Kultur

Catarina Botelho über Krise, Kunst und Alltag in Portugal: "Wir stecken tief in der Scheiße"

Artikel veröffentlicht am 25. April 2012
Artikel veröffentlicht am 25. April 2012
Die Künstlerin und Fotografin aus Lissabon beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen engen Freunden, Familie und Objekten, genauso wie mit Gelegenheitsjobs im Ausland. Wir sprechen über Kunst in Portugal, Kultur während der Krise und darüber, immer Anfänger zu bleiben.

cafebabel.com: Catarina, wie hast du angefangen?

Catarina Botelho: Das Kino hat mich schon als Teenager fasziniert. Ich bin so oft ich konnte hingegangen. Dennoch habe ich nach einer Weile gemerkt, dass ich mehr an einem individuellen Schaffensprozess als an einer Gruppe interessiert war, die so viele Leute und Mittel braucht. Ich studierte Kunst. Aber da ich mich schon immer für Fotografie interessiere, habe ich auch damit angefangen.

cafebabel.com: Wie würdest du deine Heimatstadt Lissabon beschreiben?

Catarina Botelho:Lissabon ist eine wundervolle Kleinstadt, in der du ein relativ angenehmes Leben führen kannst und trotzdem immer neue Orte und Dinge entdecken kannst. Es hat den Charme einer unvollkommenen Stadt. Es ist eine Stadt, in der alte, manchmal verlassene Architektur von zeitgenössischem Leben zeugt. Lissabon hat das allerschönste Licht, welches das ganze Jahr über der Stadt leuchtet. Dazu den großen Fluss Tejo, in dem sich dieses Licht spiegelt. Wenn du im Zentrum wohnst, kannst du deinen Alltag meist zu Fuß bestreiten: in Baixa, im Süden der Stadt spazieren, am Martin Moniz-Platz in der Altstadt, wo du Produkte aus aller Welt findest, shoppen, ein Buch lesen an einem der vielen Miradouros [auf Deutsch: Aussichtspunkte], an denen du den besten Blick über die Stadt findest oder am Fluss entlang radeln.

(©Catarina Botelho)

cafebabel.com: Portugal als offizielles „Krisenland“: Hast du irgendwelche Veränderungen im kulturellen Sektor gesehen?

Catarina Botelho: Innerhalb der portugiesischen Grenzen gab es nie viele Möglichkeiten für Künstler. Obwohl es hier auf jedem Gebiet sehr gute Künstler gibt und Tolles geschaffen wird, sind wir ein kleines Land mit einem niedrigen Bildungsniveau. Portugal hat über vierzig Jahre Diktatur durchlaufen, die erst 1974 zu einem Ende kam. Neben anderen Dingen hat dieses Regime Ignoranz als staatliche Politik gebilligt, was tiefe Bildungsprobleme in unserer Gesellschaft hinterlassen hat. Heutzutage werden Kultur und Kunst von einer großen Mehrzahl der Bevölkerung, zu der die meisten Politiker gehören, als oberflächlich und unwesentlich im Leben und in einer demokratischen Gesellschaft angesehen. „Die Menschen sind noch ziemlich gelähmt, als würden wir erst jetzt verstehen, was auf uns zukommt.“

„Die Menschen sind noch ziemlich gelähmt, als würden wir erst jetzt verstehen, was auf uns zukommt und welches Unglück uns bevorsteht.“

Die wenigen Ressourcen und Möglichkeiten, die wir hatten, die uns als Künstler geschaffen haben, sind heute fast alle weg. Es gibt immer weniger Projekte, die Mittel haben zu überleben: Weniger Ausstellungen, weniger kunstbezogene Stipendien, weniger Institutionen, die investieren, und im Grunde keine staatlichen Hilfen. Diese Krise ist eine Gelegenheit für Künstler, zusammen zu kommen, sich der Situation zu stellen und sich in das Geschehen einzumischen. Die Menschen sind noch ziemlich gelähmt, als würden wir erst jetzt verstehen, was auf uns zukommt und welches Unglück uns bevorsteht. Die Herausforderung liegt darin, wie man damit umgeht.

cafebabel.com: Wonach hältst du für die Figuren in deinen Bildern im Alltag Ausschau?

Catarina Botelho: Die stillsten Momente, die Zeit miteinander: Schlichtere Gesten können die interessantesten sein. Ich interessiere mich sehr für unsere Beziehung zu Gegenständen, Materie und Zeit um uns herum. In einer Zeit und einem wirtschaftlichen System, in dem wir maßgeblich nach unserer Arbeitsproduktivität, Erfolg und Geld beurteilt werden, interessiere ich mich für die Orte und Situation mit einer unproduktiven Funktion. Es ist einfacher, uns als Menschen zu reflektieren, wenn wir zurück zu den Wurzeln gehen.

©CB

cafebabel.com: 1968 hat ein französischer Journalist gesagt, dass sich Frankreich „langweile“. War Portugal jemals langweilig?

Catarina Botelho: Ganz und gar nicht. „Gelangweilt“ sind Gesellschaften, in denen alles vollkommen und geregelt ist. Wir stecken tief in der Scheiße und wissen nicht, wohin es uns führen wird. Jedoch verbreitet dieses Gefühl von Unsicherheit und nicht zu wissen, was zu tun oder wohin man gehen soll, auf der ganzen Welt.

cafebabel.com: Hast du Angst vor dem, was in deinem Land geschieht? Ist Kunst eine Art Zuflucht?

Catarina Botelho: Jeden Tag hören wir von Menschen, die ihren Job verlieren oder von Selbstständigen, die immer weniger Arbeit haben, sei es von Freunden, in der Familie oder in den Nachrichten. Preis- und Steuererhöhungen werden ständig angekündigt. Es gibt aber auch ein Gefühl von Ruhe, als wären die Menschen noch nicht ganz sicher, was passieren wird; ich gehe mal davon aus, dass die meisten Portugiesen sich schämen, ihren Job zu verlieren und kein Geld zu haben, so dass sie einfach so lang es geht nichts sagen. Dieses Gefühl von Unsicherheit schwebt mir die ganze Zeit im Kopf herum. Ich habe Angst. Dennoch fangen wir durch die weltweiten Proteste an zu verstehen, dass diese Krise Teil eines globalen Systems ist, in dem Profit die oberste Priorität hat, nicht die Menschen. An diesem Punkt kann ein Künstler eine feste Haltung einnehmen und weiterarbeiten.

cafebabel.com: Du bist jetzt dreißig, fühlst du Veränderungen in deiner Arbeit und darin, wie die Leute sie betrachten?

Catarina Botelho: Ich bin mir sicherer, wonach ich schaue und was ich in meiner Arbeit machen will, als am Anfang. Jedoch hat Charlie Chaplin gesagt, „dass wir nicht lange genug leben, um etwas anderes als Anfänger zu sein.“ In der Kunst suchen wir immer nach der gleichen Sache und verfolgen sie. Wenn ich ein Projekt abgeschlossen habe, habe ich das Gefühl, dass ich es gemacht habe. Aber dann denke ich, dass etwas fehlt. Als ob das, nach dem ich gesucht habe, vergangen ist. Deswegen arbeite ich weiter.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Catarina Botelho