Kultur

Das andere Sziget

Artikel veröffentlicht am 27. August 2007
Artikel veröffentlicht am 27. August 2007
Pink, Faithless, The Chemical Brothers oder Nine Inch Nails. Neben den mehr als 1000 Liveacts engagieren sich junge Menschen im Civil Village des Festivals. Aber wie lange noch?

"Sziget" ist ungarisch für Insel. Gleich neben dem schwimmenden Restaurant "Europa", das ruhig auf der Donau schaukelt, legt auch das Shuttle-Schiff ab, das täglich tausende von Besucher zum gleichnamigen Festival karrt - auf die Budapester Werftinsel Óbuda. Während einer Woche, vom 8. bis 15. August, wird das komplette Eiland zur Partyzone. In diesem Jahr findet das Sziget bereits zum fünfzehnten Mal statt. Was am Anfang eine Konzertoffensive für Budapester Studenten war, hat sich über die Jahre zum europäischen Großevent gemausert. 2007 haben insgesamt 371.000 Besucher open air gefeiert. 40.000 davon waren aus ganz Europa angereist.

Im Gegensatz zur Defoe’schen Robinsonade verfrachten sich die Gestrandeten hier freiwillig für eine Woche auf die Insel und feiern eine gemeinschaftliche Musikutopie. Auch wenn die meisten Besucher hauptsächlich wegen der großen Liveacts nach Budapest kommen - Low Cost sei Dank -, ist das Sziget in seiner Form einzigartig: Auf 20 verschiedenen Bühnen treten über 600 Künstler und Gruppen auf. Das Festival-Line-Up bietet die volle Bandbreite von Rock, Electro, Punk über Hip Hop, Reggae, Jazz und Gipsy.

Und dann ist da auch noch die andere Sziget-Seite - ein Stück Seele des Festivals. Jahr für Jahr bildet sich eine kleine Inselkolonie links von der Hauptader hinter der Guinness Stage: das so genannte "Civil Village". Yves, 22, aus dem französischen Rennes, der gerade aus dem jüdischen Zelt kommt, sagt, nach drei Tagen habe er den ständigen Trubel "ziemlich satt". "Das Civil Village ist der perfekte Ausgleich am Nachmittag." Wer von Schlammschlachten, Bungeejumping oder Bierkistenklettern, vom Einkaufen und Dauertrinken müde geworden ist, kann hier Debatten zu Europa und Umweltpolitik lauschen, töpfern, Schach spielen, sich über die NGOs vor Ort informieren oder einfach mit Menschen aus ganz Europa ins Gespräch kommen: Ein anderes Sziget erleben.

Die Siedler von Óbuda

Während im Hintergrund die britische Band The Rakes auf der Mainstage rockt, stehen im Civil Village, in dicht aneinander gereihten, weißen Zelten, hauptsächlich junge Menschen. "Die Besucher des Sziget sind genau unsere Zielgruppe. Menschen kommen von überall, aus Deutschland, Frankreich, der Slowakei. Sie sind hier gut zu erreichen", sagt Melinda Pataki, 28, die für die Informationskampagne der Europäischen Kommission im Rahmen des Jahres der Chancengleichheit 2007 arbeitet. In Ungarn gäbe es vor allem in Bezug auf die Integration der Roma-Minderheit ein enormes Aufklärungsdefizit, erklärt sie weiter.

Aber Musik sprengt Grenzen - so das stumme Motto des Sziget-Festivals. Der Meinung ist auch Kinga Pupos. Sie ist die Kommunikationsbeauftragte des monatlichen Roma-Magazins AmaroDrom - was im Englischen etwa so viel heißt wie "my way" - erklärt sie energisch auf einem der zahlreichen bunt schillernden Kissen in ihrem Zelt platziert. "Unser Magazin widmet sich vor allem politischen und kulturellen Aspekten der Roma-Kultur in Ungarn und Europa." Bei diesen Worten kramt Kinga Pupos bereits nach den letzten Ausgaben der Zeitschrift und deutet auf die farbigen Gipsy-Poster, mit denen das Zelt dekoriert ist. "Wir sind nicht nur Kriminelle und Diebe, wir sind auch Ärzte und Journalisten." Das möchte sie den jungen Menschen auf dem Festival sagen. Europa sollte ihrer Meinung nach den Weg zur Roma-Kultur öffnen, das wünscht sie sich. Das Sziget sei ein Schritt in die Richtung. Sogar eine Roma-Bühne gäbe es. Sie verweist in die Tiefen der Insel. An diesem Samstagabend spielt hier die ukrainische Band Técsi Banda und später auch der französische Gipsy-Gitarrist Yorgui Löffler. Ein Bier in der Hand stürzt man sich in das Getümmel der anbrechenden Nacht.

Saufen bis der Arzt kommt...

Das war einmal. Beim Sziget sind die Ärzte schon vor Ort – auch dies ein Teil des Civil Village. Kaum zu fassen, aber jeder Tisch des Richter intima.hu Zeltes ist besetzt. Junge Frauen füllen eifrig Zettel aus. Gynäkologische Beratung und Informationen zur vaginalen Hygiene erfreuen sich großer Beliebtheit. "Diese Generation, die auf das Sziget kommt, weiß fast nichts über Sex, aber wir sind für das 'danach' da. Das ist ein großes Problem in Ungarn", erklärt Réka Etelka Vaskó-Horváth, die PR-Sprecherin, auf deren T-Shirt in rosafarbenen Lettern LOVE geschrieben steht. "Unser Arzt", sie deutet in den Hinterraum, "ist ein junger, gewöhnlich gekleideter Mann, der hier einen besseren Draht zu den Menschen hat". Tag für Tag kommen junge Frauen und verlangen nach der 'Pille danach'. Die Insel-Apotheke ist gleich nebenan. Nur Kondome würden dieses Jahr zu wenig verteilt, beschwert sich Réka achselzuckend.

Einige Schritte weiter werden kostenlose AIDS-Tests angeboten. Hier stehen die Szigeter sogar Schlange. "Wegen des kostenlosen Kondoms!" Der Zahnarztstuhl nebenan von Dr. Alexa Per Ger, 25, ist jedoch leer, obwohl sie behauptet, "zwischen 40 und 50 Festivalianer" ließen sich täglich in den Mund schauen. Die besten Zähne in Europa hätten aber mit Abstand die Skandinavier. Ganz hinten kommen Ungarn und Letten.

Abwärtstrend?

Ob medizinische Betreuung, Brennpunkt-Debatten oder die Vorstellung von NGOs und Lokalinitiativen: das Civil Village bietet neben den Musik-Acts umfangreiche und vor allem kostenlose Aktivitäten an. György Ligeti von der Kurt Lewin Foundation sagte, das Sziget-Fetival sei in ganz Europa einzigartig in seiner Rolle als Förderer von Toleranz und Zivilaktionen. "Leider bekamen dieses Jahr nicht alle NGOs freie Eintrittspässe für die Insel", so Erika Hasznos vom Ungarischen Ministerium für Umwelt-und Wasserschutz, die zu einer Debatte eingeladen war. Tatsächlich wurde das Sziget 2007 zum ersten Mal ohne staatliche Fördergelder finanziert. Mitglieder von Bürgerorganisationen sollten in diesem Jahr vier Fünftel des Eintrittspreises aus der eigenen Tasche berappen. Die Woche auf der Insel kostete immerhin 120 Euro pro Person.

Nimmt die zunehmende Kommerzialisierung dem Sziget die Festival-Seele? Fakt ist: Sommerkonzert-Events sind europaweit zu einer beträchtlichen Einnahmequelle für Organisatoren geworden. Das Wirtschaftsprüferunternehemen KPMG hat berechnet, dass das Sziget bis 2010 seinen Umsatz auf über 54 Millionen Dollar steigern wird. Für das diesjährige Glastonbury-Festival in Südwest-England konnte man Luxuszelte, Champagner, Masseusen, gar einen eigenen Helikopter mieten. Die Open-Air-Branche boomt, die Besucher zahlen. Trotzdem versuchen viele Events - wie das dänische Roskilde oder die Fête de l'Humanité in Paris - den ursprünglichen Festivalcharakter zu bewahren: Musik, Toleranz und Politik. Ein wenig unzivilisiert und dreckig eben - nichts weiter. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, ob sich die Heuschrecken über das Budapester Civil Village hermachen, oder ob sich das Sziget-Festival ein bisschen Woodstock bewahren kann.