Kultur

Claudio Magris, die Sprache der Übersetzung

Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2007
Seinen Roman „Danubio“ hat Claudio Magris in einem Café geschrieben. Und in einem Café haben wir den Schriftsteller auch getroffen, um mit ihm über Europa und seine Heimatstadt Triest zu sprechen.

Es ist halb zehn. Das Pariser Morgentreiben beginnt träge. Auf dem Boulevard Beaumarchais flitzen Autos vorbei. Unweit der Bastille setzen wir uns mit Claudio Magris auf einen Kaffee zusammen. 67 Jahre, perfekt geschnittener grauer Trenchcoat, Augen so blau wie das Meer seiner Heimatstadt Triest. Die eleganten Beckett-Falten seines Gesichts erinnern an die tausende von Straßen, die er in seinem Leben durchwandert hat, auf seinen langen Reisen quer durch Europa.

Der berühmte Kolumnist der italiensichen Tageszeitung Corriere della sera begann seine Karriere mit der Veröffentlichung einer Doktorarbeit über den Habsburger-Mythos in der deutschen Literatur (Einaudi, 1963). Diese Arbeit trug dazu bei, in Italien die mitteleuropäische Kultur und Literatur wieder in Mode zu bringen.

Progressiver Egoismus

„Ich fühle mich als Europäer, aber mit Europa ergeht es mir wie Augustinus mit der Zeit: ‚Wenn man mich nicht danach fragt, was es ist, weiß ich, was es ist. Wenn man mich danach fragt, weiß ich es nicht mehr’“. Heute teilten sich die europäischen Länder dieselben Probleme und Trends: die Währung, die Arbeitslosigkeit, die Mode. Deshalb kann Magris es nicht erwarten, dass „Europa ein Staat werde, vielleicht ein Bundesstaat, aber mit einem wirklichen Parlament“.

Und dazu solle es so rasch wie möglich kommen, denn im Gegensatz zu den großen orientalischen und amerikanischen Kulturen stünden in Europa „das Individuum und die Gesellschaft in einem ganz eigenen Verhältnis zueinander. Es ist eine Gesellschaft, in der das Individuum immer im Vordergrund gestanden ist, aber nicht auf unkontrolliert-anarchistische Weise“. Europa lebe von einem kulturellen, geschichtlichen, sozialen und literarischen Erbe, das die Menschen zu einem „progressiven Egoismus“ hinführe, „bei dem das Ich auch die Gemeinschaft einschließt“.

Das Syndrom des Polnischen Landtags

Magris spricht schnell, ohne Unterbrechungen. Wie ein angeschwollener Strom, der sich befreit. Fast so wie sein Roman „Donau“, der 1986 erschienen, und vom Europa der „Mitte“ handelt. Der Autor führte in Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad Tagebuch, und bringt dem Leser so Osteuropa, seine wichtigsten Persönlichkeiten und seine Geschichten näher.

Magris weist mit großer Klarheit auf die Gefahren und Hindernisse des europäischen Projekts hin: „Ein größerer Zusammenhalt ist notwendig. Gegenwärtig läuft Europa Gefahr, so etwas wie das Parlament der polnischen Adelsrepublik zu werden, in dem jeder Adelige ein Vetorecht hatte. Solange Europa die grundlegenden Entscheidungen nur mit Einstimmigkeit trifft, solange wird es politisch machtlos bleiben“.

Und aus genau diesem Grund ist Magris überzeugt, dass es besser gewesen wäre, eine Übereinkunft über die Verfassung unter wenigen Staaten zu finden, um dann in einem zweiten Schritt eine Erweiterung zu ermöglichen. „So ließe sich die Gefahr vermeiden, ein zweites Heiliges Römisches Reich mit schwacher Zentralmacht zu schaffen.“ Mit leicht besorgter Miene sinniert Magris, dass Osteuropa, befreit von seinen Traditionen und vom Kommunismus, drauf und dran sei, sich eine neue Identität zu schaffen und dabei aber leider eine Art „einundfünfzister Staat der USA“ werden könnte. „Diese Gefahr besteht auch für das europäische Projekt“, führt er aus.

„Zu Hause kann ich nicht arbeiten“

Während Magris das erste Croissant zu Ende isst, versuche ich das Gespräch auf seine Heimatstadt zu lenken. „Ich habe es satt, von Triest zu sprechen!“, antwortet er. Die engen Bande mit seiner Stadt könnten in der Tat nurmehr als Klischee erscheinen – bis hin zu grotesken Auswüchsen: „Ein Politiker hat mich sogar einmal gebeten, ich solle mich beim Besuch einer wichtigen internationalen Delegation an einem Kaffeehaustisch sitzend antreffen lassen!“, vertraut uns Magris an.

So etwas sei auf die Mediengesellschaft zurückzuführen, in der wir leben. Doch er werde sich nicht davon abhalten lassen, seine Stadt auch weiterhin zu lieben, ihre Cafés zu besuchen und dort zu schreiben. „Zu Hause kann ich nicht arbeiten, ich werde abgelenkt. Im Café bin ich alleine, aber in Gesellschaft. Ich genieße eine Art Anonymität, aber umgeben von den anderen. Und das tut gut, weil ich so den Kontakt mit der Wirklichkeit nicht verliere.“

Übersetzen ist unmöglich, aber notwendig

Den Kontakt mit dem Anderen, mit der Vielfalt der Identitäten, findet Magris auch in der Übersetzung. „Im Deutschbuch der Universität stand geschrieben ‚Übersetzen ist unmöglich, aber notwendig’“, sagt er uns zwischen zwei Schlücken Kaffee. „Ein bisschen wie das Leben“. Der Schriftsteller zögert nicht, die große Bedeutung des Übersetzers hervorzuheben. Er sei der „Koautor des Textes“. Man brauche nur an die italieniche Übersetzung Homers von Vincenzo Monti zu denken, dem es „gelungen ist, die literarische Sprache zu beeinflussen“.

Wenn Magris von Übersetzung spricht, dann nicht ohne Grund. In seiner Laufbahn hat er die wichtigsten Theatertexte der deutschen Literatur übersetzt, von Büchner, Kleist und Schnitzler. Und seine Bücher wurden in fünfundzwanzig Ländern übersetzt. Von daher rührt auch das Bedürfnis nach engem Kontakt mit seinen Übersetzern: „Ich führe regelrecht Korrespondenz! Mein holländischer Übersetzer hat mich einmal gefragt: ‚Was verstehen Sie unter incertezza della sera, der ‚Unsicherheit des Abends’?“, erzählt er uns amüsiert. „Ich habe ihm auf zwei Seiten geantwortet!“