Kultur

BIRTH OF JOY: NIETZSCHE UND ROCK’N’ROLL

Artikel veröffentlicht am 27. März 2014
Artikel veröffentlicht am 27. März 2014

So schmeckt der rich­ti­ge Rock’n’Roll. Am Tag nach ihrem Kon­zert beim Eu­ro­nics Fes­ti­val 2014 in Gro­nin­gen, tra­fen wir Band Birth of Joy, die Nietzsche in ihrer Musik erklären. 

Ich tref­fe Birth of Joy in der Ho­tel­hal­le des zen­tral ge­le­ge­nen Hamp­shire Ho­tels in Gro­nin­genGert­jan Gut­man (Key­board), Bob Ho­gen­elst (Schlag­zeug) und Kevin Stun­nen­berg (Gi­tar­re und Sän­ger), war­ten auf mich wie drei ver­stimm­te In­stru­men­te, die man bei der Party am Vor­abend auf der Couch ver­ges­sen hat. Das Son­nen­licht scheint matt, die Zeit ver­geht ganz lang­sam, und der Rausch lässt schlei­chend nach: es ist eine Nacht zu viel ge­we­sen zwi­schen dem Eu­ro­so­nics Fes­ti­val 2014 und dem heu­ti­gen In­ter­view. 

Als ich meine Ge­sprächs­part­ner da­nach frage, wie sie sich kennengelernt haben, starrt Kevin ver­wirrt wei­ter­hin den Fuß­bo­den an, und stimmt das Lied „Like a Ver­gin!“ an, Gert­jan da­ge­gen er­zählt mir die Ge­schich­te der Grün­dung ihrer Band.

2006 beitritt er den Pro­be­raum der Her­man Brood Aca­de­my von Ut­recht und fing gerade an, fing er gerade an, ein Stück auf dem Key­board zu spielen. In dem Mo­ment, wie in einem Hol­ly­wood-Film, lief Kevin an der Tür vor­bei, hörte diese Musik und jammte mit. Wie es oft der Fall ist, zieht eine Note die an­de­re nach sich, und „nach den ge­mein­sa­men Riffs, kamen die ge­mein­sa­men Biere“, und schnell kam Bob hinzu. Zwei Jahre muss­ten sie aber auf ihren ers­ten Li­ve­auf­tritt war­ten. Nach den ers­ten Kon­zer­ten, wur­den die ers­ten zwei Alben her­aus­ge­bracht, Life in Ba­bi­lou und Pri­so­ner (am 7. März 2014 von dem nie­der­län­di­schen In­diela­bel Sub­ur­ban Re­cor­ds rausgebracht). In den USA, sammelten sie schöne Er­fah­run­gen in New York und Los An­ge­les, aber die besten Er­in­ne­run­gen haben sie an die fran­zö­si­schen Städ­te Ren­nes und Tou­lou­se: „Da sind die Leute wäh­rend des Kon­zer­tes durch­ge­knallt“, er­in­nert sich Bob

Life in Ba­bi­lou

Ba­bi­lou? Das ist nur ein fik­ti­ver Orts­na­me, den sie sich ausge­dacht haben? Ba­bi­lou gilt als letz­ter Anker der per­sön­li­chen Frei­heit: „Jeder muss sich be­mü­hen, ihn am Leben zu hal­ten“, er­klärt uns Gert­jan. Es reicht nur, ihr Album an­zu­hö­ren, das mit Blues und psy­che­de­li­schen Tracks die '60er wie­der aufleben lässt. Wenn sie auf­tre­ten, hat man das Ge­fühl - die Doors, mit noch viel mehr Power auf der Bühne - zu seh­en. Woher holen sie so viel Kraft? „Wir wan­deln das, was wir vor dem Pu­bli­kum be­kom­men, in Musik um“, erklärt Kevin. Sie schwe­ben zwi­schen Him­mel und Erde, aber es ist leicht, sie wie­der zur Erde zu brin­gen. Ein­fach fra­gen: „Rock’n’Roll is dead?“. „Es gibt eine Menge Bands, deren Mu­si­ker wie Ro­cker ge­klei­det sind, aber beim ge­naue­ren Hin­schau­en nichts anderes sind ein falscher Männerchor. Kevin schüt­telt ver­spot­tend die Hand in der Luft und sagt: „Rock’n’Roll ist vom Instinkt ­ge­steu­ert und emo­tio­nal und wird des­we­gen nie aus­ster­ben“. Wenn ich aber sie dar­auf auf­for­de­re, ein paar zeit­ge­nös­si­sche Bands zu er­wäh­nen, die sie gerne mögen, nen­nen sie tröpf­chen­wei­se Trig­ger­fin­ger und Shaking God­speed. Keine Chan­ce: Birth of Joy inspiriert die Ver­gan­gen­heit. 

AN DER QUEL­LE

In ihrer Musik fin­det man di­ver­se Ein­flüs­se: Von Hen­d­rix bis hin zu den Doors, die Stim­men-und-Gi­tar­ren­riffs, die sich wie bei Vodoo Child mischen, keh­ren in Ke­vins Solos immer wie­der. „Es gibt keine Re­geln zu be­fol­gen“, erklärt er. Auf einem Keyboard aus den ‘50ern, spielt Gert­jan wäh­rend des Kon­zer­tes und klettert darauf, wie auf eine Ret­tungs­bo­je. Ein Erbstück? Nein, nicht wirk­lich, „ich fand es auf einem on­line Mu­si­ker-Floh­markt für ge­brauch­te In­stru­men­te“, berichtet er.

Ke­vins Enthusiasmus für Musik hat ita­lie­ni­sche Wur­zeln: Als er sechs war, un­ter­nahm er eine Reise mit sei­ner Mut­ter nach Ita­li­en und lern­te bei die­sem An­lass die Musik von Queen in einem Fiat Uno ken­nen. Gert­jans Vater da­ge­gen, „ist ein Fan der iri­scher Musik und Seemannsliedern. Zwar hatte ich keine Rock’n’Roll Aus­bil­dung, aber die erste CD, die ich ge­hört habe, war von den Doors“, er­zählt er. Am Ende der Runde mel­det sich Bob la­chend zu Wort: „Ich er­in­ne­re mich daran, dass mein Vater mich zwang, Hen­d­rix zu hören und ich bat ihn, die Musik aus­zu­stel­len. Ich habe zwei Jahre ge­braucht, um diese Musik zu ver­ste­hen“.  

BIRTH OF JOY- GE­BURT DER FREU­DE

1872 ver­öf­fent­lich­te Fried­rich Wil­helm Nietz­sche Die Ge­burt der Tra­gö­die. Hier er­kennt Nietz­sche in der mensch­li­chen Existenz das Zu­sam­men­wir­ken von zwei Polen: einer ra­tio­na­len und einer ir­ra­tio­na­len Gott­heit. Die­sem Werk haben Birth of Joy, „ein biss­chen aus Spaß, ein biss­chen ernst­haft“, ihren Namen ge­wid­met. „Die Gott­hei­ten im Buch sind au­ßer­ge­wöhn­lich“, sagt Kevin, ob­wohl er, „kein Phi­lo­soph ist“. Alle drei tei­len die An­sicht, dass „es schön ist, zwi­schen den Ex­tre­men zu schwan­ken: zwi­schen Schöp­fung und Zer­stö­rung zu tan­zen“. Wenn sie sich aber wäh­rend ihrer Auf­trit­te der ir­ra­tio­na­len Ebene hin­ge­ben, und zu­sam­men mit dem Pu­bli­kum durch­dre­hen, ist es keine Tra­gö­die, sondern Die Ge­burt der Freu­de. 

TER­MI­NE 2014 hier