Kultur

Binche: Feiern mit den „Gilles“

Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2006
Vom 26. bis 28. Februar feiert man im belgischen Binche Karneval. Das klangvolle und farbenprächtige Festival gehört seit 2003 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

„Es gibt keine großartigeren Feste als die in Binche“, pflegte man am spanischen Hofe des 16. Jahrhunderts zu sagen. Binche? Seit mehreren Jahrhunderten feiert man auf diesem Flecken Erde im wallonischen Teil Belgiens, etwa 60 Kilometer von Brüssel entfernt, den berühmtesten Karneval des Landes.

Bereits im Jahr 1395 lässt sich ein Karnevals-Umzug in Binche nachweisen. Und eineinhalb Jahrhunderte später, im Jahr 1549, organisierte Maria von Ungarn, Königin von Ungarn und Böhmen und Statthalterin der Niederlande, ein siebentägiges Fest, das prall gefüllt war mit Bällen, Banketten, Militärparaden und Feuerwerken. Dies alles, um ihren Bruder Karl V. und dessen Sohn Philipp II. von Spanien zu beeindrucken. Zu dieser Zeit kehrten die spanischen Eroberer von der Entdeckung Amerikas zurück. Angeblich verkleideten sich die spanischen Höflinge, die auf dem Fest anwesend waren, als Inkas, um damit an die jüngsten Siege der „Conquistadores“ zu erinnern.

Vorschriften für den „Gille“

Die wichtigste Figur des Bincher Karnevals ist der „Gille“, dessen Name sich vom spanischen, im 16. Jahrhundert sehr populären Vornamen „Gil“ ableitet. Indem er durch die Straßen der Stadt tanzt, feiert er die Rückkehr des Frühlings. Er trägt ein mit den belgischen Nationalfarben schwarz, gelb und rot geschmücktes Kostüm sowie einen eindrucksvollen Hut mit über 300 Straußenfedern. Dieser ist bis zu drei Kilo schwer und soll an die Haartracht der Inkas erinnern. Die Gilles verbergen sich hinter Wachsmasken, die vom Europäischen Patentamt geschützt werden und nur in Binche getragen und gehandelt werden dürfen.

Jede Verzierung des Gilles-Kostüms hat eine symbolische Bedeutung: der belgische Löwe, die Wappen, Kronen oder Sterne. Manchmal sind Dutzende Meter Stoff nötig, um einzelne Partien zusammenzustellen. Allein der Kragen braucht nicht selten bis zu 150 Meter Band. Der Gille trägt auch einen „Apertintaille“, einen mit sieben bis neun Glöckchen behängten Gürtel, der um die Hüfte gelegt wird, sowie ein einzelnes Glöckchen auf der Hemdbrust. Als „Gilles“ muss man gewisse Bräuche einhalten: sich niemals ohne die Begleitung mindestens eines Trommelspielers fortbewegen, sich niemals in der Öffentlichkeit hinsetzen, niemals betrunken sein. Und: unbedingt aus Binche stammen.

Tanz um bengalisches Feuer

Die Festlichkeiten sind in den „Vor-Karneval“, den so genannten „Soumonces“ und den eigentlichen Karneval aufgeteilt. Der Karneval beginnt 49 Tage vor Ostern, die „Soumonces“ sechs Wochen zuvor. Den sechsten und fünften Sonntag vor Karneval ziehen die Karnevalsvereine im Klang der Trommeln und ohne Kostüme durch die Straßen von Binche. Am Sonntag vor Rosenmontag, dem „Dimanche Gras“ (fetter Sonntag), stolzieren dann die Gilles, die Seemänner, die Pierrots und die Harlekins in den Straßen von Binche, sie tanzen zum Klang der Fanfaren und zeigen dabei ihre strahlenden Kostüme. Bis zum Fastnachtsdienstag erhellt dann jeden Abend ein Feuerwerk den Himmel über dem „Grand Palace“ der Stadt. Die Zuschauer streuen Konfetti, das den Straßen ein farbenprächtiges Antlitz verleiht.

Am Dienstag erreicht das Fest seinen Höhepunkt. Alles beginnt gegen vier Uhr morgens mit der „Versammlung“. Im Klang der morgendlichen „Aubade“ (einer Art Hirtenflöte) treffen sich die Gilles zu einem Glas Champagner. Beinahe tausend Gilles ziehen anschließend zum Bahnhof von Binche, wo sie sich versammeln, um gemeinsam ihr Auster- und Champager-Frühstück einzunehmen. Danach schließen sie sich zu einem langen Umzug zusammen, auf dem sie um ein großes Bengalisches Feuer tanzen und ihre Straußen-Hüte einweihen.

Es wird die ganze Nacht über weiter gefeiert, die Trommler verstummen jedoch, wenn am Aschermittwoch die Sonne aufgeht. Denn dann beginnt die Fastenzeit.