Kultur

Brüssels Schokoladenseite

Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 18. Oktober 2006
Wer schon ganz Brüssel besichtigt hat und genug Bier und Pommes probiert hat, sollte sich die Schokoladen-Spezialitäten der Stadt nicht entgehen lassen. Feinschmecker aus aller Welt schwören auf die belgischen Pralinen.

Christoph Kolumbus war es, der im 16. Jahrhundert die erste Schokolade aus Südamerika nach Europa brachte. Anfangs wurden die Kakaobohnen in Spanien zu einem warmen Getränk verarbeitet. Heiße Schokolade wurde bei allen möglichen Beschwerden vom Arzt empfohlen. Lange Zeit über war sie eine bittere Medizin. Erst als man dazu überging, Zucker beizumischen, wurde der Kakaotrunk schlagartig beliebt und bald in ganz Europa bekannt.

Seither stellt Schokolade eine süße Versuchung dar, der man nur schwerlich widerstehen kann. Gegen Krankheiten kann sie allerdings noch immer helfen. „Schokolade ist der Herr und Meister unseres Magens“, so Josse Snackers, Schokoladenfachmann und Ausbilder.

“Wir pflegen unsere Traditionen“

Die süßen Vorzüge der Schokolade wurden im 19. Jahrhundert entdeckt. Im Jahr 1857 verließ der Schweizer Jean Neuhaus seine Heimatstadt Neuchatel in Richtung Belgien. Gemeinsam mit seinem Bruder eröffnete er eine Apotheke in der Brüsseler Galerie de la Roi, der ältesten Einkaufsstrasse Europas. Anfangs verkauften die beiden Brüder Schokolade als medizinisches Heilmittel, bevor eine Generation später die Medizin zum Genussmittel wurde: 1912 entwickelte Jean Neuhaus Junior das Rezept für die so genannten Pralinen.

Seitdem blüht die Schokoladenindustrie in Belgien. Die Rezepte unterliegen strenger Geheimhaltung und werden von Generation zu Generation vererbt. „Zum Glück gibt es viele junge Menschen, die diesen Beruf erlernen möchten“, freut sich Jo Draps. Er ist Direktor des Schokoladenmuseums und Meister-Chocolatier in der dritten Generation. „Den Lehrlingen unser Wissen zu vermitteln ist das reinste Vergnügen. Dazu kommt noch der Stolz, dass die Tradition unseres Landes gepflegt wird“, betont auch Josse Snackers.

Gegenwärtig gibt es etwa 260 000 Schokoladenproduzenten auf dem Markt. Kleine Confiserien gehören genau so dazu wie große Produzenten. Zu den wohl bekanntesten Schokoladenherstellern zählen Mary, Neuhaus, Leonidas oder Wittamer, der offizielle Hoflieferant des belgischen Königshauses.

Da jeder Schokoladenproduzent seine eigenen Rezepte hat, treten die Firmen nicht miteinander in Konkurrenz. Die Qualität der Schokolade hängt vor allem von den verwendeten Rohstoffen ab. Der Preis für eine Schachtel Pralinen kann daher von zwanzig bis hin zu sechzig Euro reichen. „Ich spüre keinerlei Bedrohung seitens der großen Firmen, denn ich produziere Schokolade noch auf traditionelle Art und Weise. Mein Produkt hat einen einzigartigen Geschmack. Das schätzen neben den Stammkunden, die etwa sechzig Prozent aller Erzeugnisse kaufen, auch die Touristen“, sagt der Verkäufer des Geschäftes La maison du chocolat artisanal.

Geschmack und Geschmäcker

Pralinen sind kleine Schokoladenhappen, die mit Creme, Nüssen oder eben mit Schokolade gefüllt sind. Umhüllt sind die Leckerbissen mit dunkler oder weißer Schokolade. Die Kunden können zwischen mehreren hundert, wenn nicht sogar tausend verschiedenen Geschmacksrichtungen wählen. Jeder Hersteller ist darauf bedacht, sein Angebot zu vergrößern. Bei Les Frères de Sadeleer, einem der vielen Schokoladenhäuser in Brüssel, gibt es sogar Pralinen mit Pfeffer- und Chiligeschmack.

Ein Belgier isst im Durchschnitt etwa neun Kilogramm Schokolade jährlich. Er bleibt den traditionellen Pralinen treu. Neue Sorten verschwinden oft so schnell, wie sie aufgetaucht sind. „Schokolade unterliegt verschiedenen Moden“, erklärt Jo Draps. „Die Geschmäcker verändern sich über die Jahre hinweg. Die Zugabe von Pfeffer zur klassischen Variante der Pralinen ist eine Modeerscheinung. Die Leute werden immer wieder zu den traditionellen Geschmacksrichtungen zurückkehren.“

Tadeusz Tebinka, Schokoladenverkäufer in einem der Geschäfte der Familie Neuhaus, sieht sogar regionale Unterschiede. Seiner Meinung nach bevorzugten Kunden aus dem Süden, ähnlich wie die Belgier, die dunkle Schokolade. Amerikaner und Kunden aus Mittel- und Nordeuropa würden dagegen eher bei der Milchschokolade zugreifen.

„Schokolade ist zum tagtäglichen Element des Lebens der Belgier geworden und ist aufgrund der weit gefächerten Preisskala für alle Klassen gleichermaßen erschwinglich“, meint Jo Draps. Tatsächlich werden in der Zeit um Weihnachten die Schokoladengeschäfte regelrecht belagert. „Die Belgier kaufen vor den Weihnachtsfeiertagen tonnenweise Schokolade“, bestätigt Tadeusz Tebinka.

Inzwischen ist aus Schokolade mehr als ein Leckerbissen geworden. Sie ist Anlass für Festivals in ganz Belgien und dient als Inspiration für Modedesigner. Zu deren neuester Kollektion zählen Schokoladenkleider. In Belgien kann man lernen: Schokolade ist einen Versuch wert – in allen Formen!