Kultur

Budapest-Küstendorf: Roadtrip durch Kusturica-Land!

Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2011
Oder wie ich mich in der hintersten Ecke Serbiens, eingeschneit auf einem Berg zusammen mit dem Chefingenieur von Kusturica und einem Glas heißen Rakia mitten im Januar bei -8 Grad Celcius wiederfand. Unterwegs nach Küstendorf!

Küstendorf: Wie alles begann

Der Weg ist das ZielVor zwei Monaten lernte ich Gina Rubik kennen, eine junge Musikerin und Schauspielern aus Ungarn mit Zigeuner-Wurzeln, die schon in der ganzen Welt herumgekommen ist: von den USA über Bulgarien und Pakistan bis nach Mazedonien. Die Expertin für Gipsy- und Sufi-Musik schleppte mich bis vor den Kunstpalast in Pest, um ihre ehemalige Gesangspartnerin Natacha Atlas zu treffen. Fasziniert war ich nicht nur von Ginas riesigem musikalischen Bekanntenkreis, sondern auch von ihrem Fotoalbum - besonders von dem Bild ihres irischen Großvaters und dessen Planwagen.

Als Journalistin und junge Regisseurin aus Budapest mit Spezialisierung auf Osteuropa habe ich Gina zum Teil meines Filmprojektes gemacht, einer Dokumentarreihe über utopische Orte („Ces villes utopiques“), erträumt und erdacht, um perfekt zu sein. Ich habe ihr von Küstendorf erzählt, dem traditionellen Dorf, das der serbische Regisseur Emir Kusturica für seinen Film Das Leben ist ein Wunder errichten ließ. Küstendorf - ein Ort, der zum Denken anregt.

Gina konnte Emir Kusturica in seinem Königreich einst persönlich kennen lernen, nun plante sie am internationalen Film- und Musikfestival teilzunehmen, das dort jedes Jahr im Januar stattfindet. Dazu brauchte es nur noch eine Fahrkarte für den Nachtzug Budapest-Belgrad zu einem lächerlichen Preis (26 € für die Hin- und Rückfahrt), um diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Guru Gina und DJ Beata pozitiva

Das Haus von Emir Kusturica Am 4. Januar, dem Tag unserer Abreise, teilt mir „Guru Gina“ mit, dass ihre Bekannte Beata, die ich noch nicht kenne, auch von der Partie sein wird. Und los geht die Reise. Je verrückter wir uns benehmen, desto mehr müssen wir lachen - insbesondere als wir eine Stunde an der Grenze warten und auf Sitzen schlafen müssen, die sich kaum zurückklappen lassen...

Beata ist Sängerin, Komponistin, Schriftstellerin und Dichterin. Sie ist ebenfalls dafür bekannt, die ungarische Punk-Jungle-Folk-Gruppe Szeki kurva 1993 mitbegründet zu haben. Unter dem Pseudonym DJ Beata pozitiva moderiert sie seit mehr als zwölf Jahren eine wöchentliche Sendung für den bekanntesten unabhängigen Radio-Sender Ungarns, TILOS Radio. Soll heißen, dass es für die Künstlerin anglo-hungaro-österreichischer Herkunft, die schon fast überall in Europa ein bisschen aufgelegt hat und alle Stile mischt, im europäischen Underground keine Geheimnisse mehr gibt.

Pakistanischer Popstar und serbische Gastlichkeit

der Pfeiler der FamilieUnsere Truppe unerschrockener junger Frauen scheint also für das Abenteuer gewappnet zu sein... Doch entgehen auch wir nicht den Schwierigkeiten, die für Expeditionen ins Nirgendwo geradezu typisch sind. Beata, die solche improvisierten Trips nicht mehr gewohnt ist, geht an die Decke, als uns die Pressestelle keinen Presseausweis ausstellen will (den gibt es nur für akkreditierte Journalisten). Später wird der heiße Rakia unserer DJane zu Kopf steigen und sie wird ein weiteres Mal die Nerven am Abend der Ankunft verlieren, als nach unserem 14-stündigen Zug-Bus-Taxi-Marathon im Hotel in Küstendorf kein Zimmer mehr für sie frei ist. So muss sie die Nacht mit uns bei unseren Gastgebern im benachbarten Mećavnik verbringen. Gina hingegen, die vier Jahre in Pakistan gelebt hat, schwört auf die Kultur des „Landes der Reinen“ sowie auf Atif Aslam - einen pakistanischen Popstar, ihr Idol und guter Freund, dessen Biografie wir am Ende auswendig können. Und schließlich bin da noch ich, die den Rückzug nicht verpassen darf, da ich am 9. Januar mit einem Schweizer Journalist in Budapest verabredet bin.

Zum Glück sind unsere Gastgeber da, um das Durcheinander zu ordnen! Dragana und ihre Familie haben uns (trotz bescheidener Mittel) mit offenen Armen in ihrem Holzhaus am Fuß des Berges empfangen, zwanzig Gehminuten vom Festivalgelände entfernt. Die fröhliche Mehr-Generationen-Familie verbringt ihre Wochenenden gerne in Mokra Gora, gemeinsam mit „Baba“, der Großmutter, die Dialekt spricht und alte Volkslieder singt, während sie Wollsocken strickt.

“Serbia, little work, lots of drink and lots of music!”

Auf einem Konzert beim Festival in KüstendorfWir lernen die serbische Gastlichkeit in all ihren Facetten kennen und werden Zeuge eines ständigen Rakia-Genusses (starker Balkan-Schnaps), eines unerwarteten Besuchs des Bauern von nebenan, einer Pop-Hitparade, wie es sie kitschiger nicht geben kann, des orthodoxen Weihnachtsfestes, einer köstlichen Hausmacherküche und des familiären Liedersingens im Haus des Cousins -Akkordeon inklusive!

Und dann ist ja da noch das Festival! Dragana, ihre Freunde und ihre Cousins, die auch in unserem Alter sind, diskutieren auf Englisch über die Lage Serbiens, Kusturica und über das Küstendorf-Festival, dass sie später mit uns besuchen werden. Die jungen Serben schätzen das Werk des weltbekannten Regisseurs, aber werfen ihm vor, immer kommerzieller zu werden. Sie ziehen die Filme anderer, weniger bekannter serbischer Regisseure vor, die ihrer Meinung nach die Wirklichkeit ihres Landes besser wiedergeben.

Das totale Eintauchen in die serbische Kultur endet mit Gesprächen mit unseren zwei Fahrern, die uns auf dem Rückweg von Mokra Gora nach Cacak mitnehmen. Milos, der in Uzice arbeitet (dem stark verschmutzten Wirtschafts- und Verwaltungszentrums der Region im Westen Serbiens), erklärt uns, dass die Bewohner der Gegend vom Management des Nationalparks von Sarga-Mokra Gora unter der Führung von Emir Kusturica nicht gerade begeistert sind, obwohl sie anerkennen, welchen Dienst der Regisseur dem Tourismus in der Region erwiesen hat. Milos, der nach Uzice unterwegs ist, lässt uns in Belgrad raus und Ivan übernimmt. Der dreißigjährige Techno-Fan und Anhänger des Trompeten-Festivals von Guča trifft den Nagel auf den Kopf, als er uns das Wesentliche der serbischen Kultur zusammenfasst: „Serbia, little work, lots of drink and lots of music!“

Fotos: Hauptfoto (cc)pite/flickr ; Artikel: ©Hélène Bienvenu