Kultur

"Das K-Wort": Serbien, Europa und Geschichtsbesessenheit

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2011
Die EU ist keine Gefährdung von Serbiens Traum von Stolz und Unabhängigkeit, sondern eher eine Bestätigung. Die Extremisten, die hinter solchen Ereignissen wie den nationalistischen Krawallen während des Gay Pride Marsches stehen, sind nur die Antwort einer Randbewegung, die in jedem Land entsteht, wenn eine unsichere Zukunft einen Wechsel erfordert.
In anderen Ländern nutzen Radikale Einwanderung oder die Wirtschaftslage für ihre Zwecke. In Serbien nutzen sie die Geschichte.

Für ein Land, von dem mancher denkt es sei durch die eigene Geschichte gefesselt, ist das Gebäude um das zentrale Büro des historischen Museum Serbiens in Belgrad (IMUS) erstaunlich marode. „Fahrt mit dem Aufzug in den dritten Stock und dann lauft lieber von dort in den vierten,“ so der Hinweis auf unsere Frage, wo wir den Kurator Nebosja Damnjanovic finden. Dann schließen sich die kalten, rostigen Metalltüren. Mit einem Knarren steigt der Fahrstuhl nach oben.

Steigende Erwartungen

Ich bin sicher, dass es im EU-Parlament mehr moderne Lifte gibt, dort wo Diplomaten über die zukünftigen Beziehungen Serbiens mit der Union nachdenken, indem sie über die Vereinbarung für Stabilität und Zusammenarbeit abstimmen. So verabschiedete das Parlament in Straßburg am 19. Januar das sogenannte „Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen“ zwischen Serbien und der EU. Dadurch wurde nicht nur der europäische Markt für Serbien geöffnet, sondern auch der offizielle Geldtopf für EU-Anwärter. Nichtsdestotrotz wird Serbien auf seinem langen Weg in die EU noch einige Hürden nehmen müssen, zu denen vor allem die Einhaltung der Verordnungen des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) zählt.

Serbien stand häufig isoliert da, aber hat während des letzten Jahrzehnts gegen seinen Pariah-Status auf dem Balkan gekämpft. Als Außenseiter unter den Außenseitern schienen die Serben zu den Nationen zu gehören, die, versunken in ihren Träumen an eine verklärte Vergangenheit, die Realität des modernen Europas mit seiner Politik und seinen Machtstrukturen nicht akzeptieren wollten. Dabei schauten die Serben zu, wie sie von ihren Nachbarn auf dem Weg nach Europa überholt wurden. Nebojsa Damnjanovics Meinung über die serbische Geschichte attestiert noch einmal, welchen Stellenwert Unabhängigkeit in Serbien hat. „Die Idee eines eigenen Staates im wörtlichsten Sinne war immer sehr wichtig,“ betont er. „Daher ist die Tatsache, dass wir das erste Land in Südosteuropa waren, dass sich vom Osmanischen Reich unabhängig machte, ein zentrales Motiv unserer Geschichte.“

Eine europäische Geschichte

Nebojsa Damnjanovic betont aber auch, dass Serbiens eine europäische Geschichte sei und dass das Land zu Europa gehöre. „Während der serbischen Aufstände im 19. Jahrhundert sahen wir uns als Europäer und wollten durch die Aufstände an den Rest Europas heran rücken.“ Mit authentischem Stolz spricht er von Serbiens europäische Rückkehr aus dem osmanischen Gefängnis. Wie damals wolle Serbien auch heute zurück nach Europa. Die EU kann Randbewegungen klein halten, so wie sie es auch schon im geteilten Europa getan hat. Europas blutige Vergangenheit kann durch Fortschritt und gegenseitige demokratische Kooperation überwunden werden. Wenn eine kleine, leidende Nation Hilfe benötigt, werden andere selbstverständlich und glücklich ihre Überschüsse teilen. Wohlstand wird bis in die hintersten Ecken Europas vordringen - von Griechenland bis Irland und Portugal.

Aufgrund dieses Konzepts werden auch noch so komplizierte und spaltende Themen wie die Kosovo-Frage, den Eintrittsprozess in die EU nicht aufhalten können. Es wird eine Zeit dauern, bis die Mehrheit den Verlust akzeptiert hat. Aber der Vormarsch des Wohlstands, symbolisiert durch Dokumente wie das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, werden die Kosovo-Frage bald unwichtiger erscheinen lassen. „Serbien muss seine Wirtschaft stabilisieren, die Arbeitslosenrate senken und mehr exportieren,“ sagt Valentina, eine Studentin aus dem Süden Serbiens. Ihre Aufzählung könnte wohl auch von einem Studenten aus einem x-beliebigen EU-Land kommen. Valentina erwähnt ihre Ansichten über den Kosovo, Serbiens Schlüsselthema, nicht. Doch das K-Wort ist in jeder Diskussion über Serbiens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft präsent, ob das Serbien gefällt oder nicht. „Die Bürde des Kosovo-Mythos hat alle Generationen berührt, damals wie heute,“ so jedenfalls erklärt Sladana Bojkovic, Co-Kuratorin im Museum, die Thematik. In den Beziehungen mit der EU wird das Thema unweigerlich eine Rolle spielen.

Das „K-Wort“

Ende Januar sagte Ulrike Lunacek, die Parlamentsprecherin für den Kosovo, dass Serbien die Unabhängigkeit seiner ehemaligen Provinz anerkennen müsse, bevor man ernsthaft über eine EU-Mitgliedschaft sprechen könne. Der Stein des Anstoßes gehört zu den ärmsten und rückständigsten Gebieten in ganz Europa und hat Serbien über die Geschichte hinweg von einem materiellen Fortschritt abgehalten. Erstmals im Jahre 1389 - eine Zahl, die eine Attitüde präsentiert, die sich bei Serben jeder Generation eingeprägt hat und mit in die Zukunft getragen werden wird. Es handelt sich dabei um die kollektive Erinnerung an die Schlacht, die einerseits den physischen Fall des mittelalterlichen Königreichs Serbien demarkierte, aber andererseits Religionsfreiheit sicherte.

Prinz Stefan Lazar zog auf dem Amselfeld in der Nähe des heutigen Priština gegen die Osmanen in die Schlacht. Ehrenhaft opferte er sich selbst und erzwang so das Versprechen, dass die Heiligkeit Serbiens bestehen bleibe. Dieser Widerspruch von materiellem Fortschritt und historischem Idealismus zieht sich seitdem durch die Geschichte Serbiens. Man könnte den Weg in eine stabile, moderne Zukunft zweifellos weniger steinig gestalten, wenn man die internationale Meinung bezüglich des Kosovo akzeptieren würde, wie auch immer sie sein mag. Doch der Mythos hat Jahrhunderte Fremdherrschaft, die serbische Wiedergeburt und den Kommunismus überlebt und der Kosovo spielte dann wieder die entscheidende Rolle beim Zusammenbruch des materiellen Fortschritts. Hier sprossen in den 1980er Jahren die ersten Dornen in Titos Brüderlichkeit und Einheit, die den jugoslawischen Traum schließlich unter sich begruben. Hier zeigte Milosevic ein letztes Mal seine hitzköpfige Politik und der gewalttätige serbische Nationalismus provozierte weltweit Empörung. Nach Bombenregen und anderen gegenseitigen Gräueltaten, wurde Serbien geschlagen und die Geschichte wiederholte sich erneut.

Adam Stefanović (1870)

„Die serbische Geschichte wiederholt sich, die Serben wurden immer wieder geschlagen und die Serbisch-Orthodoxe Kirche hat die Nation zusammengehalten“, erklären sie. Heute kompliziert die Kosovo-Frage den beidseitigen Wunsch der EU und Serbiens sich gegenseitig zu akzeptieren. Aus serbischer Sicht wiederholt sich die Geschichte schon wieder. Wie viele Serben glauben Damnjanovic und Bojkovic an die Unabhängigkeit Serbiens und dies sei mit der EU nicht nur kompatibel, die EU repräsentiere gar die Zukunft. Der europäische Traum wird das historische Erbe Serbiens nicht ersetzen und die sich wiederholende Geschichte wird durch das Unterschreiben von Brüsseler Dokumenten nicht verschwinden. „Wenn wir nicht gut für uns sind, können wir auch nicht gut für irgendjemand anderes sein,“ wie es Valentina sagt.

Auf die warme und freundliche Diskussion serbischer Geschichte folgt ein Glas einheimischen Rakis, den Bojkovic stolz serviert. Hunderte Kilometer weiter in einem modernen Büro in Brüssel, diskutieren Diplomaten argumentativ über Serbiens Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen. Das Abkommen bestätigt, dass Serbien und die EU auf dem richtigen Weg in eine gemeinsame Zukunft sind, aber in Serbien ist auch die Vergangenheit stark und warm wie Raki. Während man hier in der Innenstadt von Belgrad sitzt, ist die Bedeutung der EU-Abkommen kaum greifbar. Wird man mit Papieren die Wiederholung der Geschichte aufhalten können, so wie es Ulrike Lunacek vorschlägt? Ist die EU stark genug den serbisch-gordischen Knoten aus weltlichem Fortschritt und historischem Erbe zu lösen? Meine Gastgeber und mich beunruhigt das kaum, wir freuen uns über unsere Lage und schenken nochmal nach.

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts 2010-2011 Orient Express Reporter!

Fotos: (cc)rudlavibizon/flickr