Kultur

Cosmo Sheldrake: Jäger der verlorenen Sounds

Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2015
Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2015

Cosmo Sheldrake ist begeistert von Geräuschen aller Art. Auf seiner neuesten LP Pelican We gibt der Londoner Musiker Tierarten eine Stimme, die vom Aussterben bedroht sind. Zwischen Walgesängen, rauschenden Bächen und englischen Löchern treffen wir diesen komischen Vogel.

Cosmo ist leicht genervt. Morgen ist der Geburtstag seiner Freundin, die sauer ist, weil er gerade in Paris als Vorband für Unknown Mortal Orchestra unterwegs ist. Doch eine Stunde vor seinem Auftritt auf der Bühne der Pariser Flèche d’Or macht der Boyfriend-Typ eine Bierflasche nach der anderen mit dem Feuerzeug auf und zuckt mit den Schultern. „Ich werde das schon wieder gut machen“, sagt er. „Ich werde ihr Blumen kaufen und ihr ein Stück mit den Soundschnipseln widmen, die ich im Zug aufgenommen habe.“

Gute Vibrationen

Cosmo Sheldrake jagt Sounds, Töne, Geräusche. Immer und überall. Der Londoner Künstler hat daraus natürlich das Herzstück seiner neuesten Platte Pelican We gemacht, die kürzlich erschienen ist. Von einem Song zum anderen hört man da zum Beispiel eine Fliege, deren Sound er im bulgarischen Gebirge eingefangen hat. Oder den eines Fisches, den er auf einem Schifferboot in Sussex aufschnappen konnte.

Ob er ein bevorzugtes Geräusch habe? „Ja, es ist auch der Sound, den ich am meisten verwende. Das Geräusch einer zerbrechenden Schiefertafel, das ich während eines Aufenthalts in Wales aufgenommen habe“, sagt er und imitiert dabei das vom gestein verursachte Geräusch. Nur wenige Menschen haben dem, was Cosmo Sheldrake da macht, einen passenden Namen geben können. Und das ist auch besser so. Denn auch er selbst ist nicht fähig dazu: „Das einzige, mit dem man das, was ich mache, vergleichen könnte, ist die Kollage. Ich klebe mehrere Sounds aneinander, mehrere Einflüsse, und teleskopiere sie.“

Cosmo Sheldrake:"Solar"

Die Töne, die er unterwegs auf seinen vielen Reisen mit seinem Diktiergerät einfängt, das er immer dabei hat, machen aber nicht sein ganzes Album aus. Den Rest spielt Cosmo Sheldrake mit Instrumenten ein. Mehr als 30 waren es auf der letzten Platte. Man könnte Cosmo also auch als 'wandelndes Orchester' bezeichnen. Oder auch nicht. „Ich weiß nicht, wo diese Zahl aufgetaucht ist“, erwidert der Künstler. „Ich spiele viele Instrumente für meine Songs, manche mehr manche weniger intensiv. Aber ich kann nicht 30 Instrumente spielen, das ist ein bisschen weit ausgeholt. Aber ich sammle sie.“

Mit seinem Rolltabak in der Jackentasche, seinen knittrigen Hemdärmeln und den ins Gesicht fallenden Locken wirkt Cosmo wie die Millenials-Version eines verrückten Erfinders. Jedes Mal, wenn der 25-Jährige ein Instrument zitiert, imitiert er auch zugleich die Art und Weise, wie er es spielt. Jedes Mal wenn er eine Tierart zitiert, muss er auch gleich die Art und Weise imitieren, wie sie „klingt“. Wir wissen nun dank Cosmo, dass gewisse Vogelarten wie ein Teekessel pfeifen können und ein Seeskorpion Hupgeräusche wie ein Bus macht.

Wenn ich ein Vogel wär

Diese Leidenschaft für alle möglichen Geräuschkulissen hat Cosmo auch versucht während eines TedX namens „Interspieces collaboration“ in London zu erklären. Auf Einladung eines Freundes war der Musiker zu der Debatte erschienen, um über seine Technik zu sprechen und die Geräusche von Löchern in England vorzuspielen. Das sorgte auch für Gelächter im Saal, aber vor allem für eine starke Idee: Wir müssen diese Töne als unser Kulturerbe erhalten. Die Sounds beschützen, um sie vor dem Vergessen zu retten. „Ich erinnere mich an einen Typen, der mir erzählte, er hätte einen Vogel bei sich, dessen Art eigentlich bereits ausgestorben sei. Er wusste genau, wie der Vogel sang, und konnte es noch ziemlich gut nachahmen. Er hatte ihn auch aufgenommen. Zum Glück, denn sonst wäre dieser Gesang für immer verloren.“

Laut Sheldrake existiert die Musik dank ihrer Klangfülle. Doch diese Klänge erzählen auch Geschichten, wie „Dokumentarfilme“. Während seiner Konzerte zerpflückt der Künstler oft seine Stücke, um zu erklären wie sie erstanden sind. Heute Abend auf der Bühne erklärt Cosmo, dass der Sound des Seeskorpions von einer Aufnahme der amerikanischen Armee stammt, der während des Kalten Krieges aufgenommen wurde, um die Geräusche der Fische von denen eines sowjetischen U-Boots unterscheiden zu können.

Um solche Anekdoten glaubhaft erzählen zu können, hat Cosmo Sheldrake auch Anthropologie in London studiert. Und viel gereist ist er, um andere Kulturen zu entdecken. Sein Vater, Rupert, ein sowohl anerkannter als auch kontrovers diskutierter Biologe, hilft ihm bei der Feinarbeit in seinen Recherchen über die vom Aussterben bedrohten Tierarten. Seine Mutter, Jill, die Sängerin und Therapeutin ist, eröffnet ihm die Mysterien mongolischer Stimmen und Weltmusik. In dem friedlichen Famileinhaus im schicken Viertel von Hampstead kann Cosmo viel beobachten und hören. „Wir sind oft mit der Familie auf’s Land gefahren, zum Vögel beobachten. So habe ich auch ihre Art zu kommunizieren gelernt“, erinnert sich der junge Londoner. Die animierten Gespräche am Abendbrottisch bereichern seine Stücke. Als sein Bruder, ebenfalls Biologe, ihm dann auch noch von den Bärtierchen erzählt, hat er umgehend Lust, die Töne dieser mikroskopisch kleinen Achtfüßler aufzunehmen. „Das sind unglaubliche Wesen“, begeistert sich der Künstler. „Sie können auch unter Extrembedingungen überleben, wie in einem Vakuum, kochendem Wasser oder dem absoluten Nullpunkt (-272,8°C)! 

Sound-Verschmutzung

Es ist schwierig, Cosmo Sheldrake auf seine Rolle als Solo-Künstler zu reduzieren. Er arbeitet in London auch als Musiklehrer, Composer für das Theater, Cosmo ist Mitglied der Band Gentle Mystics und Umweltaktivist. 2013 nimmt er an einer umfangreichen Kampagne in Europa und Nordamerika zur Sensibilisierung der Jugend zu ökologischen Herausforderungen teil. Und auch wenn er dort natürlich von den vielen Treffen mit Ornithologen profitieren kann, hat er vor allem eine Erleuchtung: „Der Sound der Welt ist wichtig für unseren Organismus“, erklärt er und rollt sich eine Zigarette.

„Murry Shaffer erklärt in seinem genialen Buch, The Sound Scape, the tune of the world, dass es auf der Welt zu viel sonorische Verschmutzung gibt. In England beispielsweise gibt es nur einen einzigen Ort, an dem man dieser ständigen Geräuschkulisse entkommen kann; ohne Verkehr, rein gar nichts. Das ist im Norden von London. Ein unglaublicher Ort. Ich kann gar nicht genug von Artikeln über das Tiefseefischen und ihre Konsequenzen für die Meeresflora und – fauna kriegen. Beim letzten Mal haben sie 30 Wale gefunden, die aufgrund der sonoren Verschmutzung ständig aneinandergerammt waren. Einige von ihnen bluteten sogar aus den Ohren.“

Ob Cosmo wütend sei? „Ja, glücklicherweise. Die Wut ist bei mir ein Motivationsfaktor. Ich verstehe nicht, wie man angesichts all dieser schrecklichen Dinge um uns herum nicht wütend sein kann. Die Leute können doch nicht ernsthaft so weiterleben wollen. Sie könnten sich zumindest über die Konsequenzen ihres Handelns bewusst sein. Verantwortlicher werden.“

Cosmo Sheldrake: "Rich"

In den nächsten Tagen will sich Cosmo Sheldrake wieder der Welt widmen, die dabei ist, sich in Luft aufzulösen. Das nächste Projekt des Künstlers widmet sich den verlorenen Flüssen von London, „diejenigen, die mittlerweile unterirdisch sind. Unser Haus und meine Schule befinden sich über solch einem ehemaligen Fluss. Ich werde versuchen, sie wieder an die Oberfläche zu holen und ihren Sound zu extrahieren. Dieses Geräusch, das längst in Vergessenheit geraten war.“

Hören: 'Pelican We' von Cosmo Sheldrake (Transgressive Records/2015)