Kultur

Brüssel: Im Zeichen der Avantgarde

Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2007
Der renommierte Klavierwettbewerb „Concours musical Reine Elisabeth“ vereint im Mai und Juni die besten Solisten in der Hauptstadt Europas.

Das Treffen zwischen Königin Elisabeth von Belgien und dem Geiger Eugène Ysayë zu Beginn des letzten Jahrhunderts war die Geburtsstunde dieses internationalen Wettbewerbs. Auch wenn das Ereignis wegen seines musikalischen Anspruchs und der Virtuosität der Teilnehmer bekannt ist, so war doch auch das Vorbild Elisabeths ausschlaggebend: „Sie wollte den Austausch zwischen den Ländern erleichtern und durch die Musik zu einem größeren Verständnis zwischen den Menschen beitragen“ erklärt Michel-Etienne Van Neste, Generalsekretär des Concours. „Das war vor allem während des Kalten Krieges wichtig. Elisabeth hat Positionen bezogen, die die belgische Regierung eher irritiert haben: Sie hat Kruschtschow in der Sowjetunion besucht oder Mao in der Volksrepublik China…“

In den Jahren 1955 bis 1976 wurden die ersten Preise zwischen Amerikanern und Sowjetrussen vergeben; erfolgreiche Teilnehmer aus Europa traten erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Bühne.

Aus aller Welt

Der diesjährige Wettbewerb ist dem Klavier gewidmet. Es treten 94 Kandidaten und Kandidatinnen an, im Alter zwischen 17 und 27 Jahren. 24 davon werden um das Halbfinale spielen, 12 um das Finale. Am 2. Juni werden es nur noch sechs Bewerber sein. Die Pianisten kommen aus Russland, Korea, China, Belgien, der Ukraine, Italien, den Vereinigten Staaten, Frankreich, Israel und Serbien.

Auch wenn ein hohes Niveau gefordert wird, so bleibt doch das wichtigste Auswahlkriterium, dass die Kandidaten „im Anschluss an den Wettbewerb zu einer internationalen Karriere als Solisten fähig sein müssen“, so der künstlerische Koordinator Nicolas Dernoncourt.

Europa ist dieses Jahr unter den 24 Halbfinalisten stark vertreten: Der Kontinent stellt zehn Kandidaten, davon fünf Belgier. Auch Italien, Frankreich, Bulgarien und Lettland ist bei dem Wettbewerb vertreten. Der Belgier Philippe Raskin hat am Institut Chapelle Musicale Reine Elisabeth in Brüssel studiert, sowie an der Hochschule Reina Sofia in Madrid.

Einige, wie der 20jährige Koreaner Hyun-Jung Lim sind der Meinung, dass es „antimusikalisch ist, aus der Musik einen Wettbewerb zu machen“. Der Concours Reine Elisabeth ist für die Kandidaten nicht wirklich eine Weihe, er ist vielmehr eine Tür, die sich öffnet. „Es wird heutzutage schwierig, Karriere zu machen, selbst wenn man einen solchen Wettbewerb gewinnt. Die Konkurrenz ist zu groß geworden,“ gesteht Philippe Raskin. Was die Entwicklung des Concours angeht, so fügt er hinzu: „Gewiss, man sollte zu technischer Perfektion neigen, aber es wäre schade, wenn die technischen Fähigkeiten über die Musikalität triumphieren würden.“

Eine neue Sprache

In der Vergangenheit war der Wettbewerb für die hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrten Musiker die Tür zu einer anderen Welt. Heute ist er ein wirklicher Anziehungspunkt für Künstler in der europäischen Hauptstadt. „Brüssel ist ein Durchgangsort für viele Europäer und fördert deshalb eine einzigartige kulturelle Mischung“ erklärt Nicolas Dernoncourt.

Das charakteristische Merkmal des Wettbewerbs? Er macht zeitgenössische Musik einem breiten Publikum zugänglich. Er ist der einzige internationale Wettbewerb, bei dem ein noch nicht veröffentlichtes zeitgenössisches Werk von zwölf Teilnehmern zwölfmal vorgeführt wird. „Dieses Stück an sechs Abenden hintereinander zu hören, ermöglicht es dem Publikum, es auch wirklich zu genießen. Bei jedem anderen Konzert, in dem ein neues Werk aufgeführt wird, geht dies zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus“, betont der Belgier Yossif Ivanov.

Der Amerikaner Daniel Blumenthal fasst den Ehrgeiz so zusammen: „Bleibt zu wünschen, dass die Wenigen, die durch diesen Wettbewerb zur Musik finden, auch wirkliche Musikfreunde werden.“

Zeitgenössische Musik: ihrer Zeit voraus?

Das im Finale vorgeschriebene zeitgenössische Werk war schon immer Zielscheibe der Kritik. Jean-Claude Vanden Eynden relativiert: „Dass Komponist und Publikum sich nicht verstehen, war schon immer so, da Komponisten sehr oft ihrer Zeit voraus waren. Seinerzeit verstand das Publikum auch Brahms oder Ravel nicht.“

Dieses Phänomen hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. „Zu Zeiten Bachs ging alle Welt am Sonntag in die Kirche, um sein neuestes Meisterwerk anzuhören. Heute geht man ins Konzert, um Bach zu hören und nicht György Ligeti, Helmut Lachenmann oder György Kurtag“, bemerkt Jan Michiels. „Es ist ein bisschen schade, dass immer nur die klassischen ‚Hits’ am besten beim Publikum ankommen, denn es gibt so viele andere Werke, die sich lohnen.“ bedauert Yossif Ivanov.

Beim Concours Reine Elisabeth jedenfalls spiegeln die von den Kandidaten ausgewählten Stücke eine Mentalitätsentwicklung wider. „Es übrigens der ausdrückliche Wille des Wettbewerbs, diese Öffnung zu fördern“, schließt Michel-Etienne Van Neste.