Kultur

Budapest: Stand-Up Theater gegen "Albträume" der Krise

Artikel veröffentlicht am 29. März 2010
Artikel veröffentlicht am 29. März 2010
Trotz der Ebbe in ungarischen Portemonnaies, wächst der Erfolg von Stand-Up Comedy und Playback-Theatern in Ungarn. Ein Rundgang in den wichtigsten Szeneclubs von Budapest zeigt uns, dass Theater hier sogar heilende Wirkungen haben kann.

Wir treffen Balàzs Hajdù im Sirály, einer der angesagten, dreistöckigen Bars der Kiraly utca, im jüdischen Viertel von Pest. Völlig außer Atem trifft er ein. Seine Mütze hat er tief über die Ohren gezogen, um seine zerzausten Haare zu verdecken. “Bitte um Nachsicht” - sagt er auf Englisch - “bin nur ein einfacher Ungar”.

Seit Jahren übt er sich als Stand-Up Comedian im Budapester Godot Dumaszínház Balàzs ist ein Absolvent der Wirtschaftswissenschaften mit glatt rasiertem Gesicht. Der 28-jährige Wahlbudapester, der eigentlich aus der Provinzstadt Szentes stammt, will mit uns in die Welt der ungarischen Stand-Up Comedy eintauchen. Seit Jahren steht er er als Comedian auf den Brettern des CaféGodot Dumaszínház (“das Quatschtheater”), das zwei Straßen entfernt von Deak Ferenc Tér, mitten im Stadtzentrum liegt. «Am Puls des täglichen Lebens von Jugendlichen, Schulen, Reisenden». Balàzs verkleidet sich nicht, wenn er auf der Bühne steht: Eine gehörige Portion Ironie und das Lachen seines Publikums sind seine Requisiten. «Ich stachele mein Publikum an, damit ich meine Performance so interaktiv wie möglich gestalten kann.»

Das ist übrigens auch der wichtigste Unterschied zum normalen Theater: Die Stand-Up Comedy, die ursprünglich in den USA zu Hause ist, entsteht aus dem Augenblick heraus, dem Sprung ins kalte Wasser - auf die Bühne - wie der Name schon sagt. Rein theoretisch kann sich jeder als Comedian versuchen. Die Lokalbetreiber, nicht nur in Budapest, versuchen die besten Talente anzuwerben, um die große Nachfrage zu stillen. Der Erfolg lässt sich auch daran messen, dass man sich bis zu zwei Monate vor der Vorstellung bereits anmelden muss, um an einer Vorstellung teilnehmen zu können. Trotz der Wirtschaftskrise scheinen die Ungarn nicht auf ihr Kulturprogramm verzichten zu wollen.

In Sachen Wirtschaft kennt sich auch Balázs gut aus: Als er sein Diplom endlich in der Hand hielt, begann er zunächst in einem Unternehmen zu arbeiten. Doch schon kurze Zeit später schmiss er alles hin, um seine Zeit seiner großen Leidenschaft, dem Theater zu widmen. «Sicher. Zum Überleben reicht das, was ich verdiene. Aber es ist unmöglich, etwas zu sparen. Eines Tages werde ich wohl gezwungen sein, mich nach einer seriösen Arbeit umzusehen», sagt er etwas trübsinnig.

Auf seinem Blog berichtet er über seine Aktivitäten als Stand-Up Comedian

Sprachtest Stand-Up Comedy

In der Budapester Jókai utca 26 erfreut sich auch englische Stand-Up Comedy immer größeren ErfolgsEs sind aber nicht nur die Ungarn, die sich für solche Spektakel interessieren. Für die wachsende Zahl amerikanischer und europäischer Expats, die die verzwickte ungarische Sprache noch nicht einmal annähernd beherrschen, ist die Orpheum-Halle im Cotton Club die richtige Anlaufstelle. Englischsprachige Stand-Up Comedy Abende gehörten seit anderthalb Jahren zu den erfolgreichsten Veranstaltungen dieses Sektors, weiß Anita Zdenko, Managerin und künstlerische Direktorin des Clubs, zu berichten. «Die Zahl der Zuschauer schwankt zwischen 50 und 120 je nach Abend. Etwa 10% der Besucher sind Ungarn, die sich für Fremdsprachen interessieren».

Die zündende Idee zur Ausschöpfung dieses potenziellen Marktsegments hatte die Ungarin Kinga Kremer, die mit 18 Jahren nach England auswanderte, um Betriebswirtschaft zu studieren und nach ihrer Heimkehr nach Budapest als Assistentin des berühmten Fotografen, Nanasi Pal, arbeitete. Sie schlug dem Cotton Club vor, Stand-Up Abende zu organisieren, und damit eine Marktlücke zu füllen, in der sie aufgrund der kulturellen Strahlwirkung der ungarischen Hauptstadt ein riesiges Potenzial sah. «Anfänglich hat sich alles über Mundpropaganda verbreitet. Für mich war es kaum mehr als ein Hobby. Durch die Werbung im Internet aber wuchs das Interesse ausländischer Besucher. »

Playback-Theater gegen Albträume

Neben der Stand-Up Comedy erfreut sich noch eine zweite interaktive Theatersparte, das Playback-Theater, großer Beliebtheit in Ungarn. In diesem Fall erzählt einer der Zuschauer im Publikum einen Schwank aus seinem Leben. Die Schauspieler greifen diesen auf und paraphrasieren unmittelbar auf der Bühne.

Der ungarische Psychotherapeut Jozsef Parádi entdeckte vor einigen Jahren einen therapeutischen Nutzen in dieser Form der Theaterarbeit und nutzt sie seither in seiner Budapester Praxis. Seine Patienten inszenieren Ängste, die sie in Träumen plagen, in offenen Theatervorstellungen. Das kathartische Erlebnis soll ihnen helfen, ihre Probleme zu bewältigen. «Die beste Möglichkeit, sich von seinen Albträumen zu befreien, ist es, sie mit anderen zu teilen“ - behauptet Parádi - „und diese Form des Theaters, die im unmittelbaren Hier und Jetzt passiert, kann vor allem eines: Gemeinschaft stiften. Man hört einander besser zu. »

In Parádis Inszenierungen wird das Ende der Träume häufig verändert, ähnlich der Pointen, wie man sie auf den Budapester Stand-Up Comedy Bühnen erleben kann. In Zeiten der Wirtschaftskrise trifft man nicht selten auf Problemlösungen, die weit darüber hinaus reichen, was ein volles Portemonnaie jemals kaufen könnte.

Fotos: ©Mailingering/flickr; ©dumaszinhaz.hu; ©hajdubalazs.blog.hu; ©cottonclub.hu