Kultur

Bukarest: Das Vermächtnis des Diktators

Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2007
Das rumänische Parlament residiert im zweitgrößten Gebäude der Welt. Der Diktator Nicolae Ceausescu hatte den Palast einst mitten in der Hauptstadt Bukarest errichten lassen.

Sorin Vasilescu blickt von seinem Wohnzimmer in der Bukarester Innenstadt auf „ein Ungeheuer“. So nennt der Architekt den Parlamentspalast, den der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu als Machtzentrale errichten ließ. Vasilescu hatte früher einen Blick auf ein anderes Bukarest: In der Innenstadt schlängelten sich Gassen, standen Häuser der Jahrhundertwende, die nach einem Erdbeben Ende der 70er Jahre dringend hätten saniert werden müssen. „Eine Restaurierung ist wie eine Operation, man muss ein Skalpell anlegen“, erklärt Vasilescu enttäuscht. „Statt dessen ist Ceausescu mit einem Beil gekommen.“

Luxusarchitektur in Zeiten des Hungers

„Ungeheuer“ ist ein passender Begriff. Die Grundfläche des Hauses hat mit 65 000 Quadratmetern gigantische Dimensionen. Der Berliner Reichstag würde fünfmal hineinpassen. Wer im Bukarester Palast alle 5 100 Räume eine Minute lang sehen möchte, bräuchte dafür dreieinhalb Tage. Touristen bekommen das Haus in einer halbstündigen Führung präsentiert. Von 20 000 Arbeitern ist die Rede und von 400 Architekten, die den Palast ab Mitte der 80er Jahre aus ausnahmslos rumänischen Baumaterialien errichten mussten. Kein Wort über die Zwangumsiedlungen in Bukarests Innenstadt, von den Schleifungen wertvoller Baudenkmäler, kein Wort über die unmenschlichen Entbehrungen: Während es im Land an Lebensmitteln, Energie und Baumaterialien mangelte, entstand in Bukarest ein Luxusbau.

Vom Sitz des Dikators zum Haus der Demokratie

Nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes ist vielfach über den monströsen Palast diskutiert worden. Der US-Milliardär Donald Trump wollte ihn in ein Spielcasino verwandeln. Das Haus blieb jedoch unverkäuflich. Seit Mitte der 90er Jahre residiert das Parlament im Haus, später folgten das Verfassungsgericht und Abteilungen des Geheimdienstes.

Schon Ceaucescu plante im Palast eine Machtzentrale. In das „Haus des Volkes“ sollten neben dem Herrscher-Ehepaar der Parteiapparat und der Geheimdienst „Securitate“ einziehen. Dass dies der heutigen Nutzung ähnelt, finden die wenigsten befremdlich. „Die meisten Parlamentarier bewundern ihren Amtssitz. Schwierig ist nur die Orientierung in diesem Riesenhaus“, sagt ein früherer Abgeordneter. Auch die Gästebucheinträge im Palast bewundern „solch ein Meisterwerk, für das sich das Hungern gelohnt hat.“

„Auf Weltniveau mitspielen“

Selbst im Guinness-Buch der Rekorde wird der rumänische Parlamentspalast erwähnt. Sein Umfang wird nur vom US-Verteidigungsministerium übertroffen. „Die Rumänen lieben das Haus wegen seiner Größe“, erklärt der Denkmalschützer Hermann Fabini. „Endlich können sie mal auf Weltniveau mitspielen.“ Als ehemaliger Parlamentarier kennt er die Palasträume, „in denen eine demokratische Volksvertretung völlig deplatziert wirkt“. Die Räume aus Marmor und Edelholz sind mehrere Meter hoch, an vergoldeten Zimmerdecken hängen oft tonnenschwere Kristallleuchter. „Der Luxus dieses Hauses würde eher nach Dubai passen“, sagt Fabini. Außerdem seien die zwölf Geschosse ein Labyrinth, man müsse zwischen Büro und Sitzungssälen oft Kilometer zurücklegen. Mit einer „effizienten, modernen Behörde hat das nichts zu tun“, so Fabini.

In der Palastverwaltung ist man stolz auf das Haus, das „eine Errungenschaft des rumänischen Volkes ist“, so Georgeta Ionescu, Generalsekretärin des Parlaments. Wozu abreißen, wo doch die Bausubstanz mehrere Jahrhunderte überdauern kann? Ionescu will den Parlamentssitz in den nächsten Jahren jedoch besucherfreundlicher gestalten, noch wirkt der Palast wie eine uneinnehmbare Festung. Auch sei es an der Zeit, an die Opfer der Ceausescu-Diktatur zu erinnern. Aus Kostengründen liegen diese Projekte bislang auf Eis. „Wir haben zwar das zweitgrößte Haus der Welt, aber nicht das zweitgrößte Budget“, erklärt Ionescu.

Mihai Oroveanu, Direktor des Museums für Zeitgenössische Kunst, nennt das Haus „pompösen Kitsch, nach dem sich der Diktator immer gesehnt hat“. Das Museum ist mangels Alternativen in einen Flügel des Palastes gezogen. „Immerhin waren wir die einzigen Mieter, die den Mut hatten, den Ceausescu-Prunkbau zu verändern.“ In den Ausstellungshallen wurden Zwischendecken eingezogen, damit die Räume „Kunst und Besucher nicht zu Winzlingen degradieren“. Damit spart das Museum Heizkosten, doch im Palast ist Rentabilität kaum gefragt. Jährlich verschlingen allein die Instandhaltungs- und Nebenkosten rund acht Millionen Euro. „Die Rumänen betrachten den Herrschaftspalast so arglos“, sagt Mihai Oroveanu, „dass sich auch niemand wundern würde, wenn wir hier mit Diamanten heizen würden.“

Seit dem 1. Januar 2007 sind Bulgarien und Rumänien Mitglieder der Europäischen Union. Aus diesem Anlass präsentiert cafebabel.com in loser Folge Artikel, die die beiden neuen Mitglieder vorstellen. Der nächste Artikel erscheint am 5. März und handelt von "Merkez", einem muslimischen Fleisch- und Wurstunternehmen, das sein Fleisch mit Erfolg in Bulgarien verkauft.

Alle Artikel der Serie werden von Autoren des Korrespondenten-Netzes n-ost verfasst. Der Verein n-ost wurde im Dezember 2005 in Berlin gegründet. Das Netzwerk existiert bereits seit Frühjahr 2003. In ihm organisieren sich Journalisten und Initiativen aus über 20 Ländern, die sich als Vermittler zwischen Ost- und Westeuropa verstehen. Sie setzen sich für Demokratie und Medienfreiheit ein und leisten mit ihrer Arbeit einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas.