Kultur

"Black"-Star Martha Canga Antonio: Shakespeare in Molenbeek

Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2016

Martha Canga Antonio ist die Protagonistin des Films Black (2015), der von den Gangs im Brüsseler Viertel Molenbeek erzählt, das nach den Attentaten von Paris viel von sich reden machte. In Frankreich wurde der Film aus Angst vor Ausschreitungen verboten. Wir haben den europäischen Shooting Star auf der Berlinale getroffen. 

Martha Canga Antonio hatte 2015 ihr Filmdebüt in Black, einem Film der belgischen Regisseure Adil El Arbi und Bilall Fallah. Dort spielt sie Mavela, ein fünfzehnjähriges Mädchen aus Brüssel, das sich unsterblich in einen Jungen aus einer rivalisierenden Gang verliebt. Eine Geschichte mit einem Hauch von Shakespeare..

Cafébabel Torino (CB Torino): Die Chemie zwischen dir und dem männlichen Protagonisten in Black, Marouane (Aboubakr Bensaihï), stimmt einfach. Wie war es, mit ihm zu arbeiten?

Martha Canga Antonio (MCA): Ich liebe diesen Typen! Ja, da war etwas von Anfang an. Wir haben uns sofort verstanden und deswegen war alles ganz natürlich.

CB Torino: Hast du Ähnlichkeiten mit deiner Rolle der Mavela?

MCA: Es ist eine interessante Rolle, ein Mädchen, das in die Pubertät kommt und, wie alle Jugendlichen, nicht weiß, wo ihr Platz in der Welt ist. Sie sucht nach Stabilität, einem Ort, an dem sie Anerkennung erfährt. Leider stellen sich diejenigen, in denen sie ihre Bezugspersonen sieht, als schlechter Umgang heraus. Mavela ist ein Mädchen, das heranwächst und sich verändert. Ganz langsam, indem sie sich verliebt, findet sie die Kraft, sich aus einem schädlichen Umfeld zu lösen.

CB Torino: War die Arbeit mit zwei so jungen Regisseuren wie Adil El Arbi und Bilall Fallah entspannt?

MCA: Die beiden sind verrückt! Es war nicht schwer, mit ihnen zu arbeiten, denn sie wissen, was sie wollen. Wenn man sie zum ersten Mal sieht, denkt man: „Was sind das denn für welche?“ Aber sie sind sehr kohärent in dem, was sie tun. Sie nehmen sich Zeit, dir im Detail zu erklären, was sie vorhaben. Das macht die Arbeit sehr viel leichter.

CB TorinoBlack ist deine erste Erfahrung als Schauspielerin. Wie hast du dich dabei gefühlt?

MCA: Erst nach dem Filmstart im November 2015 habe ich angefangen, mich als Schauspielerin zu sehen und mir zu sagen: „Ja, es sieht so aus, als ob ich eine Schauspielerin bin!“ Es war ein Schock. Bis dahin war es mir einfach nicht klar, aber seit dem Moment sehe ich mich nur noch an einem Filmset.

CB CB Torino: Es gibt sehr gewalttätige Szenen in Black, zum Beispiel Vergewaltigungen. Wie spielt man sowas?

MCA: Keiner will über den Missbrauch sprechen, den die Mädchen erleben. Diese Geschichten bleiben verborgen. Ich hatte Angst, der Realität der Situation nicht gerecht zu werden. Deswegen habe ich einfach alles gegeben, auch wenn es sich um sehr heftige Szenen und Themen gehandelt hat. Ich habe mir selber diesen Druck gemacht, um so gut wie möglich zu spielen, vor allem aus Respekt vor den Frauen, die es nicht schaffen, darüber zu sprechen.

CB Torino: Spiegelt Black die Realität in Brüssel?

MCA: Brüssel ist groß und es gibt mindestens eine Million Geschichten über diese Stadt zu erzählen. Die aus Black ist nur eine davon. Alle sehen in Brüssel die Stadt der Waffeln und Pommes, aber gibt es viele verschiedene Hintergründe und es ist richtig, dass sie erzählt werden. Das hat auch schon Mathieu Kassovitz mit seinem Film La Haine (2015) über die Pariser Banlieue getan. Man braucht einen Film, der auch eine andere Seite der Stadt erzählt. Eine, die bisher verborgen geblieben ist.

CB Torino: Viele Szenen aus Black wurden im Brüsseler Viertel Molenbeek gedreht, das nach den Anschlägen in Paris in aller Munde war. Wie war dein Eindruck?

MCA: Die Menschen im Viertel waren freundlich, hilfsbereit und neugierig. Sie haben uns sehr unterstützt und wir hatten keine Probleme. Molenbeek sollte nicht mit dem Terrorismus identifiziert werden, genauso wie Black nicht für ganz Brüssel steht. Das wird immer vergessen. In Brüssel sind jetzt alle davon überzeugt, dass man nicht nach Molenbeek gehen sollte, weil es dort gefährlich sei. Aber es wird immer vergessen, dass es sich dabei um einen kleinen Teil handelt. Am gefährlichsten sind immer Verallgemeinerungen.

CB Torino: Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle im Film.

MCA: Ja, auf dem Soundtrack ist auch Musik von meiner eigenen Gruppe SoulAart. Für mich ist es sehr wichtig, meine eigene Art zu finden, mich auszudrücken.

CB Torino: War es schwierig, in die Filmwelt einzusteigen?

MCA: Bevor ich Schauspielerin wurde, bin ich zur Schule gegangen, wie alle anderen in meinem Alter. Es war also nicht leicht. Sogar jetzt muss ich mich noch daran gewöhnen. Vielleicht gewöhne ich mich nie daran, aber das ist eine von vielen Seiten dieser Arbeit. Schauspielerin zu sein betrifft nicht nur den künstlerischen Teil, sondern alles, was dazu gehört: Fotografie, Interviews. Für mich bleibt der künstlerische Teil aber der wichtigste. Wir könnten stundenlang vor einer Kamera reden und hunderte von Fragen beantworten, aber wenn dahinter kein Talent steckt, was bringt es dann? Das Kino besteht nicht nur aus Interviews und dem roten Teppich.

CB Torino: Was für neue Projekte stehen an?

MCA: Im Moment noch nichts Konkretes. Es gibt Angebote, auch von Leuten, die ich hier auf der Berlinale getroffen habe. Aber ich will mir Zeit nehmen, um die richtige Wahl zu treffen. Ich möchte nicht in die Falle geraten und eine Schauspielerin werden, die nur „Anfängerglück“ genossen hat.

_

Dieser Artikel ist Teil des Projekts Mov(i)e to Berlin, eine Zusammenarbeit zwischen den Localteams Cafébabel Torino und Cafébabel Berlin. Im Rahmen eines Austauschs ihrer Journalisten berichten die Redaktionen zweisprachig vom TFF und von der Berlinale.