Kultur

Buch-Bestseller in Serbien: Die neuen "Männer-Jägerinnen" vom Balkan

Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2010
Promiskuität bei Frauen - ein Phänomen in ganz Europa? Cafebabel.com hat sich bei einem Psychotherapeuten, einem Rapper und der serbischen Autorin des Bestsellers Grabljivica [in etwa: "Jägerin"], Simonida Milojkovic, umgehört.

Mit einer Auflage von mehr als 130.000 Exemplaren zu einem Preis von 199 Dinaren [1,87 Euro] eroberte der zweite Teil des Bestsellers "Jägerin" (Grabljivica 2) von Simonida Milojkovic kürzlich wieder den serbischen Buchmarkt. Das kontrovers diskutierte Buch basiert auf der wahren Geschichte einer jungen Frau, die immer reger ihre Sexualpartner austauscht. Als Reaktion auf die 'Jägerin' entstand selbst eine Webseite mit einem Forum, in dem Frauen über Männer und Sex diskutieren und die Protagonistin des Buches um Rat fragen können. Der Hype um das Buch beweist, dass das Aufgreifen dieses Tabus in der Generation junger Frauen für große Aufregung gesorgt hat.

Dans ce livre, une fille monte en ville pour trouver des merveilles à gogo

Trash-Literatur für Frauen?

Rezensenten verrissen das Buch als einen mit Sex aufgeheizten 'Trash-Roman für Frauen'. „Was bedeutet es, promiskuitiv zu sein? Wer entscheidet, wie viele Partner man haben darf?“, schreibt uns die Autorin des Buches Simonida Milojkovic per E-Mail. Die serbische Journalistin erklärt, dass es diskriminierend sei, Frauen, die mehrere Partner haben, vorzuwerfen, sie lebten unnatürlich und ungesund. „Aber es ist nun einmal so: So wie wir Frauen es nicht mögen, wenn sich Männer besser verhalten als das besterzogene Schoßhündchen, so wollen Männer nicht von Frauen 'gejagt' und erobert werden. Ich respektiere Frauen, die mit ihrer von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle brechen. Aber sie dürfen sich nicht wundern, wenn sie am Ende alleine bleiben.“

Polemik hin oder her - das Buch Grabljivica 2 ist ein Bestseller. „Mir gefällt der Ausdruck 'Jägerin' nicht“, gibt eine Leserin aus Montenegro zu, „aber ich hatte viele Sexualpartner. Es ist ein Teil des Reifeprozesses. Viele Frauen verhalten sich ähnlich, aber ziehen es vor, ihr Sexleben diskret zu behandeln. Ich bereue meine Entscheidungen nicht, aber ich mag die Frage nach der Anzahl meiner Partner nicht. Ich fange dann an, mich zu schämen. Aber das liegt wohl daran, dass es der gesellschaftlichen Etikette nicht entspricht.“ Simonida bestätigt, dass in Serbien das Sexleben eher geheim gehalten wird. „Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Westeuropa und hier, nur dass man im Westen offener ist.“

Eine Männerperspektive

“Viele Männer fürchten sich vor den neuen, vertauschten Rollen. Trotzdem möchten sie gerne 'Opfer' des neuen 'Jägerin'-Typus werden“, berichtet der 28-jährige Matko Cerniar aus Kroatien. Viele verharren dennoch in den altmodischen Geschlechterrollen: Ein Mann mit vielen Eroberungen gilt als beneidenswerter Frauenheld, eine Frau mit vielen Männern gilt als Hure. Der umstrittene Rapper Ognjen Kostic-Struka, dessen Texte oft von promiskuitiven Frauen handeln, stimmt zu: „Der Balkan ist immer noch eine sehr konservative Region. Bei Männern gilt Promiskuität als Tugend, während Frauen dafür kritisiert werden. Außerdem sind es meistens Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen für ihr Verhalten verurteilen. Wenn etwas als schlecht angesehen wird, dann sollte das für alle gelten.“ Gleichzeitig behauptet Kostic-Struka aber: „Kritik (von Frauen) sollte konstruktiv sein, um Mädchen zum Nachdenken über ihr eigenes Verhalten zu bringen, damit sie auf der rechten Bahn bleiben.“

Kein Wunder, dass Frauen vom Balkan als konservativer gelten. „Serbische Frauen sind in dem Sinne konservativ, da sie es vorziehen, finanziell abhängig zu sein. Auch ihr Glück machen sie gerne von ihrem Partner abhängig“, erklärt die 23-jährige Weißrussin Alla Levcovets, die in Großbritannien lebte, bevor sie vor einem halben Jahr nach Serbien zog. „Die Frauen hier möchten generell, dass der Mann die dominante Rolle in der Beziehung spielt. In Westeuropa ist das anders. Dort wollen Frauen unabhängig sein und ihr eigenes Geld verdienen. Früh zu heiraten ist dort äußerst unpopulär.“ In Schweden und Dänemark liegt das durchschnittliche Heiratsalter bei etwa 30 Jahren. „In den letzten zehn Jahren wurde hier ein hoher gesellschaftlicher Druck auf die Frauen ausgeübt. Eine Frau sollte unbedingt ihr erstes Kind bekommen, bevor sie 30 ist“, berichtet die 24-jährige Serbin Marija Senic. „Aber immer mehr Frauen lassen sich heute damit Zeit - anders als unsere Mütter, die meistens mit Anfang 20 geheiratet haben. Frauen sollten ihre Jugend mehr genießen, mehr Männer daten und nicht gleich ihren ersten festen Freund heiraten, so wie es unsere Mütter getan haben. Offene Beziehungen sind nichts Schlimmes. Nur weiß ich nicht, ob das hier überall akzeptiert wird.“

Aber Männer haben immer noch mehr Frauen...

Eine Expertenmeinung

“Aus meinen Beobachtungen der letzten zwei Jahrzehnte lässt sich schließen, dass Frauen heute geneigter sind, auf Männer zuzugehen, und nicht mehr nur darauf warten, dass der Mann den ersten Schritt macht“, erklärt der britische Psychotherapeut Tony White. Der Haken dabei ist, dass diese Annäherungsversuche in sexueller Hinsicht nach dem ersten Schritt enden: „Die meisten Frauen werden einen Mann nicht mit der Absicht ansprechen, mit ihm vollen sexuellen Kontakt zu haben. Dieses Motiv bleibt ein Teil der männlichen Psyche. Eigentlich hat sich also nicht viel geändert.“ Jedoch gibt es auch Ausnahmen von der Regel. „Manche Frauen können viele verschiedene männliche Partner in relativ kurzer Zeit haben. Die meisten Frauen, die eine solche Phase von Promiskuität durchleben, haben ein geringes Selbstwertgefühl. Die vielen Sexualkontakte können eine Art Selbstverletzung und somit Ausdruck ihres Selbsthasses sein. Es ist einfach keine natürliche Verhaltensweise für eine Frau. Ein Mann mit einer Reihe von weiblichen Sexualpartnern in einem kurzen Zeitraum kann auf der anderen Seite als erfolgreich gelten. Aber um ehrlich zu sein, wirft das in der Gesellschaft kein gutes Licht auf ihn.“

Der westliche Einfluss, der über die Medien nach Osteuropa kam, kann nicht abgestritten werden. Er habe mehr Selbstbewusstsein, Freiheit und neue Horizonte mit sich gebracht. Die Frage allerdings bleibt, ob die neuen Möglichkeiten mit dem gegenwärtigen sozialen Klima, tiefverwurzelten Gewohnheiten und schließlich auch mit der weiblichen Natur vereinbar sind.