Kultur

David Lescot: Komisch kakophonisch

Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2009
Er schreckt vor nichts zurück. David Lescot, französischer Schriftsteller und Regisseur, interessiert sich in seiner letzten Inszenierung für das Thema Europa. L’Européenne oder die wahnsinnige Hymne eines Kontinents, der sich sucht, ohne sich zu finden.

Sie küssen sich, ohrfeigen sich, drücken sich, schnauzen sich an. In einem lustigen, musikalischen Durcheinander versuchen subventionierte Künstler die Wogen der Brüsseler Institutionen zu glätten. Auf der Bühne des Pariser Théâtre de la Ville wurde im September 2009 das nicht gerade sehr aufregende Thema „Europa“ erörtert. Und in den kalten Fluren, den luftdichten Büros tauchen alle Probleme auf, die es begleiten: die Verständigung und die Sprachen, die Wahlhysterie, die Steifheit des Systems und die Absurdität, zusammen ein Projekt zu realisieren, welches dem Unmöglichen sehr nahe ist.

Der französische Schriftsteller, Regisseur und Musiker, David Lescot, 38 Jahre, wagt sich mit seiner Europahymne an ein trockenes Thema: „Ich habe die Idee zu diesem Stück 2005, am Tag nach der Volksabstimmung über den europäischen Verfassungsvertrag, gehabt. Ich habe lange gezögert, ob ich nun „ja“ oder „nein“ wählen sollte. Dabei ist mir der Bruch, der zwischen den politischen Lagern zu diesem Thema existiert, klar geworden. Letztlich habe ich aber auf diese Weise verstanden, dass sich ein kollektives Abenteuer - etwas geradezu Episches! - abspielt“

Nachdem er seine Recherchearbeiten beendet und den Sprung ins Herz der Institutionen gewagt hatte, entscheidet David Lescot eine Komödie zu schreiben, L’Européenne: „Ich habe das Gefühl gehabt, in ein Universum der Realpolitik vorzudringen, erinnert er sich, eine Maschine, die nur durch Besorgnis nach Effizienz fortschreitet, ohne jegliche Poesie. Mit diesen sehr mechanischen, sehr technischen Dingen“ konnte man viele komische Effekte erzielen. Und für jemanden, der ein sehr musikalisches Ohr hat, ähnelte das Inszenieren der 23 offiziellen Sprachen der EU geradezu einer Fantasievorstellung. „Je mehr Sprachen es gibt, desto erfreuter bin ich“: Der Autor gibt seine Ansicht gleich zu Anfang des Stückes bekannt: „Hier der Portugiese, der ins Lettische übersetzt, der Däne ins Maltesische, der Pole ins Englische.“

Komplex ist auch die Verwendung von Fremdsprachen für die Schauspieler, die in diesem Stück spielen. Sie drücken sich oft in ihrer Muttersprache aus (Slowenisch, Bulgarisch, Portugiesisch…), ohne Übertitel. Ein italienischer Dolmetscher ist auf der Bühne, um das Sprachenwirrwar für ein französisches Publikum verständlich zu machen. Wie in einem stählernen Schloss gefangen, fast ein wenig kafkaesk, verkörpern die Schauspieler Dichter, Musiker, Musikbegeisterte und spielen so die Unruhestifter in Mitten dieses eher „undurchsichtigen“, europäischen „Stammes“: „Für Europa bedeutet Künstlern Geld zu geben nichts weiter, als Zahlen in eine Statistik einzufügen. Und für die Künstler ist Europa nicht viel anderes als ein Sparschwein“, meint David Lescot. Alles in allem, ein Markt der Betrogenen. Aber auch durch das gegenseitige Instrumentalisieren lernt man sich besser kennen, man kommt sich näher, man küsst sich und man ist einander verbunden. 

Genese in Neapel

Auch wenn David Lescot sich nicht über die Zukunft des Epos‘ „Europa“ äußert, lehnt er die Idee einer Vereinheitlichung der Kulturen ab: „Natürlich, die EU ist großartig, wenn sie es den Menschen ermöglicht, sich von einem zum anderen Land zu bewegen, aber die Suche nach einer Kultur, die allen Einwohnern gemeinsam ist, macht mir Angst.“ Er zieht das Wort „Gemisch“ vor, verführerischer für diesen französischen Künstler, der dank seiner Inszenierungen, die unaufhörlich die abrupte Realität unserer heutigen Welt, fast tragisch-komisch, neu ausrichten, schon viel durch Europa gereist ist. L’Européenne ist übrigens als Koproduktion auch auf der Bühne des italienischen Theaters Napoli entstanden.

Über das Thema des europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs, 2008 durch die Kommission eingeführt, amüsiert sich David Lescot : „Haben Sie 2008 einen Dialog geführt?“ Aus seiner Sicht müsse man „immer mehr europäische Kulturen im Kopf jedes einzelnen entstehen lassen.“ „Wir sind Europa. Aber ist Europa in uns?“ Eine vielseitige Frage, die man besser, wie es dieser Intellektuelle amüsiert macht, mit Heiterkeit angeht.

Trotzdem versteckt sich hinter dem Lachen immer ein wenig Melancholie. In L’Européenne ist es eine jüdische, im Sterben liegende Großmutter, die die jungen Leute erstarren lässt, die Raserei stoppt: Auf ihrem Krankenbett, mit weißen Haaren und im Nachthemd, verkörpert sie das alte Europa bei der Wiederbelebung. Auf diese Art fügt der Autor seine eigenen polnischen Wurzeln in das Stück. Das ermöglicht es, an all die zu denken, die wie sie „die dunklen Ghettos der Geschichte durchschritten haben. Die Wahrheit der Sensationen und der Erinnerungen sollte in nichts der geschichtlichen Gerechtigkeit nachgeben“, sagt er abschließend. Die Utopie ist längst nicht zu Ende. 

'L’Européenne' steht in Bordeaux vom 11. bis 14. November 2009, in Nantes vom 23. bis 25. März 2010, in Blois am 20. April 2010 und in Limoges am 27. und 29. April 2010 auf dem Spielplan.