Kultur

Claudia Cardinale: „Ich wollte immer zeigen, dass die Frauen stärker sind!“

Artikel veröffentlicht am 21. August 2015
Artikel veröffentlicht am 21. August 2015

Die Männer lagen ihr stets zu Füßen. Cowboys eingeschlossen. Sie küsste Alligatoren, Löwen und Leoparden und brachte die Kameras zum Schmelzen. Claudia Cardinale war vielleicht die einzige Schauspielerin in den 60ern, die das Ideal einer starken Frau verkörperte. Die 78-jährige „La Cardinale“ empfängt uns bei sich, um ihr Leben Revue passieren zu lassen. Und um uns im Armdrücken platt zu machen.

David Niven beschrieb sie als die „beste Erfindung Italiens neben den Spaghetti“. Sie liebt Schokolade. Ihr Vorbild ist Brigitte Bardot, mit der sie über die Champs Elysées flaniert, in ein supersexy Kleid gezwängt. Trotz ihrer Schönheit konnte sie sich immer vor der Ehe drücken. Auch wenn ihr Gesicht von einem mediterranen Lächeln geschmückt ist und die Familie aus Sizilien kommt, mit Vorfahren von der Isola delle Femmine (Nomen est Omen), spricht sie kein Wort italienisch als sie von italienischen Regisseuren engagiert wird, wie zum Beispiel 1961 von Valerio Zurlini für den Film Das Mädchen mit dem leichten Gepäck. Dennoch wird sie als die „Verlobte der Italiener“ umjubelt. Pasolini und Moravia würdigen in ihren Werken ihren Blick und ihren Körper. Zusammen mit Sophia Loren ist sie die Schauspielerin, die am meisten das Schönheitsideal und den Kinofilm Italiens geprägt hat. Rebellisch gibt sie zu, dass sie sich alles an ihrer Kunst selbstbeigebracht hat, ohne jemals Schauspielunterricht zu nehmen.

cafébabel: Nach 144 Filmen, in denen Sie mitgewirkt haben, als internationale Diva und italienische Ikone, drehen Sie weiterhin auf Französisch, Italienisch und Englisch: Mit welcher Sprache fühlen Sie sich am wohlsten?

Claudia Cardinale: (bricht in Lachen aus) Ich höre einfach nicht auf Filme zu machen, was? Und wissen Sie: In meinem Alter bin ich ganz natürlich, keine Spur von Lifting. Wem nützen diese alten Hexen mit barbiehaften Wangen und Lippen? Meine Mutter sagte mir einmal: „Man sieht deine Falten nicht, Claudia, weil du die ganze Zeit lächelst!“

Meine Muttersprache ist Französisch, weil meine Familie von Sizilien nach La Goulette, einem Vorort von Tunis, ausgewandert ist: Tunesien war damals ein französisches Schutzgebiet. Meine Eltern sprachen zuhause nur sizilianischen Dialekt, also bin ich mit dem Französischen aufgewachsen. Als ich anfing in Italien zu drehen, wurde meine Stimme synchronisiert: Zum einen weil meine Stimme sehr tief ist, aber vor allem, weil ich kein Wort Italienisch sprechen konnte. Luchino Visconti war der erste Regisseur mit dem ich mich unterhalten konnte: er hatte in Paris gelebt, als Assistent von Jean Renoir, und sprach fließend Französisch.

Heute mag ich Französisch und Italienisch gleichermaßen, zumal ich, genau wie mein Vater, nie meine italienischen Ursprünge vergessen habe. Ich werde meinen ersten Eindruck der Italiener niemals vergessen. Ich war von ihrer Art zu Sprechen total verschreckt: Sie grölten und gestikulierten; man wollte meinen, sie waren kurz davor sich zu prügeln.

cafébabel: Welche Künstler und Filmdrehs haben Sie am meisten geprägt?

Claudia Cardinale: Die großartige Rita Hayworth. Bei den Dreharbeiten zu Circus-Welt (Henry Hathaway 1964) machte ich gerade Pause in meinem Wohnwagen, als Rita in Tränen ausbrach. Sie hat mir in die Augen gesehen und geschluchzt: „Eines Tages war ich auch so schön.“ Sie hat mich so berührt, dass auch ich anfangen musste zu weinen. Rita war eine wundervolle Frau. Sie hatte eine nostalgische Seite, die sie noch charmanter machte. Dank des Films von Hathaway bin ich außerdem dem sagenumwobenen John Wayne begegnet.

cafébabel: Mögen Sie Cowboys?

Claudia Cardinale: Burt Lancaster und Henry Fonda haben einen besonderen Platz in meinem Herzen. Der erste ist ein unglaublicher sizilianischer Prinz des 19. Jahrhunderts geworden, ein fabelhafter Leopard! Vor dem zweiten habe ich mich entblößt, in jederlei Hinsicht. In Spiel mir das Lied vom Tod (Sergio Leone 1968), habe ich eine der heißesten Szenen meines Lebens gedreht. Henry war sehr verlegen bei den Szenen unseres Liebesspiels. Er hat mir die harte Aufgabe überlassen ihn etwas „in Fahrt zu bringen“. Das hätte ich gerne gemacht, wäre da nicht seine Frau gewesen, die wie ein Geier neben der Kamera stand und uns tötende Blicke zuwarf!

cafébabel: Mit welchen Akteuren des französischen Films waren Sie am engsten verbunden?

Claudia Cardinale: Meine Lieblingsschauspielerin war Brigitte Bardot, weil sie auch tanzte und sang. Sie konnte einfach alles. Ich muss ihnen wohl nicht erzählen, dass ich die Ehre hatte, an ihrer Seite in Petroleum-Miezen (Christian-Jaque 1971) zu spielen. Die Paparazzi haben nie das Set verlassen, weil sie nur darauf warteten, dass sich die blonde Französin BB und die brünette Italienerin CC stritten. Aber im Gegenteil, Brigitte und ich sind gute Freundinnen geworden. Der Dreh war der pure Wahnsinn.

Die Vorpremiere auf den Champs Elysées war die Krönung: wir haben unsere Outfits für den roten Teppich abgestimmt. Brigitte sagte zu mir: „Zieh du ein sexy Kleid an, ich gehe im Smoking!“ Als wir ankamen, drehten die Journalisten durch.

2008 hat man mir die französische Ehrenlegion verliehen. Der Brief, den mir Brigitte anlässlich dessen geschrieben hat, ist zu witzig. Die Widmung: „An meine liebste Petroleum-Mieze!“

cafébabel: Und wie sieht es mit den Männern aus?

Claudia Cardinale: Ich verspüre eine gewaltige Zuneigung gegenüber drei großen Männern des französischen Kinos, mit denen ich romanhafte Liebesgeschichten hätte schreiben können, aber letztendlich habe ich mich mit ihrer wunderbaren Freundschaft zufrieden gegeben. Sie müssen wissen, man hat mich nie mit einem Ring an den Altar gekettet. Ich bin eine freie Frau!

Alain Delon und ich wären für alle ein Traumpaar: Angelica und Tancredi! Bei der Vorführung der restaurierten Version von Der Leopard (Luchino Visconti, 1963) saßen wir nebeneinander und flüsterten uns zu: „Hast du gesehen? Wir haben geknutscht bis zum Abwinken!“

Ebenso war es mit Jean Sorel, mein Schauspielkollege in der inzestuösen Beziehung in Sandra (Luchino Visconti, 1965). Wir haben uns immer die Frage gestellt: „Warum hatten wir beide nicht so eine Liebesgeschichte wie im Film?“

Und zu guter Letzt, mein lieber Jean-Paul Belmondo: welche Verbundenheit! Als ich ihn in Cartouche (Philippe de Broca, 1962) küsste, kribbelte es überall. Und desto mehr ich mich fallen ließ, desto heftiger wurden seine Küsse. In einem Moment hielt Philippe es nicht mehr aus und schrie: „Hört auf jetzt, Kinder!“

cafébabel: Und wie steht es mit den Italienern? Wenn Sie drei von ihnen vor dem Vergessen retten könnten, wer wäre in Ihrer Auswahl?

Claudia Cardinale: Mit Pasquale Squitieri habe ich eine ganze Reihe an Mafia-Filmen gedreht, doch meine absoluten Großmeister sind Luchino Visconti, Federico Fellini und Mauro Bolognini.

Nach Bel Antonio (1960) – bei dem Marcello Mastroianni von den Männern des sizilianischen Dorfes, in dem gedreht wurde, verachtet wurde, da in ihren Augen seine Darstellung eines impotenten Machos blamabel für die südländische Männlichkeit war – gab mir Bolognini eine der schönsten Rollen meiner Karriere. In Das Haus in der Via Roma (1961) spielte ich Bianca, eine Prostituierte. Diesen Charakter zu spielen, brachte mir große Freude, da ich in meinem Schauspiel experimentieren konnte und ganz neue Seiten an mir entdeckte, derer ich mich zuvor gar nicht bewusst war.

Federico und Luchino standen sich als Künstler in Konkurrenz. Es war nicht einfach, gleichzeitig Der Leopard und 8 ½ (1963) zu drehen. Sie führten eine Art wechselseitigen Krieg. Luchino verlangte in seinem theatralischen Realismus, geradezu manisch, dass Angelica brünett sein sollte, mit langen Haaren, die rigoros ungewaschen sein sollten, wie es um 1860 so üblich war. Federico dagegen wollte Claudia, alias die engelsgleiche Muse, blond und kurzhaarig. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe, aber ich schaffte es tatsächlich, beiden Anforderungen gleichzeitig gerecht zu werden. Die beiden arbeiteten auch mit komplett gegensätzlichen Methoden: bei Fellini waren die Drehs ein Chaos! Es gab immer einen Höllenlärm und die Schauspieler zählten nur „eins, zwei, drei“ anstatt ihren eigentlichen Text zu sagen. Wie im Zirkus!

An den Sets von Visconti aber konnte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören. So sehr forderte er Respekt, um nicht zu sagen dramatisch ästhetische Präzision, gegenüber seiner Kunst.

Mit Luchino verband mich eine tiefe Freundschaft. Wir unterhielten uns auf Französisch, er verwöhnte mich mit luxuriösen Geschenken – eine originale Tanzkarte aus dem 19. Jahrhundert zum Beispiel. Er war es, der meinen Stil geprägt hat.

Sehen Sie sich mein Make-Up an, wie ich die Kontur meiner Augen mit einem schwarzen Kajal betont habe. Luchino hat zu mir gesagt: „Alles was dein Mund nicht preisgibt, muss über deine Augen kommuniziert werden.“ Er hatte mich gern, weil ich etwas so jungenhaftes hatte. Er lud mich oft zu sich in sein Haus in der Via Salaria ein und wir schauten uns zusammen das Sanremo-Festival an. Wir neckten uns ständig!

Er gab sich extrem elegant, immer einen Schal oder ein Tuch um seinen Hals. Der kultivierteste Mann, den ich je kennengelernt habe! Und er beschützte mich: Beim Dreh von Rocco und seine Brüder (1960) gab es eine Szene, in der geboxt wurde. Er hat geschrien: „Lasst die Cardinale am Leben!“ Er kümmerte sich rührend um mich.

Denken Sie an die Sequenz aus Der Leopard, in der Angelica in den Festsaal kommt. Mein Charakter beißt sich auf die Lippen, als er die Szene betritt. Dieses klitzekleine Detail über Angelica habe ich improvisiert. Ich war mir sicher, Luchino würde mir das zum Vorwurf machen, so kompromisslos war er bezüglich der Umsetzung seiner Vorstellungen, doch letztendlich hat er mir zugeflüstert: „Bravo Claudia! Es war perfekt!“ Das war ein Moment eines unglaublichen Triumphs für mich! Signore Visconti, der mir zu meiner Improvisation gratuliert!

cafébabel: Sie sind ein Star, einzigartig in Ihrer Kunst: eine wahre Naturgewalt, sozial engagiert. Sie sagten einmal, ein Stern würde Sie leiten…

Claudia Cardinale: Schon seitdem ich ganz klein war, war meine Mutter davon überzeugt, ein Stern würde über mich wachen. Und mich begleiten. Ich glaube an das, was man auf Arabisch „mektoub“ nennt, das Schicksal. Die Zukunft ist bereits geschrieben.

Sehen Sie, es war nicht so, dass ich unbedingt zum Kino wollte. Es war das Kino, das mich fand! Am Anfang habe ich mich gesträubt. Es war genauso wie mit einem Mann. Wenn man sofort nachgibt, wird der Mann schnell gelangweilt sein und sich jemand anderes suchen. Wenn man ihn jedoch hinhält, wird er nicht aufhören, sich Mühe zu geben und einem den Hof zu machen.

Es gab einen Schönheitswettbewerb, bei dem das hübscheste italienische Mädchen von Tunis gewählt wurde. Der erste Preis war eine Reise zu den Filmfestspielen in Venedig. Ich half meiner Mutter an der Garderobe des Theaters aus, in dem der Wettbewerb stattfand. Plötzlich packte mich der Organisator am Arm und zog mich auf die Bühne, vor die Jury. Das hört sich nach einer amerikanischen Komödie an, aber nun ja: Ich habe gewonnen ohne überhaupt richtig teilgenommen zu haben. Von da an haben zahlreiche Produzenten und Regisseure meine Eltern bedrängt, dass ich zu drehen anfangen solle.

Aber ich wollte nicht! Stellen Sie sich vor, ich fand mich hässlich! Man bezeichnete mich als „das Mädchen, das sich dem Kino verwehrt“. Als ich 1955 zu den Filmfestspielen nach Venedig kam, flehten mich alle an, in einem Film mitzuspielen. Nach langem Widerstand habe ich dann doch nachgegeben! Und nun lässt mich das Kino nicht im Stich, genauso wie ein treuer Mann! 

cafébabel: Wie machen Sie das?

Claudia Cardinale: Ich habe ein verflucht wildes Temperament! Als ich in Karthago zur Schule ging, kaufte mein Vater mir einen hölzernen Schulranzen, damit ich mir nicht wehtat, ich war eine echte Draufgängerin. Ich liebte es, in den Zug einzusteigen, wenn dieser schon vom Gleis fuhr und raufte mit den Jungen. Ich wollte immer zeigen, dass die Frauen stärker sind! Ich bin tollkühn; ich habe Alligatoren, Löwen und Leoparden geküsst!

Ich versuche, so bescheiden wie möglich zu leben und mein Mittel gegen die Sorgen des Lebens ist ein Lächeln. Ich selbst sehe mich nicht als Star: Ich bin Claudia. Das bin ich meinen Fans schuldig.

Ich habe nichts Besonderes getan, um all das zu bekommen, das ich nun habe. Deshalb bemühe ich mich darum, mich sozial nützlich zu machen. Während meiner ganzen Karriere habe ich mich für Frauen engagiert, die Opfer von Gewalt gewesen sind, wobei ich von meiner Bekanntheit als Schauspielerin profitiere und den Frauen, die nicht so viel Glück hatten wie ich, zu Aufmerksamkeit verhelfen kann.

Ich bin eine Kämpferin. Eine Liberale. Ich höre nicht auf, für die Rechte von Frauen und Homosexuellen zu kämpfen. Bei der Gay Pride hielt die Menschenmenge vor meinem Haus und ich habe sie im Chor rufen hören: „Claudia wir stehen zu dir, stehst du zu uns?“

cafébabel: Was halten Sie vom aktuellen Kino?

Claudia Cardinale: Ich drehe auch Filme ohne Gage mit jungen Regisseuren, vor allem mit italienischen. Wie viele Briefe ich von Leuten bekomme, die sich über das Desaster des italienischen Kinos beklagen! Ich bin überrascht darüber, dass Scorsese, Coppola und Woody Allen die herausragende Rolle Italiens und seiner Kultur wiederentdecken. Das wunderschöne Rom: ein Museum unter freiem Himmel. Italien ist Kunst! Das französische Kino war grandios.

Und heute? Pure Verzweiflung! Ich kann nicht dabei zusehen, wie das, was unsere Großmeister uns vermacht haben, zerstört wird: Ich bin eine Frau, die von der Hoffnung lebt! Also los, krempeln wir die Ärmel hoch! Was würden Luchino und Federico sagen, wenn sie uns so sähen!