Kultur

Choreografin Constanza Macras: Über die Traumata Europas hinwegtanzen

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2011
Immigration, Müll und Großstädte: Constanza Macras ist eigentlich keine Soziologin, sondern Tänzerin und Choreografin. Aber die Stücke, die sie mit ihrer Gruppe Dorky Park inszeniert, reagieren dennoch auf die großen Diskussionen, die unsere europäischen, vom Umbruch gebeutelten Gesellschaften beschäftigen.
Ein Treffen mit der Wahlberlinerin während des deutsch-französischen Festivals für Bühnenkunst Perspectives in Saarbrücken.

Die Inszenierungen von Constanza Macras befassen sich oft mit den Themen Immigration und gesellschaftlichem Ausschluss. Und das umso gekonnter, als dieser aufsteigende Stern am Tanzhimmel, den ich während des Festivals für deutsch-französische Bühnenkunst in Saarbrücken traf, in gewisser Weise selbst Ausländerin in ihrer Stadt ist. Constanza wurde in Argentinien geboren und hat in New York studiert, danach einige Zeit in Amsterdam gelebt und sich 1995 in Berlin niedergelassen. Hier gründete sie 1997 zuerst die Gruppe Tamagotchi Y2K und 2003 die Formation Dorky Park, mit der sie heute arbeitet. „Ich war schon immer eine Ausländerin in Berlin und werde das auch stets bleiben. Aber genauso bin ich eine Ausländerin in meiner Heimatstadt, die ich vor 20 Jahren verlassen habe.“

Verrückte Immigranten

Nach einer Tanz- und Modedesign-Ausbildung verließ Constanza Buenos Aires, da ihr die Stadt damals nicht genügend Möglichkeiten als Tänzerin bot. Außerdem war es schon immer ihr Traum, in Europa zu leben. „Als ich das erste Mal nach Berlin kam, habe ich mir gesagt: ‚Das ist die Stadt, in der ich bleiben will.’ Ich liebe Berlin, weil hier verschiedene Kulturen aufeinander treffen und zusammenleben. Außerdem ist es eine Stadt mit Geschichte. Noch vor knapp 20 Jahren verlief vor dem Gebäude, in dem ich jetzt wohne, die berühmte Mauer.“

Eine Tänzerin der Gruppe Dorky Park

Constanzas letztes Werk Berlin Elsewhere, das in Saarbrücken uraufgeführt wurde, greift die verschiedenen historischen Ebenen der deutschen Hauptstadt auf, um einen neuen Blick auf seine heutige Identität zu werfen, ebenso wie auf die europäische Identität im Allgemeinen. Constanza erzählt weiter: „In unserer heutigen Gesellschaft geht man immer davon aus, dass der Verlust der Zivilrechte mit Wahnsinn, Immigration und Armut einhergeht. Es besteht eine erstaunliche Ähnlichkeit zwischen den Fragen, die man einem als ‚verrückt‘ diagnostiziertem Patienten stellt und den Fragen, die einem Immigranten gestellt werden, der nach seiner Heirat mit einem EU-Bürger eine Aufenthaltsgenehmigung in der EU beantragt. Fragen, die selbst ein gebürtiger Europäer nicht immer beantworten kann."

Berlin ist das perfekte Beispiel einer Stadt, in dessen jüngster Geschichte gesellschaftlicher Ausschluss, Wahnsinn und Isolation eine wichtige Rolle spielen. In den Jahren nach der Wiedervereinigung haben einige Personen ihre Bezugspunkte völlig verloren, während andere um ihre bürgerlichen Rechte fürchteten. Dazu gehören zum Beispiel die vietnamesischen Studenten, deren Aufenthaltsrecht und Möglichkeit, in Ost-Berlin zu studieren, mit dem Mauerfall in Luft aufgingen.

Wie man in einer Millionenstadt lebt (ohne verrückt zu werden)

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Constanza sensibler Gesellschafsthemen bedient, um sie in Werke der Kunst und der Reflexion zu verwandeln. In dem Stück Hölle auf Erden (2008), das wegen den gleichzeitigen Massenunruhen in den französischen Vorstädten besonders große Auswirkungen hatte, sprach sie bereits zahlreiche Tabus an, von Religion über Sex bis Rassismus. Das Werk inszeniert eine Gruppe junger Migranten, die die Choreografin fünf Jahre zuvor bei der Produktion Scratch Neukölln kennengelernt hatte. Constanza lässt die Migranten sich selbst spielen, als Jugendliche aus Neukölln, einem bis heute problematischen Viertel Berlins. „Die Jugendlichen spielen in diesem Stück die Hauptrolle. Wir sind sogar auf Tournee nach Südafrika gegangen. Das ist umso bedeutender, wenn man weiß, dass die Mehrheit von ihnen noch nie im Theater war."

Aber Immigration ist nicht Constanzas einziges Thema, ebenso erforscht sie die Lebensbedingungen in Großstädten. In ihrem Stück Megalopolis, für das sie 2010 den renommierten deutschen Theaterpreis Der Faust erhielt, vermischen sich Schmutz, Lärm, Platzmangel und die Anonymität der großen urbanen Masse, in der die Menschen zusammenleben, ohne sich zu kennen – der heutige Stress in all seinen Facetten. „Ich kann nicht behaupten, dass Megalopolis von Berlin handelt. Für dieses Werk habe ich mich vielmehr von den echten Großstädten inspirieren lassen, von New York und den asiatischen Millionenstädten wie Bombay oder Hong Kong", erklärt Constanza.

Gedankliche Kontrolle

"Erinnerungen sind vergänglich - Müll bleibt für immer"Memory is fragile – garbage lasts forever" (vom Sinn her: „Erinnerungen sind vergänglich – Müll bleibt für immer"), das Zitat, dass überall auf der Internetseite von Dorky Park zu lesen ist, macht mich neugierig. Eine Art Leitmotiv? „Die Beziehung der Menschen zu ihrem Müll beschäftigt uns sehr. Wir sind die einzigen Lebewesen, die derartig viel Abfall produzieren! Nach unserem Tod bleibt so viel Zeug, das wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben und das unsere Kinder nicht unbedingt behalten wollen. Viele Sachen landen dann auf Flohmärkten, sogar unsere alten Fotos", stellt Constanza fest. Die alten Fotos im Vintage-Look sammeln sich auf ihrer Seite an, bevor sie in die Marktauslagen wandern: „Wir finden unsere alten Fotos nicht immer schmeichelhaft. Aber sie existieren aus einem ganz einfachen Grund: Damit man nicht vergisst, woher man kommt. Und damit man sich daran erinnert, dass wir nicht immer das waren, was wir heute sind."

Fotos: Constanza Macras : ©Bettina Stöß; Fotos der Aufführung Berlin Elsewhere: ©Thomas Aurin; Screenshot der Webseite von Constanza Macras