Kultur

David Lynch Club in Paris: Schlümpfe im Silencio

Artikel veröffentlicht am 15. November 2011
Artikel veröffentlicht am 15. November 2011
Sicherlich wird man nicht mit dem Filmzitat “Silencio, no hay banda…” begrüßt, wenn man den exklusiven Pariser Club von David Lynch betritt. Das Silencio öffnete am 6. Oktober seine Pforten. Auch wenn der Name ein Tribut an den Kultfilm Mulholland Drive ist - erwartet dort keine Rita, Leichen oder ungelöste Rätsel.

Beobachtet man derzeit den Eingang des Silencio - momentan der wohl angesagteste Club in Paris - dann sieht man lediglich einen mittelgroßen Mann Wodka durch einen Strohalm trinken. Er checkt, ob dein Name wirklich auf der Gästeliste steht, während hinter ihm ein Neonschlid zwei Schlüssel zeigt, deren Farben ständig zwischen rot und blau wechseln. Wir befinden uns in der Rue Montmartre 142 — die frühere Anschrift von L’Aurore, der legendären Zeitung, die Emile Zolas Streitschrift J’accuse druckte. Davor war das 'Silencio' der Ort, an dem Molière ursprünglich begraben werden sollte. In jüngster Zeit diente die Ecke außerdem als Tonstudio für die französische Elektroband Justice. Für alle Anderen, egal ob Experten oder Laien, befindet sich das Gebäude ganz einfach rechts neben dem Nachtclub Social Club.

Eintrittskarte ins Land des Kubismus

Das Silencio wirkt auf den ersten Blick wie ein Bunker, von der Außenwelt durch drei Wendeltreppen abgetrennt. Unten angekommen erwarten den renommierten Besucher Fotoaufnahmen des Clubs, die der Allrounder (Clubbesitzer, Designer und Musiker) David Lynch persönlich gemacht hat. Auch ein bisschen Schwindelgefühl kommt auf — das mulmige Gefühl, dass sich die Welt in zwei Hälften teilt. Auf der einen Seite die Realität — vielleicht auch, weil wir gerade erst die Treppen hinunter gegangen sind. Auf der anderen Seite fühlt es sich hier unten irgendwie fiktiv, verwirrend und rätselhaft an. Letzten Endes würde niemand, der bei Verstand ist, in Lynchs Pariser Club gehen, ohne ein kleines bisschen fasziniert von Lynchs Thriller Mulholland Drive (2001) zu sein.

Lynchs Fotos zeigen einen Ort, der wiederum in ein Filmset verwandelt wurde: Es fühlt sich fast so an, als würde man mitten in einem kubistischen Kunstwerk stecken. 'Ich fotografiere einen Nachtclub, der wiederum die Reproduktion eines erfundenen Clubs in einem meiner Filme ist', muss Lynch zu sich selbst gesagt haben. Und damit ist man bereits mittendrin in diesem Gedankenstrudel, vor dem nur eine gute Prise Zynismus retten kann.

Auch der neonblaue Schlüssel am Eingang vom Silencio verweist auf das Mulholland-Mysterium. All diese Referenzen geben der Location ein exklusives und privates Gefühl. Von 18 Uhr bis Mitternacht können nur offizielle Mitglieder den Club betreten (Beitrittsgebühr sind schlappe 1500 € pro Jahr — 'Ausländer' zahlen 'nur' 400 €). Danach öffnet das Silencio seine Pforten auch für Nicht-Mitglieder bis um 6 Uhr morgens. Aber natürlich nur, wenn der Name auf der Gästeliste steht. Um Mitglied zu sein, muss man nicht nur das jährliche Abo berappen, sondern außerdem irgendetwas mit der internationalen Kunstwelt am Hut haben. Man muss nicht notwendigerweise Sänger, Schauspieler oder Schriftsteller sein. Aber es empfiehlt sich selbst an Treffen, Konzerten, Seminaren und Ausstellungen beteiligt zu sein oder eigene Events auf die Beine zu stellen.

"Mehr oder weniger das gleiche wie der Social Club. Nur die Frauen sind niveauvoller!”

Das alles passiert vor Mitternacht. Danach verwandelt sich das Silencio, wie Aschenputtel, von einer Klein-Hollywood-Szene in eine durchschnittliche Tanzfläche mit einem durchschnittlichen DJ und Leuten, die an der Bar herumstehen. Einige werden sagen: 'Das ist mehr oder weniger das gleiche wie im Social Club. Nur die Frauen sind niveauvoller!' Dennoch kannst du hier zwischen bequemen Sesseln herumstreifen, in verschiedenen Designbüchern blättern und in einem kleinen Kino eine der drei Filmvorführungen anschauen.

Ansonsten kann man sich wie überall sonst betrinken, zur Toilette gehen, einen langen Blick in den Spiegel werfen, um sich davon zu überzeugen ein berühmter Schauspieler zu sein. Das ist wohl etwas, dass fast alle Mitglieder gemacht haben, bevor sich die Kutsche wieder in einen Kürbis verwandelte. Lynch verlässt den Club noch vor Mitternacht - bevor die Normalsterblichen kommen — begleitet von einer Traube singender Mäuse in schwarz (Showgirls). Im Silencio wird man den Eindruck nicht los, dass sich hier bereits alle kennen: Es wird mit einem Lächeln und allerhand Küsschen begrüßt, bevor man seinen stressigen Pariser Tag Revue passieren lässt.

Papa Schlumpf und sein Pariser Gefolge

Während der amerikanische Regisseur zur Eröffnung des Clubs nicht anwesend war, ist er jetzt Ende Oktober exklusiv vor Ort, um im Silencio nach dem Rechten zu schauen. Lynch sitzt in einem eigens für den VIP reservierten Sessel. Um ihn herum schart sich eine kleine Gruppe. Sie folgen minutiös jeder seiner Bewegungen und schnattern lebhaft durcheinander. Sie alle sehen neben dem großen Künstler eher winzig aus: Die Szene hat eher etwas von Papa Schlumpf und seinen kleinen, babyblauen und fiktiven Kreaturen als von Sokrates und seinem Gefolge. Lynch, normalerweise erschreckend und herrisch, wirkt heute herzlich und freundlich. Er bleibt sogar ruhig als sich ein Typ nähert, der auf einem Zahnstocher herumkaut. Dieser scheint sagen zu wollen: 'Schau mich an Papa Schlumpf! Sieh, was ich von Ryan Goslings Rolle in Drive gelernt habe.' — Jemand hätte ihm sagen sollen, dass er eher Roberto Benigni in dessen Film Johnny Stecchino (1991) ähnelt.

Ein anderer Typ läuft mit einem sorgfältig einstudierten, glasig-abwesenden Blick umher. Er sieht aus wie der Psychopath Frank Booth in Blue Velvet (Lynch; 1986). Sicher, das Silencio ist genauso nett und interessant wie viele der anderen tausenden Clubs auf der Welt. Und natürlich kann man ihn nicht mit den Clubs aus Lynchs Filmen vergleichen. Das bestätigt nur eines: Wenn Kunst auf Realität trifft, dann kann sie nur kopiert werden. In Paris genauso wie in, sagen wir, Neuruppin.

Illustrationen: Silencio ©Lynchland - David Lynch - Roland Kermarec /Facebook; Papa Schlumpf (cc)Chuck _Maurice/flickr