Kultur

Comics: Öko-Traumfabrik Brüssel

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2011
Kaum einer weiß es, doch es existiert noch ein anderes Brüssel. Es ist nicht die Stadt, die man tatsächlich besuchen kann. Das andere Brüssel ist grüner, romantischer, menschlicher.
Es existiert nur in den Vorstellungen und Bildern derer, die gelernt haben, die Stadt so zu lieben, wie sie ist – mit all ihren Widersprüchen, ihren unsinnigen Baustellen und ihrem 'erzwungenen' Dasein zwischen den zwei Herzen Europas: dem lateinischen und dem germanischen. Ein Comiczeichner, ein visionärer Architekt und ein Künstler erklären uns anhand ihrer Werke, wie und warum sie von einem anderen Brüssel träumen.

Kultcomic Brüsel: Brüssels schwarzes Herz

Dunkelheit und Zement sind Teil der pessimistischen (bzw. realistischen) Vision des belgischen Comics „Eine Stadt, die vor anderthalb Jahrhunderten an den Appetit der Politiker und ihrer Anhänger verkauft wurde“. So lauten die ersten Worte von Brüsel, einem belgischen Kultcomic. Seine Schöpfer François Schuiten und Benoît Peeters inszenieren und illustrieren in dem Heft eine echte Parallelstadt, die im Phänomen der ‚Brüsselisierung‘ – in Anlehnung an den Namen der europäischen Hauptstadt – erstickt. Die Geschichte kreist um eine Blumenhändlerin, die davon überzeugt ist, dass der Fortschritt, die Lösung des organischen Verfalls in der dea plastica [Plastikgöttin; A.d.R.] liegt. Währenddessen fällt die Stadt um sie herum einer systematischen Entmenschlichung zum Opfer, dem Werk eines größenwahnsinnigen Geschäftsmanns.

Es fällt nicht schwer, im Comic die vielen Veränderungen wiederzuerkennen, die Brüssel in Wirklichkeit durchlebt hat. Die Querverweise beginnen beim Wahnsinn des Bürgermeisters Anspach, der von der Idee eines Haussmannschen Paris besessen war (der Stadtplaner Haussmann hat im 19. Jahrhundert Paris 'renoviert') und den Architekten Léon Suys mit der Überdachung der Senne beauftragte (seitdem ein Geisterfluss, der die Stadt durchquert). Und sie reichen bis zum Projekt einer Nord-Süd-Zugverbindung, die das architektonische Erbe der Hauptstadt zerstörte. Dieses Comic gleicht einem antiliberalen Pamphlet: Es deckt die noch offenen Wunden einer Stadt auf, die von Fortschritt, Eisen und Zement überrumpelt wurde. Die Lektüre hilft verstehen, warum die Bezeichnung „Architekt“ in Belgien eine der schlimmsten Beleidigungen ist, die man sich vorstellen kann. Zum Glück treffe ich einen ganz besonderen Baukünstler.

Luc Schuiten: vom Gedanken zur Möglichkeit

Umwelt trifft Science Fiction, zumindest auf dem Papier

Luc Schuiten, Bruder von François, ist ein visionärer Architekt, der ein bisschen wie ein verrückter Wissenschaftler aussieht und ein sanftes, beruhigendes Lächeln hat. Schon seit Jahren zeichnet und glaubt er an ein anderes Brüssel, das vollkommen ökologisch und nachhaltig ist. Luc empfängt mich in seinem Studio, einer Art irdischem Paradies, in dessen Wohnzimmer man sogar auf eine Eiche trifft. Luc fängt an zu erzählen: „Der Unterschied zwischen den Comics meines Bruders und meiner eigenen Arbeit besteht darin, dass mein Bruder versucht, eine Geschichte zu erzählen, während ich nicht an Fiktion interessiert bin, sondern am Entwurf einer neuen Möglichkeit. Meine Arbeit ist kein Traum, sondern die Erstellung eines Konzepts, das Wirklichkeit werden kann, wenn man möchte. Es ist genau das, was die Amerikaner getan haben, als sie eine Rakete auf den Mond schossen. Sie hatten eine Idee und haben dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diese Idee zu realisieren. Mein Projekt ist leichter umzusetzen als ein Flug zum Mond, aber trotzdem will keiner investieren. Meine 'natürliche' Welt missfällt den Regierenden.“

Luc ist bekannt dafür, die Brüsseler Straßen mit einem Tretauto zu bestreiten Luc mag unsere Welt nicht: „Sie strebt nach ständigem Wachstum. Doch das ist unmöglich, denn unsere Ressourcen sind begrenzt. Unsere grenzenlosen Beschleunigungssysteme werden uns noch in eine Katastrophe stürzen.“ Im Gegensatz hierzu ist seine eigene Vision positiv: Es ist die Vision einer „Lichterstadt“, die der dunklen Stadt Brüsel entgegensetzt ist. „Eine Welt ohne Benzin, ohne Industrie und ohne die Macht des Geldes, das ist eine schönere Welt.“ Doch es scheint, als wolle kaum einer Lucs Welt teilen. „Mein Baumaterial ist das Lebendige. Es ist tausendmal funktioneller und widerstandsfähiger als industrielle Materialien. Aber leider hat sich die Technik bloß für militärische Bedürfnisse entwickelt. Selbst die Nähmaschinen wurden nur erfunden, weil das Militär sie brauchte. Die großen Fortschritte der Menschheit wurden realisiert, um Nachbarländer anzugreifen und nicht, um die Erde zu verbessern. Das interessiert die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft nicht.“ Luc zufolge bleiben der Welt nur noch 70 Jahre, doch „die Politiker hängen weiterhin an ihrer Vorstellung von einer Stadt in ständigem Wachstum: mehr arbeiten, um mehr zu produzieren, um mehr zu konsumieren. Brüssel ist das Opfer von Politikern mit kurzfristigen Zielen. Stattdessen wäre es wichtig, die kleinen Probleme zu lösen oder auch nur eine Regierung zu bilden! Doch keiner will in eine menschlichere Welt investieren.“

Das Erbe von 1968: Frank Pé und die Liebe zur Natur

Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung wird von einer ganzen Generation geteilt: Derjenigen, die sich noch vor 1968 und der Entstehung der Umweltparteien gegen die Exzesse des Neoliberalismus und die Instrumentalisierung der ökologischen Begeisterung aussprach. Einer dieser Generation ist Frank Pé, ein bekannter Brüsseler Comiczeichner. Er lebt zwar nicht in der Stadt, trifft sich aber dennoch mit mir im Café des Belgischen Comic-Zentrums, um mir von sich und seinen Werken zu erzählen. Pé ist Schüler der ersten Generation belgischer Comiczeichner, zu der auch die Berühmtheiten Hergé und Franquin gehören, deren Figur Gaston zum Maskottchen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen ernannt wurde. Eine seiner Figuren, Broussaille, hat Pé zu einem Symbol für die Liebe zur Natur und zu Tieren gemacht, jedoch ohne militante Absichten. „Der Umweltbereich unterscheidet sich von der Politik“, präzisiert er. „Er basiert auf einem Gleichgewicht, auf Artenvielfalt, während bei der Politik Macht ins Spiel kommt. Und wo Macht herrscht, kann es kein Gleichgewicht geben, im Gegenteil. Ich verfolge mit meinen Werken kein pädagogisches Ziel. Ich will lediglich meine Leidenschaft für die unglaubliche Kreativität der Natur teilen.“

In Pés Kindheit fand man in Brüssel noch leicht grüne Fleckchen, doch dann „haben sie angefangen zu bauen – ohne Logik, ohne Grenzen. Die Politik, vor allem ab 1980, erwies sich als zu zerbrechlich. Sie konnte dem Vormarsch des Liberalismus nicht standhalten und wurden stattdessen seine Komplizin.“ Das scheint ein Merkmal der Brüsseler Politik zu sein. „In Deutschland gibt es Gesetze, die ab einem bestimmten Punkt sagen: 'Stopp, hier endet der Zement.' In Brüssel gibt es keine Grenzen.“ Die ganze abendländische Gesellschaft gehe vor die Hunde, fügt Pé hinzu, „seit Freud das Ego in den Vordergrund gerückt hat, weil das einen Individualismus rechtfertigte, der die Gemeinschaft außer Acht lässt.“ In diese Richtung gehe auch die zeitgenössische Kunst, „die nicht mehr dem Lebenssinn Form gibt, sondern sich an eine intellektuelle Nische richtet, statt an die Gesellschaft.“

Das zeitgenössische belgische Comic: eine neue Form des Engagements

Im Grunde mag Frank Pé die zeitgenössische Kunst nicht besonders. Auch nicht die neuen Richtungen, die das Comic eingeschlagen hat. Alternative Verlagshäuser wie Fremok, L'Employé du mois und La Cinquième Couche nutzen das Bild, um die Grenzen der Sprache zu überwinden, „indem sie versuchen, immer neue Erzählweisen zu finden“, erklärt Greg Shaw, ein junger belgischer Schriftsteller. Die Versuche reichen von der Anwendung von Filmtechniken auf Comics (beispielsweise von besagtem Greg Shaw) bis hin zur Verwendung von Tierblut (Michael Matthys). Doch eine Aufmerksamkeit für die Umwelt existiert tatsächlich. Ich entdecke sie in meinem Gespräch mit Xavier Löwenthal, Künstler und Herausgeber des Verlags La Cinquième Couche, der Figuren wie Antonio Bertoli und Alejandro Jodorowsky in seinen Reihen zählt. „Heute hält ein Buch ein bis drei Wochen, wie Nutella oder Zucker“, erzählt Löwenthal, der mich in sein einladendes und unaufgeräumtes Zuhause eingeladen hat. „Die Industrie fordert, immer mehr zu produzieren, um immer mehr zu verkaufen und bei alldem die Zeit zwischen Produktion und Verbraucher drastisch zu verringern. Wir sind gegen die Schnelllebigkeit und denken, dass ein Kulturgut so lange wie möglich halten sollte. Aus diesem Grund haben wir mort au pilon [wörtlich: „Tod durch die Keule“; A.d.R.] erfunden.“

Die „Keule“ ist ein riesiger Bücherhaufen, der im Papierkorb landen soll. Diese Bücher werden von Xavier und seinen Mitarbeitern jedes Jahr eine Woche lang zu einem frei bestimmbaren Preis verkauft – eine intelligente Initiative gegen den Verschwendungswahn. „Wir sind Opfer einer Überproduktion“, fügt Löwenthal hinzu. „Es ist die Politik, die das will. Es ist der Fehler der Liberalen, wenn sich eine Stadt zwischen 17 und 18.30 Uhr in eine wahrhafte Hölle verwandelt. Sie können nicht auf's Auto verzichten.“ Steht eine Lösung in Aussicht? „Man kann nichts tun“, antwortet er mir. „Frau und Herr Jedermann können nicht langfristig denken, weil sie essen müssen. Es läge an den Politikern und an denen mit Geld, das zu tun, aber sie sind zu ignorant.“ Doch dieser sture und zügellose Kurs muss enden, früher oder später.

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 2010/2011 Green Europe on the Ground.

Illustrationen: ©Diana Duarte; ©mit freundlicher Genehmigung von Frank Pé, François Schuiten, Luc Schuiten; Video: YouTube