Kultur

Brian Aldiss: 'Ich sagte Kubrick, dass es ihm nicht gelingen wird, aus meiner Story einen Film zu machen.'

Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2007
Der britische Science-Fiction Autor Brian Aldiss, 82, über die Arbeit mit Hollywood-Größen, Prügel für’s "Geschichten erzählen" in der Schule und Europa als "wundervolle Idee".

Ich erwische Brian Aldiss, als er gerade für ein Porträt Modell sitzt. Das Leben ist nicht übel für einen Mann mit 82, der gerade wieder einmal eine Science-Fiction-Convention vorbereitet, wo hingebungsvolle Fans auf ihn warten und sein Autogramm auf ihren T-Shirts begehren.

Man könnte auch einige bekannte Filmproduzenten Hollywoods zu seinen Bewunderern zählen. Roger Corman, Stanley Kubrick und Steven Spielberg klopften an seine Tür, um sowohl seine allgemeinen als auch seine Science-Fiction-Geschichten für die große Leinwand zu adaptieren. Zu den drei bemerkenswertesten Erfolgen gehören Roger Cormans Frankenstein (Roger Corman, 1990), A.I. - Künstliche Intelligenz (Steven Spielberg 2001) und Brothers of the Head (Keith Fulton und Louis Pepe, 2006). Die englische Königin verlieh ihm 2002 sogar den Ritterorden OBE für seine Verdienste um die Literatur.

Der Kubrick-Spielberg-Zirkel

Die Zusammenarbeit mit berühmten Regisseuren war sicherlich einträglich und spannend, aber nicht immer gänzlich befriedigend. "Die Arbeit mit Corman war eine extrem gute Erfahrung für mich", sagt Aldiss über den überaus produktiven, unabhängigen Filmemacher. Er führte 1990 Regie bei dem Horror-Vehikel Roger Cormans Frankenstein mit Bridget Fonda und John Hurt. Er versetzte die Geschichte in die Schweiz des neunzehnten Jahrhunderts. "Er lud mich und meine ganze Familie zum Drehort ein. Es war der Palazzo des örtlichen Bürgermeisters von Bellagio, gelegen an den Ufern des Sees Como. Er stellte uns die Örtlichkeiten unter der Bedingung zur Verfügung, dass er als Extra eine Rolle am Set bekomme". Aldiss kann sich nur an eine künstlerische Auseinandersetzung mit Corman erinnern. Sie drehte sich um eine zusätzliche Szene, in der Frankenstein den Verstand verliert und ein Labor zerstört. "Aber trotzt unserer Differenzen schaffte es die Szene in den Film."

In A.I. - Künstliche Intelligenz, eine moderne Kurzgeschichte, die Pinocchios Märchen neu erzählt, arbeitete Aldiss mit zwei der größten Regisseure Hollywoods zusammen. Diese Erfahrung lehrte ihn die Bedeutung eines alten Sprichworts. "Wenn Du etwas an Filmemacher verkaufst, nimm das Geld und hau ab! In anderen Worten, lass sie mit dem Film machen, was sie wollen, statt mit ihnen zu diskutieren!" Aldiss lernte die schwierige Aufgabe der Produzenten zu schätzen, Prosa für den Film zu adaptieren. "Es kann tausende Szenen in einem Buch geben", bemerkte Aldiss einmal. "Aber man hat weder das Geld noch die Zeit, um jede Szene in den Film zu bringen."

Die Arbeit mit Kubrick war "interessant", sagt der Autor, doch sie gerieten auch mehrmals aneinander. "Er wollte, dass der Androidenjunge im Film die Blaue Fee trifft und ein echter Junge wird", erinnert sich Aldiss. "Ich wehrte mich hartnäckig gegen diese Idee - mich erstaunte der bloße Vorschlag. Schon immer wollte ich mit dem Genie, das Kubrick war, zusammenarbeiten, aber nach einen Jahr schmiss er mich raus." Nachdenklich redet er über die letzte Spitze, die er zum Abschied gegen Kubrick schoss. "Es wird dir nicht gelingen, aus meiner Geschichte einen Film zu machen!" - "Und ob ich das kann", erwiederte der Regisseur. Er starb am 7. März 1999 kurz vor Beginn der Dreharbeiten für A.I.. Spielberg übernahm schließlich die Fertigstellung des Films, der 2001 in den Kinos erschien. Er wurde Kubrick gewidmet und erhielt für Jude Laws Hauptrolle eine Golden-Globe-Nominierung.

Weit entfernt von den Anfängen in Hollywood

Aldiss erblickte das Licht der Welt als Sohn eines Kaufhausmanagers in der Grafschaft Norfolk, England, weit entfernt von Hollywood. Er war unersättlich, las alles von Homers Odyssee bis zu den Werken von Thomas Hardy, Patrick Hamilton, Jean-Paul Satre und Stendhal. Schon als junger Schüler an einer Privatschule begann er seine Geschichten zu spinnen, gestaltete sie packend und virtuos. Nachts, im Internat, erzählte er von Geistern, brach an den spannendsten Stellen ab und seine Mitschüler bettelten nach mehr. Doch sie mussten bis zum nächsten Tag warten. Da kam es nicht überraschend, dass ihn die Lehrer oft für die Störung der Nachtruhe straften. Regelmäßig wurde ihm der Hosenboden versohlt, wozu er heute meint: "Nichts, was irgendein Literaturkritiker seitdem getan hat, war bösartiger."

Während des zweiten Weltkrieges diente Aldiss in Burma und Indonesien, bevor er seinen Traum als professioneller Schriftsteller leben konnte. "Da hatte ich die Wahl, als Schriftsteller in einer Dachkammer oder als Buchverkäufer zu verhungern." Er entschied sich für letzteres und startete seine Schriftstellerkarriere in einem Buchladen Oxfords. Er begann eine humoristische Kolumne über einen fiktiven Buchladen zu schreiben, die im prestigeträchigen Wochenmagazin The Bookseller erschien. Das erregte die Aufmerksamkeit von Charles Monteith, einem damaligen Lektor des britischen Verlages Faber and Faber. Später sollten sie gemeinsam an Aldiss’ erstem Buch The Brightfount Diaries (1955) arbeiten. Es beruhte auf Auszügen seiner Kolumne im The Bookseller. "Ich werde oft gefragt, was mich inspiriert hat", erzählt Aldiss. "Eigentlich ist es das Leben – das Leben, das Universum und der ganze Rest."

Super-State

2002 veröffentlichte Aldiss Super-State einen gewitzten Roman über ein Europa 40 Jahre in der Zukunft, vollgepackt mit bekannten zeitgenössischen Personen. "Es ist das große soziale Experiment unserer Zeit", bemerkt er über die Europäische Union. "Eine wundervolle Idee. Europa wurde über Jahrhunderte geplagt von religiöser Bessenheit, von dynastischen und territorialen Bestrebungen, die den Kontinent von einem Ende zum anderen mit Blut tränkten. Nun, anstelle von Kriegen, sitzen wir an einem runden Tisch in Brüssel und diskutieren die Sachen aus. Es ist fantastisch. Ich verstehe nicht, warum das nicht mehr Leute bestaunen."

"Die Türkei sollte zweifellos dazu gehören", fügt er hinzu. "Es wäre als säkularer Staat von Vorteil für Europa im Kampf gegen den Extremismus." Er kennt das Land gut, da sein Sohn geschäftlich dort zu tun hat. Sein eigener Vater kämpfte dort im Ersten Weltkrieg vor Gallipolli, wo der Gründer der modernen Türkei, Atatürk, ein türkisches Kriegsmahnmal errichtete und darauf schrieb: "Ja, wir kämpften und starben an diesem Ort, doch nun sind deine Söhne wie meine Söhne und alle werden gleich bedauert."

Die Malerin hat letztendlich ihre Skizze beendet – vor meinen Augen entstand auf der Leinwand Aldiss als ein locker gekleideter, charismatischer 82-jähriger mit einem immer noch jugendlichem Glitzern in seinen Augen. Viele Jahre des Schreibens liegen zweifellos noch vor ihm.

Aldiss wird diesen Sommer zwei neue Bücher veröffentlichen. H.A.R.M beschäftigt sich mit Großbritannien und wie es den Terrorismus in den Griff bekommt. Walcott trägt autobiografische Züge und handelt von einer fiktiven Familie im Großbritannien des zwanzigsten Jahrhunderts.