiedes hätten ihm seine Tränen die Farbe aus den Augen gespült.

Ich sah schweigend auf William hinunter und begriff, dass kein Schulpsychologe jemals einem autistischen Jungen glauben würde, dass er verliebt sei.

“I see, William. There is nothing wrong with it if you want to feel closer to Amy although she is far away. And if you think it will help you to go to Swansea beach you should do that.”

“Will you go with me?”

Ich schluckte. „Why don´t you ask your Nan to go on a trip to Swansea? I am sure she won´t say no.”

“My Nan does not like it when I talk about Amy and I certainly will.Please, Miss, I want to go with you.”

Williams ordinäre Tagesmutter wusste es sehr zu schätzen, dass man ihr das Kind, das sie als „the trouble boy“ bezeichnete, für einen Tag entführte. Auch wusste seine Mutter um die gute Beziehung zwischen mir und ihrem Sohn, die sie für William als „incredibly healthy“ beschrieb.

Am Donnerstag brachte William mir ein selbstgemaltes Bild mit auf dem ein Strichmännchen mit roten und braunen Haaren abgebildet war, das ein blaues und ein braunes Auge hatte. Das Strichmännchen war ein Vierfüßler. William, der heute Scott war, weil es heute genau zehn Jahre und fünf Monate und fünfzehn Tage her war, dass er auf dem Flying Scotsman von Amerika nach England gekommen sei, strahlte mich den ganzen Tag an als würden wir zwei Mitglieder eines höchst geheimen Bundes sein, der kurz davor war, die Welt unter Kontrolle zu bringen.

„Who is that?“ fragte ich stupide und deutete verständnislos auf die vier Füße des Strichmännchens auf dem Bild.

„It´s me“, sagte William stolz. “I have blue eyes in this picture. That means that I am happy.”

“But why do you have four legs?”

“Two of them belong to Amy. And so does the brown hair and the brown eye. It´s Willamy. Half Amy and half me makes one Willamy, together we are two Willamies.” Er lachte giggelnd und begann durch den Mund zu atmen. Später musste ich ihn aus dem Klassenzimmer führen, weil er hyperventilierte.

Am Freitag waren Williams Augen blau wie der wolkenlose Himmel außerhalb von Wales und er konnte sich auf keine einzige Aufgabe konzentrieren.

Als ich am Samstag in die Hotelrezeption des Swansea Beach Inn trat, in dem ich mich mit Williams Nan verabredet hatte, saß William bereits in einem großen grünen Lehnsessel und lächelte vor sich hin.

„He did not sleep untill ten o´clock yesterday. I do not know what´s the matter with this trouble-boy. You never know what drives him so mad”, beschwerte sich seine schmatzende Tagesmutter und drückte mir einen Kinderrucksack in die Hand. „Thank you so much for taking him out. William, behave yourself. Otherwise Miss will never spend her free time with you again!”

Wir rannten zum Strand, kletterten über eine niedrige Mauer und kullerten die Düne hinunter. William richtete sich Sand spuckend auf und starrte auf den Horizont. Der Junge schloss die Augen, runzelte die Stirn, als wollte er einen sehr leisen Ton vernehmen. Als er die Augen vorsichtig öffnete waren sie grau-grün. Ich wusste was dies zu bedeuten hatte.

©Claudia Vieira/flickr

„She is there, waving at me!“ schrie er plötzlich und brach in einem furchtbaren Weinkrampf zusammen. Ich versuchte ihn aus dem Sand auf meine Schoß zu ziehen, doch Williams kleiner Körper schien plötzlich eine Tonne zu wiegen.

Der breite Strand von Swansea war menschenleer, die Flut war im Kommen, Muscheln wurden von den Wellen an den Strand gespült. Ein alter Mann ging mit seinem Hund in einigen Metern Entfernung an uns vorbei. Er dachte wir würden im Sand spielen und winkte uns fröhlich zum Gruß. Da beschloss ich nicht wie andere Erwachsene zu sein und William nicht mehr wie ein Kind, sondern wie einen Liebenden zu behandeln. Liebe ist, wenn man Eins mit einem anderen Menschen wird und irgendwann nicht mehr die Wahl hat sich zu entzweien. Ich beschloss, die Liebe zwischen zwei Kindern zu akzeptieren.

„Let´s take a walk along the beach. Stand up“, befahl ich ihm. Wir marschierten nebeneinander her, hinterließen ein Paar kleiner runder Fußstampfen und ein Paar großer tiefer Abdrücke. Der salzige Wind peitschte in unsere Gesichter und zerwarf unsere Haare. Wir gingen langsam, versanken im Sand. Nach einer Stunde setzten wir uns auf eine Düne. Ich zog William die Kapuze über den Kopf und gab ihm ein Taschentuch. Ein kleiner Junge bleibt dennoch ein kleiner Junge.

„Maybe I will never see her again“, sagte William plötzlich sehr ernst. Er starrte wieder auf das Meer, als versuche er Amy dort am irischen Ufer auszumachen, wie sie dort stand und zu uns herüberschaute.

“So give her a place in your heart but not in your daily thoughts. Think of her only in special moments completely dedicated to her”, riet ich ihm.

Es wurde früh dunkel und William begann vor Kälte zu zittern. Ein Fischer in gelber Öljacke stand bis zu den Knien im Meer und warf seine Angel aus. „Let´s go slowly back to the hotel. Enjoy the last minutes of todays special moment with Amy. In tomorrow you will have another one”, schlug ich vor.

Da rannte William schreiend die Düne hinunter und raste auf die Wellen zu. Ich sprang auf und lief ihm hinterher. Er überschlug sich und landete mit dem Gesicht im Sand einige Meter vor der ersten Welle. Der Fischer drehte sich um. Ich ließ mich neben ihn fallen und versuchte ihn festzuhalten, doch er riss sich los und watete zum Wasser. Eine kleine Welle schlug über seine Schuhe, doch William regte sich nicht.

„Why do I feel that, Miss?“ fragte er. Ich hob ihn aus dem Meer und trug ihn zum Strand zurück, wo er sich plump auf die Knie sinken ließ.

„It´s because you are in love.“

“In love”, wiederholte er. “That´s what it is. It is really bad to be in love.”

“No,it´s just something special and you two are both very special. That is why it happened to you. You are still in love although it is difficult and it hurts because you are far away from each other. Try to enjoy the feeling of being in love. You will notice that it is not that bad. There is still something beautiful in it.”

William sah auf das Meer hinaus, dann öffnete er seinen kleinen Mund und schrie aus voller Kehle.

4. Platz - Das sagte die Jury: "Dies ist die Geschichte einer Trennung. Oder einer Liebe über alle Grenzen hinweg." Alissa begegnet während ihres Aufenthaltes in Wales der Geschichte einer ganz besonderen Liebe.