Kultur

Dämmerung in Barcelonistan

Artikel veröffentlicht am 9. März 2007
Artikel veröffentlicht am 9. März 2007
Am 11. März 2004 zündeten islamische Extremisten Bomben in vier Vorortzügen der spanischen Hauptstadt Madrid. Drei Jahre danach leben die Muslime Spaniens in Angst vor Diskriminierung und Ablehnung.

Das Viertel Raval in Barcelona: Fast die Hälfte der Bewohner sind Ausländer, so viel wie in keinem anderen Stadtteil. In den verzweigten und dreckigen Gässchen sieht man Designerbars, philippinische Restaurants und auffällige arabische Firmenschilder. Je tiefer man aber in das Viertel eindringt, desto größer wird die Zahl der Internetläden, Halal-Fleischereien, pakistanischen Geschäfte, bengalischen Obstläden und Kebabstände.

In einer Bar trinken eine Hand voll armer Pensionäre starken Kaffee mit einem Schuss Sherry, während sie den Sportteil nach den neuesten Nachrichten über „Barça“, den FC Barcelona, durchforsten. Was wie ein rein katalanisches Kaffee wirkt, wird von einem Pakistani geführt, der seit mehr als 25 Jahren in Spanien lebt. Bei dem Versuch mit ihm zu sprechen, entschuldigt er sich sofort. Er will nicht mit der Presse reden.

Überfälle auf Moscheen

„Die Muslime ziehen sich aus Angst vor Diskriminierung und Ablehnung zurück“, erklärt Professor Ricard Zapata von der Universität Pompeu Fabra. Er ist einer der führenden Experten für Immigration in Spanien. Zapata betont, dass in Spanien nicht erst seit den Attentaten von Madrid eine Angst vor dem Islam herrsche. Entscheidend seien die Anschläge des 11. September gewesen, nach denen „manche Medien“ den Islam mit Gewalt gleichgesetzt hätten.

Zapatas Meinung deckt sich mit dem jüngsten Bericht über Muslime in Europa, den die Europäische Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) herausgibt. Darin hat die Organisation zahlreiche Fälle von Islamophobie gesammelt, etwa die Diskriminierung bei der Arbeit oder der Wohnungssuche. Außerdem verstärke sich die Bildung von negativen Vorurteilen gegenüber Muslimen. In einigen Ländern überfielen Neonazies sogar Moscheen. Auch in Spanien.

Weit weg vom dicht besiedelten Viertel Raval empfängt uns der erste muslimische Abgeordnete Kataloniens. Der Sozialist Mohamed Chaib sitzt im Parlament der katalanischen Provinz. Er stammt aus Tétouan in Marroko und hat lange in Raval gearbeitet. 1994 gründete er den Verein Ibn Butata, der sich um die Anliegen der Einwanderer kümmert und zwischen den Kulturen vermitteln will. Die dort entwickelten Programme sollen nun auch in anderen spanischen Städten angewendet werden.

Chaib hat es sich in seinem Sessel bequem gemacht. „Katalonien hat Erfahrung mit der Einwanderung“, sagt er, räumt aber ein, dass weiterhin Probleme bestünden. Zum Beispiel die Zurückweisung der Baupläne von Moscheen, wie es vor kurzem in Barcelona geschehen ist. Die Partido Popular, die konservative Volkspartei Spaniens, habe diese Themen „populistisch ausgenutzt“, klagt er.

Chaib rät, „Brücken zwischen den Kulturen“ zu bauen, mit dem Ziel, „eine Gesellschaft mit gemeinsamen Werten“ zu etablieren. „Deshalb muss Spanien die Muslime ganz klar anerkennen“, betont er. Nur so könnten diese den Extremisten Herr werden, „die den Hass der Muslime gegen die Bevölkerung anpeitschen“.

Kampf gegen aggressive Verweltlichung

In Katalonien leben etwa 300 000 Muslime. Im Kontrast zur Pracht des Parlaments verbreitet der Sitz des islamischen Kulturzentrums in Barcelona eine maßvolle Schlichtheit. Nur einige arabische Schriftzeichen schmücken die Wände und Tische des Besprechungsraumes. Das Zentrum vertritt 65 der 170 islamischen Gotteshäuser in Katalonien und ist damit der wichtigste muslimische Ansprechpartner in der Region.

„Katalonien hat seit den Attentaten von Madrid einige Prüfungen überstehen müssen“, sagt Mohamed Hamoul, der Sprecher des Zentrums. „Doch hier ist die Angst vor dem Islam im Vergleich zu anderern Teilen Spaniens und Europas nur schwach ausgeprägt“. Vor allem für die Unterstützung des Erzbischofs von Barcelona ist Hamoul dankbar. Als vor einem Jahr der Streit um die Mohammed-Karrikaturen der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ ausbrach, betonte der Bischof, dass sich die Religionen gegen eine aggressive Verweltlichung zusammenschließen müssten. Wie auch immer: „Das Einzige was wir Muslime wollen, ist eine respektvolle Behandlung“, sagt Hamoul. „Und zwar nach den Grundsätzen der Gleichbehandlung, die in der spanischen Verfassung verankert sind“.

Auf dem Plaza dels Angels zeigen einige jugendlichen Skater ihre Pirouetten, während sich der blaue Himmel langsam rosa färbt. Aus dem Nichts erscheint ein Pakistani mit einer Plastiktasche, in der sich die Umrisse eines Sixpacks Bier abzeichnen. Er nähert sich schnell ein paar Jungs, die ihren Freunden begeistert mitteilen: „Ein Bier, ein Euro!“