Kultur

China und Nahost grüßen aus Bukarest

Artikel veröffentlicht am 8. August 2007
Artikel veröffentlicht am 8. August 2007
Zwei zugewanderte Geschäftsleute, eine Frage: Wie geht es Rumänien acht Monate nach dem Beitritt zur Europäischen Union? Ein Einkaufsbummel in Bukarests "Europa"–Komplex.

In dem beliebten Einkaufskomplex "Europa" im Norden von Bukarest trifft man auf Menschen aller Nationen: Araber, Chinesen, Inder und Türken – jedoch nur auf wenige Europäer. In den schmalen Straßen reihen sich winzige Läden aneinander. Sie sind so eng, dass die Kunden an der offenen Tür bestellen, ohne das Geschäft selbst zu betreten. Der Iraker Abdul-Hafiz Nawfal hat hier ein einfaches Bekleidungsgeschäft. Der 50-Jährige lebt seit 20 Jahren in Rumänien. Den Irak hat er als Regimegegner verlassen und traut sich bis heute nicht zurück in sein Heimatland. Mit seiner Verwandtschaft trifft er sich nur außerhalb der Landesgrenzen.

Eine zweite Heimat

Nawfal erklärt in perfektem Rumänisch, dass er die arabische Exil-Gemeinde für sehr vielfältig halte und sich wünsche, dass die Rumänen mehr Interesse an der arabischen Welt zeigen würden. Seiner Meinung nach sind die Bürger der anderen EU-Staaten den Rumänen hier einen Schritt voraus: Rumänen sollten die Möglichkeit haben, sich besser über unsere Kultur zu informieren, so dass sie unsere Ansichten und Traditionen besser verstehen können. "Das rumänische Fernsehen könnte zum Beispiel mehr Dokumentationen über die arabische Welt zeigen", findet der Geschäftsmann, der mit einer Rumänin verheiratet ist.

Nawfal glaubt, dass Rumäniens Mitgliedschaft in der EU sich insgesamt positiv auf das Land auswirke. Insbesondere begrüßt er, dass Rumänen nun keine Visa mehr benötigten, um die anderen EU–Länder zu besuchen. Er selbst ist ein großer Anhänger europäischer Werte: Er bewundert die Gesetzestreue der Europäer und die Achtung, die sie dem Menschen im Allgemeinen entgegenbringen. In Rumänien sei dies noch nicht selbstverständlich: "Hier hält man sich nicht unbedingt an die (europäischen) Gesetze. Außerdem gibt es zuviel Bürokratie." So zeige der Verwaltungsapparat seine Engstirnigkeit zum Beispiel gegenüber Ausländern, die in Rumänien die Fahrschule besuchen wollen: Alle Prüfungen können nur in Rumänisch abgelegt werden, während es in anderen Ländern der Europäischen Union längst möglich ist, mit Übersetzungen zu arbeiten. So bietet Großbritannien seinen pakistanischen Einwanderern sogar Tests in Urdu an.

Flüstern aus dem Land des Lächelns

Der erfolgreiche Makler Jyaniu Ling, 40, stimmt zu: "Manchmal braucht man 20 Unterschriften für einen einzigen Antrag", berichtet er auf Englisch. Wie Nawfal ist auch der Chinese mit einer Rumänin verheiratet und lebt mit seiner Familie in Bukarest. Die Plattenbauten seines Viertels werden überwiegend von chinesischen Einwanderern bewohnt, die hier Familien gründen. Auch Ling ist Vater dreier Kinder, die alle in Rumänien geboren sind. Obwohl er bereits seit 15 Jahren in Rumänien lebt, verzichtet er bisher darauf, die rumänische Staatsangehörigkeit anzunehmen; seinen chinesischen Pass will er jedenfalls nicht dafür hergeben. Ling reist immer noch regelmäßig nach China, auch seine Frau hat ihn schon mehrfach auf Familienbesuchen begleitet.

In einwandfreiem Rumänisch fährt Ling fort. Im Prinzip biete Rumänien Geschäftsleuten wie ihm eine unglaubliche Fülle an Möglichkeiten, jedoch sei mit dem EU–Beitritt der Geschäftsalltag komplizierter geworden. Die wirklichen Gewinner seien europäische Firmen mit Niederlassungen in Rumänien, während die restriktiven EU–Richtlinien für einheimische Geschäftsleute zunächst eine drastische Umstellung bedeuten.

Dennoch sieht Ling auch die positiven Aspekte des rumänischen EU–Beitritts. So habe sich vielerorts bereits die Infrastruktur verbessert; in ganz Bukarest entstehen derzeit neue Straßen und moderne Gebäudekomplexe. "Aber der Verkehr ist schrecklich, man verschwendet jeden Tag ziemlich viel Zeit im Stau", merkt er an. Dies sei ein Schwachpunkt von Bukarest, den man in China zu beheben wisse: "Wir vermeiden dieses Problem, indem wir Umgehungsstraßen bauen", erklärt er stolz. Wenn es nach ihm ginge, sollte Bukarest sich in diesem Punkt ein Beispiel an China nehmen und zum Beispiel Firmensitze vermehrt an die Stadtgrenzen legen. Auf diese Weise könne man die Verkehrslage entspannen und gleichzeitig die Wirtschaft in den Vororten ankurbeln.

Wie Nawfal bestätigt auch Ling, dass sich die rumänischen Medien nicht besonders für seine Heimat interessieren: "Man sollte einen Dialog zwischen beiden Ländern anstreben und China in Rumänien besser repräsentieren, auch durch kulturelle Veranstaltungen." Insofern könne ein beidseitiger Lernprozess in Gang gesetzt werden, hofft Ling. Er mag die Rumänen sehr. "Aber", resümiert er, "ich bezweifle, dass der EU–Beitritt allein sie zu glücklicheren Menschen machen wird."

Qualitätsleder

Obwohl die Mehrheit der Rumänen die neue kulturelle Vielfalt in ihrem Land begrüßt, gibt es auch kritische Stimmen. Marian Aurescu, 55, verkauft Lederschuhe im "Europa"–Komplex. Er begegnet seinen ausländischen Kollegen mit Skepsis und fühlt sich merklich unwohl, als er seine Sichtweise beschreibt: "Die kommen hier her und verkaufen schlechte Qualität, aber zu niedrigen Preisen. Es ist ja kein Wunder, dass die Leute da zuschlagen!" Er ist sauer. Seine Schuhe werden in Rumänien gefertigt, sie sollen vor allem eins sein: Widerstandsfähig. Aber die Kunden würden die billigen Importe aus China bevorzugen; es sei zweitrangig, dass es sich nicht um Markenware handelt. Aurescu hat eine Hoffnung: "Ich warte auf den Tag, an dem die Rumänen lernen werden, sich selbst und ihr Land zu respektieren. Wir haben es nicht nötig, lauter Ramsch aus China zu importieren, nur weil es billig ist!"