Kultur

"Carlos der Schakal" im Kino: Sexist, Kapitalist, Marxist

Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2010
Heute regnet es in Cannes. Perfekt, um fünfeinhalb Stunden im Dunkeln zu hocken und einen der Höhepunkte der diesjährigen Festspiele zu genießen: Oliver Assayas dreiteiliges Porträt von Carlos, des einstmals meistgesuchten Terroristen der Welt.

Beeindruckend allein sind schon die Zahlen: 300 Seiten Drehbuch, 90 Tage Drehzeit in knapp zehn Ländern, Hunderte von Schauspielern, die zig verschiedene Sprachen sprechen. Plus politische Krisensituationen, die geplante Drehs im Jemen und im Sudan in letzter Sekunde verhinderten. Rein logistisch ist der deutsch-französische Streifen Carlosder Schakal wohl einer der phänomenalsten Kraftakte der europäischen Fernsehgeschichte. Vor allem wohl, weil sich Fernsehen selten so weit in die Gefilde des Kino vorwagte wie hier: Der momentan so hippe Term Cinematic Television hat in Carlos ein Paradebeispiel gefunden.

Der französische Regisseur Assayas und sein Co-Autor Dan Franck konzentrieren ihre Erzählung auf die Hochzeit der terroristischen Taten des „Phantoms“ (der wirkliche Carlos heißt Ilich Ramírez Sánchez und sitzt in Frankreich im Gefängnis) und handeln in streng chronologischer Folge die aus öffentlicher Sicht folgenreichsten Anschläge des gebürtigen Venezolaners ab. Kindheit und Gefängnisjahre werden ausgeblendet. Aber auch so ist es, vor allem eingedenk der aktuellen Panikmache um den islamistischen Terrorismus, geradezu unglaublich, was dieser eine Mann veranstalten konnte, ob als Organisator oder Helfershelfer. Ermordung von Polizeibeamten, ein halbes Dutzend Sprengstoffanschläge, Kollaboration bei Geiselnahmen und die Organisation der berühmten Entführung der OPAC-Delegierten 1975, dazu jahrelanger internationaler Waffenschmuggel.

Seine unglaubliche Aufgabe stemmt Assayas mit Bravour - fast schon zu perfekt, könnte man meinen. Das Schlagwort ist Authentizität: Genau rekonstruierte Kostüme, Sets, Figuren, Situationen. Die Welt der 1970er und 80er war selten greifbarer als hier. Assayas scheint die möglichen Konflikte gespürt zu haben, denn er inszeniert Carlos der Schakal als quintessentielles, klassisches Erzählkino. Wie unterschiedlich auch nationale Verankerungen ausfallen mögen, es gibt eine bindende Idee des Kinos, einen gemeinsamen Nenner. Und der heißt Hollywood: Carlos ist internationales Kino im Wortsinne. Leider wirkt er dadurch auch etwas glatt.

Und so stürzt sich Assayas in einen komplexen, vielgestaltigen politischen Diskurs. Die Hauptkonzepte heißen Kapitalismus und Sexismus. Ihre Prädominanz ist in Assayas Darstellung so absolut, dass in ihrem Schatten alle anderen Bewegungen zu Planspielen degradiert werden. In der ambivalenten, aufmerksamkeitsgeilen und frauensüchtigen Figur Carlos‘ findet er die konkrete Verkörperung von beidem.

Assayas interessiert sich weniger für Ideologie als für Ökonomie: wie wird Terrorismus organisiert? Gerade im zweiten Teil erliegt man irgendwann der Überzeugung, die internationale Revolution sei nichts anderes als ein lang gezogenes, über den Erdball verteiltes Businessmeeting. In Anzug und mit Aktenkoffer in der Hand reisen Carlos und seine Mannen umher, sprechen von „Partnern“, „Verträgen“, „Aufträgen und Fristen“. Zwischendurch betrügt er noch seine jeweilige Freundin, zwingt selbst überzeugte Feministinnen zu absolutem Gehorsam. Seine „Revolution“ ist autokratisch organisiert: er allein bestimmt, alle anderen folgen.

Carlos der Schakal ist nicht zuletzt durch großartige deutsche Nachwuchsschauspieler (Nora von Waldstätten, Christoph Bach, Julia Hummer, Alexander Scheer, Aljoscha Stadelmann) absolut sehenswert, auch wenn das Projekt seine Längen hat. Es ist ein im besten Sinne des Wortes klassisches Biopic, dass in einer Figur die widerstreitenden Diskurse einer ganzen Epoche komprimieren will, bei dem jede Szene, jeder Augenblick mit Bedeutung und Sinn aufgeladen ist. Wirklich nahe kommt Assayas seiner Hauptfigur aber nie. Und so bleibt Comrade Carlos bis zum Ende ein Mysterium.

Ein Text von Nino Klinger.

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