Kultur

Bowie und Berlin: Zurück in die Zukunft

Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2013
Rock-Chamäleon David Bowie meldet sich nach 10 Jahren Abwesenheit mit einem neuen Song zurück - und geht auf Zeitreise in eine der spannendsten Phasen seines Lebens. Die erste Single „Where Are We Now?“ ist eine bittersüße Hommage an sein Berlin der späten Siebziger.

Am 8. Januar – es war sein 66. Geburtstag – präsentierte David Bowie „Where Are We Now?“, Title Track seines neuen Albums The Next Day, das am 8. März folgen soll. Die Öffentlichkeit zeigte sich so überrascht wie ehrlich berührt: Vorgewarnt wurde jedenfalls niemand. Seit seinem letzten Album Reality (2003) war es unheimlich still geworden um den Mann, der seit dem ersten Hit, „Space Oddity“ (1969), nie wirklich verstummte. Der Song, mit dem David Bowie aus der Versenkung auftaucht, ist eine zart-melancholische Reminiszenz an die Jahre, die er als Endzwanziger in Berlin verbrachte.

Im Videoclip zu sehen sind alte Aufnahmen der Stadt mit beinahe piefigem Dia-Chic - wären davor nicht zwei Stoffpuppen platziert, auf die Regisseur Tony Oursler den Kopf von Bowie und den seiner eigenen Frau projiziert. Das ist dann irgendwie doch der David Bowie, den man kennt: ziemlich verschroben, ziemlich unberechenbar. Und diesmal auch sehr persönlich.

Von Dauerhigh zu „Low“

1977 beteuert Bowie NME gegenüber, er müsse „vollkommene Freiheit von jeglichen Stützpunkten haben“ - und hat doch in Berlin unlängst einen Anker gefunden. Dabei hätten die Dinge, die ihn zu dieser Zeit heimsuchen, „Ziggy“ leicht abstürzen lassen können: kriselnde Ehe, Kokainsucht, wahnhafte Besessenheit von Okkultimus und faschistischen Ideen, Paranoia.

Die Anziehungskraft, die Berlin damals auf Bowie ausübt, muss stärker sein als seine Schatten: „There's a sort of a European wave happening“ ['Da läuft gerade sowas wie eine europäische Welle an'], erzählt er Anfang 1976 in der amerikanischen Talkshow Dinah! mit spürbarer Begeisterung. Auf nach Berlin also: Nach dem Sturm der British Invasion und dem aufgeregten Showbusiness in Amerika, ist Bowie auf der Suche nach Erdung.

Als er 1976 in Schöneberg, Hauptstraße 155, zusammen mit Iggy Pop eine Wohnung bezieht, findet er auf der Insel Berlin eine ungewöhnliche, aber wirksame Zuflucht. Die Mauerstadt, in der man sich kaum um Prominenz schert, lässt ihn ganz einfach in Ruhe. „Berlin war meine Klinik“, sagte der Rockstar der Berliner Zeitung. Tatsächlich drosselt er seinen Konsum und steckt seine Energie in Musikprojekte, produziert die ersten Soloalben seines schwierigen Mitbewohners Iggy.

Der Künstler genießt Quasi-Anonymität in der geteilten Stadt, folgt einem fast schon spießigen Tagesablauf: Tagsüber arbeitet er an seiner Musik, wird Stammgast in der Schwulenkneipe „Anderes Ufer“, zwei Häuser weiter. Eine Nachbarin erinnert sich, ihn im Fenster sitzend Gitarre spielen gesehen zu haben. Man hätte ihm auch bei den Delikatessen im KaDeWe über den Weg laufen können. Der „Dschungel“, den Bowie heute auf „Where Are We Now?“ besingt, ist ein berühmt-berüchtigter Tanzclub, an den er sich wohl auch wegen Paradiesvogel Romy Haag noch gut erinnert.

Dann sind da die Zeilen „twenty thousand people cross Bösebrücke / fingers are crossed / just in case“, die an die Öffnung des Grenzübergangs erinnern, November '89. Bowies „Ostalgie“ 2013 ist keine Sehnsucht mit Scheuklappen. Sein Berlin-Lied par excellence, „Heroes“, handelt von der anderen Seite, die der Engländer kennenlernte: Zur Arbeit in den Hansa-Studios musste er in den Ostteil fahren. „I can remember standing by the wall / And the guns shot above our heads / (…) And the shame was on the other side“ singt Bowie in „Heroes“. Sicher, die Depression des Kalten Krieges kann er nicht ausblenden, doch Bowies Kreativität befeuert diese Mischung aus findigem Trotz und Trostlosigkeit.

Der Rest ist Musikgeschichte: Für die drei größtenteils in Berlin entstandenen Alben Low, Heroes und Lodger lässt sich Bowie von der deutschen Avantgarde beeinflussen. Für eine Stippvisite von zwei Jahren ist so ein musikalischer Meilenstein kein schlechtes Andenken.

Kein Held für einen Tag

Wer heute auf Bowies Berliner Spuren wandeln will, findet in der Schöneberger Hauptstraße nur mehr die Bar „Neues Ufer“, die Bohemiens tummeln sich eher anderswo. Doch es gibt sie noch, die Ecken, die den Geist der Siebziger atmen: In den Hansa-Studios zum Beispiel werden heute Rundgänge angeboten. Oder man tut es Bowie gleich und unternimmt Ausflüge an den Wannsee, Fahrradtouren durch die Stadt; vielleicht zum Brücke Museum, wo die großen Meisterwerke der Expressionisten den damaligen Hobbykünstler Bowie nicht nur zu Kunstwerken auf Leinwand inspirierten.

Bowies persönlicher Mythos ist nicht totzukriegen – immerhin hat er Berlin zu verdanken, dass der Kampf gegen seine Dämonen einen guten Ausgang nahm. Bei alledem ist David Bowie kein Vergangenheits-Verklärer. Dem Tagesspiegel erzählte er 2002, er ahne wohl, dass es „sein“ Berlin nicht mehr gebe. Der Wahl-New Yorker hat offensichtlich weder seinen Realitäts-, noch seinen Eigensinn verloren. In der Doku David Bowie - Sound and Vision hört man ihn sagen, er sei es gewohnt, „stursinnig zu sein, undurchsichtig.“ Die Gestaltung des neuen Albumcovers beweist es: Das legendäre „Heroes“-Cover von 1977 verdeckt ein weißes Quadrat mit den Worten „The Next Day“. Mancher wird sicher schlussfolgern, dass David Bowie eben mehr ist als ein „Hero, just for one day“. 

Illustrationen: Teaserbild ©offizielle Facebook-Seite David Bowie; Videos: Where are we now (cc)DavidBowieVEVO/YouTube, Heroes (cc)emimusic/YouTube