Kultur

Denisas Kolomyckis: „In ein paar Jahren wird Litauen bereit für LGBT-Rechte sein”

Artikel veröffentlicht am 9. April 2013
Artikel veröffentlicht am 9. April 2013
Die Schüchternheit von Denisas Kolomyckis will nicht so recht mit seiner beeindruckenden Karriere zusammen passen. Mit nur 20 Jahren hat der in Vilnius geborene Balletttänzer schon einige internationale Erfahrungen gesammelt, unter anderem in New York und London. Wenn um seine Homosexualität geht, zögert er keine Sekunde: „Ich gehöre zu den wenigen, die in jedem Interview darüber sprechen“.
Lest den dritten Teil unserer Serie "LGBT-Porträts".

„Ich rede gerne über Kunst – das ist mein Spezialgebiet. Aber mir wäre es lieber, nichts sagen zu müssen, wenn es um mich geht.“ Mit diesem Satz beendet Denisas Kolomyckis unser Interview in der Bar Sully in Paris. Der introvertierte junge Litauer, der gerne lächelt und offen homosexuell ist, ist tatsächlich kein einfacher Gesprächspartner: Künstler wie er sprechen wohl nicht gerne über sich. Er hat die letzten 20 Jahre so intensiv gelebt, dass man bis zur allerletzten Minute abwarten muss, bevor er sich vorstellt.

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Nachdem er die Hälfte seines Lebens an Litauens renommiertester, nach dem berühmten Komponisten und Maler Mikalojus Konstantinas Čiurlionis benannter Kunsthochschule Ballettunterricht genommen hatte, hat er seine Ausbildung am britischen Conservatoire for Dance and Drama in London fortgesetzt. „Mit 18 habe ich dann Jonas Mekas [litauischer Filmregisseur und Schriftsteller; A.d.Ü.] in Litauen getroffen. Er hat mir vorgeschlagen, nach New York zu gehen. Ich interessiere mich nicht nur für Ballett, sondern auch für Malerei. Außerdem habe ich in einigen Filmen gespielt, zuletzt in We Will Riot (2013) vom litauischen Jungregisseur Romas Zabarauskas.“, erzählt Denisas Kolomychis.

„Vilnius is the new cool“, lautet die Botschaft des dritten Films dieses jungen Cineasten. Kolomyckis geht sogar noch einen Schritt weiter: „In fünf Jahren wird Vilnius das neue Paris sein.“ Das momentane Wirtschaftswachstum seines Landes ist rekordverdächtig: nach Lettland stand Litauen2012 an der Spitze der Europäischen Union. Das scheint Litauen weltoffener gemacht haben und ist auch der Kulturbranche zugutegekommen. Trotzdem ist die Einstellung vieler seiner Landsleute alles andere als fortschrittlich, stellt Kolomyckis fest: „Keine Frage, die Litauer sind offener geworden, seit unser Land in der EU ist. Und trotzdem muss man sich noch heute anhören, dass das Parlament Homosexualität als eine Krankheit bezeichnet.“

Der Moment zum Handeln? Jetzt oder nie!

„Die Litauer sind offener geworden. Trotzdem muss man sich noch heute anhören, Homosexualität sei eine Krankheit.“

Er zeigt sich dennoch optimistisch: „Spätestens in fünf Jahren wird die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare legalisiert werden. Ich glaube, bis dahin wird die litauische Gesellschaft bereit dafür sein.“ Mit der Gleichstellung der Homoehe in Frankreich und in Großbritannien ist für Kolomyckis nun der Moment zum Handeln gekommen. „In ganz Europa wird derzeit über die Gleichstellung der Homoehe diskutiert. Das trägt dazu bei, die Diskussion auch in Litauen anzustoßen.“

Obwohl er viel im Ausland lebt und arbeitet, bewahrt sich der Künstler eine enge Verbindung zu seinem Heimatland: „Die Debatte in meinem Land über die Legalisierung der Homoehe bringt mich nicht dazu, mich nicht nur für meine eignen Rechte einzusetzen, sondern für die von allen Homosexuellen in Litauen.“

Der baltische Staat sträubt sich nämlich dagegen, die LGBT-Community voll und ganz in die Gesellschaft zu integrieren. Der letzte Bericht von Amnesty International prangert die Homophobie, die in der litauischen Gesellschaft herrscht, an. Die Diskriminierung gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen wird mit einem Gesetz zum Schutz Minderjähriger begründet, das, den Kindern zuliebe, die Ehe für alle verbietet. „Es ist vollkommen unsinnig, Kampagnen für die Rechte Homosexueller zu verbieten!“, urteilt Kolomyckis, während er sich eine Zigarette dreht.

Nichtsdestotrotz, versichert er, habe er auch in seinem Heimatland kein Problem damit, über seine Homosexualität zu sprechen: „Ich bin schwul und das ist gut so. Es ist nicht meine Schuld, dass einige Regierungsmitglieder das nicht verstehen.“ Es scheint, als hätte er die Kraft seiner Mutter geerbt, die ihn und seinen Bruder alleine groß gezogen hat. Obwohl er seiner Karriere zuliebe weit weg von seiner Familie lebt, würde er später gerne nach Litauen zurück gehen. „Der Gedanke, zurück nach Litauen zu gehen, um dort zu leben, gefällt mir. Ich sehe mich als Botschafter meiner Stadt und meines Landes.“

Lest hier Teil I und Teil II unserer Serie "LGBT-Porträts"

Illustrationen: Teaser: ©Adrien le Coärer; im Text: ©Denisas Kolomyckis; Video: Romas Zabarauskas/YouTube.