Kultur

Der Goldene Bär 2014: Kohle, Eis und Leichenteile

Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2014

Ein be­trun­ke­ner Kom­mis­sar, viel dre­cki­ge Kohle, das Quiet­schen von Kufen auf Eis und eine be­tö­ren­de Schö­ne. Das sind die Zu­ta­ten für eine künst­le­ri­sche Meis­ter­leis­tung und das sah auch die Jury der Ber­li­na­le­ so: Der gol­de­ne Bär der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin geht an den chi­ne­si­schen Ga­no­ven­film Bai Ri Yan Huo 2014) von Diao Yinan. Filmkritik

Lang­sam, wie träu­mend glei­tet die junge Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei) über die Eis­flä­che, die mal gelb, mal blau auf­leuch­tet. Aus den Laut­spre­chern säu­selt klas­si­sche Musik und alles könn­te so schön trau­rig sein. Wäre da nicht der sus­pen­dier­te Kri­mi­nal­kom­mis­sar Zhang Zili (Liao Fan), der un­be­hol­fen auf sei­nen Kufen der schö­nen Wu hin­ter­her stol­pert. „Hören Sie auf, mich zu ver­fol­gen.“ Auf die Nach­richt auf einem Zet­tel­, den Wu ihm in der Wä­sche­rei zu­steckt, re­agiert der Kom­mis­sar nicht, der seit fünf Jah­ren ein psy­chisches Wrack ist. Da­mals waren in ver­schie­de­nen chi­ne­si­schen Koh­le­fa­bri­ken Lei­chen­tei­le ge­fun­den wor­den, doch das grau­si­ge Ver­bre­chen da­hin­ter konn­te nie auf­ge­klärt wer­den.  

Er­mitt­lun­gen auf eis: zhang zili und die halbe hand

Als bei einer Schie­ße­rei zwei von Zhangs Kol­le­gen ge­tö­tet wer­den, wird der Kri­mi­nal­kom­mis­sar, des­sen Ehe­frau ihm ge­ra­de erst die Schei­dungs­pa­pie­re über­reicht hat, aus dem Dienst ent­las­sen. Jahre spä­ter tau­chen neue Lei­chen­tei­le auf und als In­spek­tor Wang (Yu Ailei) die Er­mitt­lun­gen wie­der­auf­nimmt, kann auch Zhang es nicht las­sen. Auf ei­ge­ne Faust spürt er Wu, dem tot­ge­glaub­ten Liang Zhi­jun (Wang Xu­e­bing), dem Wä­sche­rei­be­sit­zer Ron­gRong (Wang Jing­chun) und an­de­ren Ge­stal­ten der klein­städ­ti­schen Un­ter­welt nach, in der er nicht nur Koh­le­spu­ren und ganz viel Schnee, son­dern auch blu­ti­ge Kufen und ein dunk­les Ge­heim­nis ent­deckt. 

Of­fi­zi­el­ler Ki­no­trai­ler von Bai Ri Yan Huo (2014) des chi­ne­si­schen Re­gis­seurs Diao Yinan.

Was haupt­säch­li­che düs­ter und tra­gisch da­her­kommt, ist stel­len­wei­se aber auch sehr ­ko­misch - einen so wat­sche­lig über das Eis schlit­tern­den Kri­mi­nal­kom­mis­sar hat man si­cher­lich noch nicht ge­se­hen. Die Ge­schich­te von Zhang und Wu er­zählt der chi­ne­si­sche Re­gis­seur Diao Yinan in sei­nem neuen Film Bai Ri Yan Huo (Black Coal, Thin Ice 2014) mit so viel Fein­ge­spür für die see­li­schen Un­tie­fen sei­ner Ak­teu­re und so viel Si­tua­ti­ons­ko­mik, dass selbst Zu­schau­er, die kaum für De­tek­tiv­ge­schich­ten schwär­men, den Blick nicht von der Lein­wand wen­den kön­nen. „China be­fin­det sich im Um­bruch. Vie­les, was hier pas­siert, scheint ein­fach un­glaub­lich. Man­che Morde bei­spiels­wei­se sind voll­kom­men ab­surd – und gleich­zei­tig recht ge­naue Ab­bil­dun­gen un­se­rer Rea­li­tät.“ Diao Yinan, der in China vor allem als avant­gar­dis­ti­scher Thea­ter­ma­cher be­kannt ist, war es be­son­ders wich­tig, die un­ge­schmink­te chi­ne­si­sche Wirk­lich­keit dar­zu­stel­len.

Mit An­lei­hen bei Orson Wel­les und einer sub­ti­len, am film noir ab­ge­schau­ten Äs­the­tik schafft es Diao Yinan, mit Bai Ri Yan Huo eine neue In­ter­pre­ta­ti­on des ver­wor­re­nen Kri­mi­nal­stof­fes zu lie­fern. So ist die Figur der Wu Zhizhen kei­nes­wegs eine schil­lern­de femme fa­ta­le, die Kom­mis­sar Zhang mit blut­rüns­ti­gem Blick ver­führt. Sie wirkt viel­mehr wie ein klei­nes Mäd­chen, wenn sie still und ein­sam auf der Eis­flä­che ihre Run­den dreht, die mehr aus Un­ge­schick­lich­keit als aus Bös­ar­tig­keit in den Kri­mi­nal­fall hin­ein­ge­rutscht ist. Groß­ar­tig spielt eben­so Liao Fan, der dem Kri­mi­nal­kom­mis­sar nicht nur emo­tio­na­le Tiefe ver­leiht, son­dern alle Fa­cet­ten eines de­pres­si­ven Al­ko­ho­li­kers aus­spielt: „Der Er­mitt­lungs­pro­zess ent­schlei­ert ein In­di­vi­du­um, das mit sich selbst im Clinch liegt. Un­ent­schie­den­heit, Feig­heit, Ver­rat und der Im­puls, sich ein­fach so­zia­len Nor­men an­zu­pas­sen: Diese Schwä­chen ent­stam­men der Ne­ga­ti­vi­tät und Pas­si­vi­tät des mensch­li­chen Her­zens“, meint Diao Yinan.

Feu­er­werk bei Ta­ges­licht und fan­tas­ti­sche Ge­schich­ten

Für seine in­ten­si­ve Dar­stel­lung des stoi­schen Kom­mis­sars er­hielt Liao Fan dann auch ver­dien­ter­ma­ßen den Sil­ber­nen Bären als bes­ter Schau­spie­ler. Die letz­te Szene von Bai Ri Yan Huo ist al­ler­dings Wu vor­be­hal­ten, die ihre alte Woh­nung be­sich­ti­gt. Wäh­rend sie ver­träumt in den Him­mel starrt, kracht es plötz­lich in einem der obe­ren Stock­wer­ke und ein Feu­er­werks­kör­per ex­plo­diert wie schil­lern­der Schnee am Him­mel. Der Ori­gi­nal­ti­tel des Films lau­tet dem­entspre­chend Feu­er­werk bei Ta­ges­licht und un­ter­streicht den fan­tas­ti­schen Cha­rak­ter der Ge­schich­te: „Feu­er­werk ist wie eine Ka­thar­sis, die wir Men­schen be­nutz­ten, um uns vor den schlim­me­n Sei­ten der Rea­li­tät zu schüt­zen. Die Men­schen in China haben das mo­men­tan bit­ter nötig“, meint Diao Yinan.

Mit der Figur des Zhang Zili hoffe er, seine Zu­schau­er dazu an­zu­re­gen, über ihre mo­ra­li­schen Ent­schei­dun­gen nach­zu­den­ken: „Man muss ent­schie­den han­deln – und nicht nur blind den Re­geln fol­gen, ohne das in Frage zu stel­len, was einem er­zählt wird.“ Der un­glück­li­che Kri­mi­nal­kom­mis­sar Zhang hat si­cher­lich den Mut dazu, auch wenn er sich damit in Le­bens­ge­fahr bringt. Aber nur so ge­lingt es ihm schließ­lich, sei­nen Fall zu lösen. Wer der Mör­der ist und ob die mäd­chen­haf­te Wu sich in den ein­sa­men Kom­mis­sar ver­liebt, tritt am Ende hin­ter die sub­ti­le Schön­heit fan­tas­ti­scher All­tags­mo­men­te zu­rück. Zu wun­der­bar ist das glit­zern­de Feu­er­werk am blau­en Him­mel, zu omi­nös die dunk­len Koh­le­spu­ren im Schnee. Was sich dar­un­ter ver­birgt, bleibt wei­ter­hin ein Ge­heim­nis. 

CA­FE­BA­BEL BER­LIN BEI DER 64. BER­LI­NA­LE

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