Kultur

Bonnie und Clyde in Rot: Der Baader-Meinhof-Komplex

Artikel veröffentlicht am 12. November 2008
Artikel veröffentlicht am 12. November 2008
Der Verfilmung von Stefan Austs Buch Der Baader-Meinhof-Komplex kommt nun am 12. November auch in französische Kinos. Der Film ist als deutscher Kandidat für die Oscarverleihung nominiert.

Kampf der 'Monopolbourgeoisie'! Der Film Der Baader-Meinhof-Komplex befasst sich mit den ersten zwei Generationen der RAF (Rote Armee Fraktion). Zu dieser Zeit formierte sich auch in Deutschland eine Studentenbewegung, die sich mit dem Nationalsozialismus – unter anderem mit der Rolle der Elterngeneration während der Krieges und der Entnazifizierung - auseinander setzte. Statt des „langen Marsches durch die Institutionen“ forderte die RAF ein Widerstandsrecht gegen „repressive Gewalt“ und „kapitalistische Ausbeutung“. Dabei operierte sie nach dem aus Lateinamerika übernommenen Konzept der „Stadtguerilla“. Anvisierte Ziele waren Banken und staatliche Institutionen. RAF-Mitglieder verstanden sich als intellektuelle Elite des internationalen Antiimperialismus, der sich auch gegen die Stationierung der US-Amerikaner in Deutschland wandte. Die Bevölkerung sollte für die gewaltsame «Befreiung» gewonnen werden.

Eichingers Pistolero mit Charme

Die Zeiten haben sich gewandelt und heute, 30 Jahre nach den Ereignissen, wird die Geschichte erneut verfilmt. Regisseur Bernd Eichinger setzte dabei auf bekannte Schauspieler wie Moritz Bleibtreu, der Andreas Baader verkörpert. Er zeigt ihn als Rebell gegen das System und die Autorität, der gerne feiert, sportliche Autos fährt und die sexuelle Freiheit befürwortet. Ein Pistolero mit Charme, für den eine ganze Brigade von Polizisten in Panzern aufgefahren wird.

In den knapp 30 Jahren, in denen die RAF aktiv war (1971-1998), fielen ihrem Terror 34 Menschen zum Opfer. Die RAF konnte in den Anfangsjahren nicht wenige Sympathisanten hinter sich vereinen. So hielten laut einer Allensbacher Studie aus dem Jahr 1971 die Mehrheit der Befragten (51%) die RAF-Mitglieder für politische Kämpfer. Die Gesellschaft war tief gespalten in der Frage, welche Mittel gegen die Terroristen angewandt werden sollten. Griff der Staat strikt durch, lief er nicht nur Gefahr, als Rechtsstaat in Frage gestellt zu werden, sondern provozierte damit eventuell neue terroristische Aktionen, Gab er nach, wirkte es nach außen, als ob die RAF gewonnen hätte. 

Die Situation verschärfte sich bis zum Höhepunkt im Jahr 1977, als drei der RAF-Anführer (Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader) Selbstmord begingen. Kurz darauf wurde der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer ermordet. Viele glaubten zu diesem Zeitpunkt, dass die BRD am Rande eines Bürgerkrieges stand.

2008: Mythos und Realität

©bimfilm.comDer Kinogänger im neuen Jahrtausend taucht in diese Geschichten ein und verfolgt gespannt die Aktionen Baaders. Dennoch war der wirkliche Andreas Baader weit davon entfernt, ein moderner „Billy the Kid“ zu sein. In einem Interview mit der Zeit erklärt Bleibtreu, dass die Stimme Baaders ihn stark enttäuscht hätte. Er hörte die Aufnahmen der Stammheim-Prozesse zur Vorbereitung auf die Rolle und Baader wirkte auf ihn nicht charismatisch. Zu jener Zeit wollte der Staat keines der Tonbänder veröffentlichen, um den Prozess so gut wie möglich von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Diese Strategie war kontraproduktiv, denn 50 Prozent der Sympathisanten hätten angefangen zu zweifeln, wenn sie die Aufnahmen gehört hätten.“

In der Szene, in der Baader den Richter Prinzing (Theodor Prinzing war Gerichtsvorsitzender im Baader-Meinhof Prozess, A.d.R.) kritisiert, applaudieren die (Film-)Zuschauer im Gerichtssaal. Können wir hier von Manipulation sprechen? Trägt der Film tatsächlich dazu bei, die RAF zu entmystifizieren? Die Witwe des ermordeten früheren Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto will gerichtlich gegen den Film vorgehen, weil er nach ihrer Ansicht die wahre Geschichte verfälscht.

©bimfilm.com

Bernd Eichinger hätte ehrlicher mit seinem Publikum umgehen können. Im Grunde jedoch spricht nichts dagegen, die Geschichte filmisch interessanter darzustellen, solange dies das erklärte Ziel ist. Jedoch sehen viele im Publikum die Akteure als eine Art neuen „Bonnie and Clyde“. Allein gegen alle! Die Tagesspiegel-Journalistin Tanja Dückers drückt ein ähnliches Gefühl aus, wenn sie beschreibt, dass die RAF-Charaktere im Film eine gewisse „Nestwärme“ ausstrahlen.

Nach 30 Jahren bleibt von gefährlichen Anarchisten, ihren tödlichen Absichten, nicht viel übrig. Heute, in einer Welt, die von ganz anderen Bedrohungen geprägt ist, wirkt die größte Bedrohung jener Zeit - eine Bande junger Terroristen - im Rückblick fast naiv. Ein Film über die RAF kann nicht jedem gerecht werden. Besser wäre es die Antworten dort zu suchen, wo sie gefunden werden können, während die Filmemacher ohne Rücksicht das tun, was sie am Besten können: dem Zuschauer Geschichten zu erzählen.

Dieser Text wurde vom Blog Babel'Histoire übernommen.