Kultur

David Le Breton: 'Der Körper ist das Aushängeschild der Seele'

Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2007
Eine sehr persönliche Reise mit dem französischen Anthropologen (54) durch das Europa der fünf (oder sechs) Sinne.

"Ich fühle, also bin ich." So umschreibt David Le Breton, in Anlehnung an Descartes, seine Anthropologie: eine Annäherung an den Menschen über die Sinne. Le Breton ist ein moderner Robin Hood, der sich ständig durch die verstrubbelten Haare fährt, nur dass er keine Strumpfhose, sondern Jeans trägt. Gerne zitiert er die alten Philosophen - zeitgemäß abgewandelt. Er "raubt" ihnen ihre Weisheit und "verteilt" sie an das breite Publikum.

Eine Stadt für jeden Sinn

Wir treffen den französischen Anthropologen beim Festival della Mente ('Festival des Geistes') in Sarzana, an der ligurischen Küste, wo er soeben ein vernichtendes Urteil über Aristoteles gefällt hat. "Der griechische Philosoph ist schuld an der Geringschätzung der Sinneswahrnehmung, die alle Europäer prägt", argumentiert er. Fünf Sinne seien nicht ausreichend, meint Le Breton, der an der Universität in Straßburg lehrt. "Wie oft sprechen die Leute von einem 'sechsten Sinn' oder berufen sich auf weibliche Intuition, wenn sie die Dinge nicht mehr anders zu erklären wissen?", setzt er hinzu.

Die Zahl der Sinne auf fünf zu beschränken, stellt eine Vereinfachung dar, die auch sehr bequem sein kann. Vor allem, wenn man die Sinne einer Stadt oder einem Ort zuordnen soll. Den Sinnen 'ein Zuhause geben': ein schöner Versuch, um sie auf eine übersichtliche Zahl zu beschränken. Wir schlagen Le Breton also ein Spiel vor.

Der Tastsinn ist Lissabon

"Das ist nicht einfach", meint er und legt die Lesebrille mit dem hellblauen Gestell neben das Bierglas auf den Tisch. Er reibt sich die Schläfen und holt tief Luft: "Der Geschmack lebt in Italien, ganz allgemein. Ich kann mich da nicht auf eine Stadt festlegen, jede Region 'schmeckt' auf ihre Weise wunderbar, ich wüsste nicht, welche ich da hervorheben sollte." Und das Sehen, ist das vielleicht französisch? "Nein, wenn ich das einer Nationalität zuordnen sollte, ist es auch italienisch. Das Sehen ist die Toskana, um genau zu sein. Florenz. Dort hat die Architektur zu ihrem höchsten Ausdruck gefunden. Ich liebe Florenz. Aber auch Venedig ist ein Erlebnis für das Auge."

Um die Sinne vom Land Dantes zu lösen und in Europa weiterzukommen, müssen wir zum Tastsinn übergehen: "Weltweit betrachtet ist das Zentrum des Tastens Rio de Janeiro. Dessen europäisches Pendant ist Lissabon, das Rio in vielfacher Hinsicht ähnelt." Portugal beherbergt einen weiteren Sinn, das haben auch die Reiseführer und die Werbung schon entdeckt: "Mit dem Geruchssinn assoziiere ich Funchal auf Madeira. Die Gegend ist so reich an Gerüchen wie keine andere in Europa. Da habe ich keine Zweifel, wenn ich mich von meiner Nase leiten ließe, würde sie mich dorthin führen." Dem Gehör dagegen folgt Le Breton über den Ozean, bis nach Vancouver und ins Landesinnere von Kanada mit seinen unendlichen Weiten. "Das ist meine heimliche Zuflucht: nur dort kann ich die Welt auch 'hören'."

Ein Spiel der Perspektiven

Das Spiel scheint Le Breton zu gefallen und er sinniert über weitere Alternativen. Und auch, wie sich der Geist durch Alkoholgenuss stimulieren ließe. Dabei ist die Idee mit der 'Verortung' der Sinne eigentlich nichts Neues: Auch Calvino hat in Sotto il sole giaguaro (Unter der Jaguar-Sonne, 1986) - als formales Experiment - Orte und Geschichten einzelnen Sinnen zugeordnet. Herausgekommen sind (nur) fünf Erzählungen, die die Welt aus verschiedenen Perspektiven zeigen. "Es fasziniert mich, die Dinge von unterschiedlichen Blickpunkten aus zu betrachten: wahrscheinlich bin ich deshalb immer unterwegs. Ich fühle mich als echter 'Weltbürger'." Ein Kosmopolit, der immer aus dem Koffer lebt und dabei nicht einmal ein Handy besitzt. "Ich hasse es - er deutet auf einen der vielen Gäste mit dem Mobiltelefon am Ohr - wenn die Leute in der Öffentlichkeit telefonieren."

Der Körper als Metapher

In seinen Forschungen konzentriert sich Le Breton auf das Verhältnis der Gesellschaft zum eigenen Körper. “Heute basteln wir an unseren Körpern herum, an unserer Haut, ganz ähnlich wie früher. Nur die Beweggründe sind andere: Heute kasteien wir uns, um anders auszusehen, mit Tätowierungen und anderem. Der Körper wird immer mehr zu einem 'Aushängeschild' der Seele. Ein Maß für die Welt." Gilt das auch für das Internet? "Dort sogar noch mehr. Denken wir nur an Second Life, wo du dir einen neuen Körper aussuchen kannst, sogar einen Tierkörper, wenn du willst." Was bedeutet also der Körper für Monsier Le Breton, die Welt und sein eigener Körper in dieser, seiner Welt? "Ich bin Anthropologe und die Anthropologie geht von einer Grundannahme aus: Alle Menschen sind gleich. Die Bekämpfung des Rassismus ist also eine der ersten Pflichten des Anthropologen, mehr noch als die des Menschen. Unsere Haut, unser Körper ist da nur eine Metapher, ein semantischer Filter."

Und gibt es ein Land in Europa, in dem der Körper besonders 'respektiert' wird? "Die Verfassungen von Italien und Frankreich sind hier die fortschrittlichsten. Aber das ist weniger eine Frage von Recht und Vorschrift als vor allem eine Frage der Kultur. Der Körper ist eine Vorstellung von der Welt, die nur mit dem Intellekt wahrgenommen wird." Mens sana in corpore sano, pflegte schon Juvenal zu sagen.