Kultur

Berliner Schloss: Phönix aus der Asche

Artikel veröffentlicht am 29. August 2007
Artikel veröffentlicht am 29. August 2007
Der Tod und die Wiedergeburt zweier Ikonen der Stadt liefern ein eindrucksvolles Bild deutscher Nostalgien.

In einer der kurzen Pausen, die die Wolken den Touristen gönnen, posiert eine Gruppe Chinesen für die klassischen Touristenfotos im alten Ostberlin. Ob zu Füßen der Statuen von Marx und Engels oder im Park zwischen Rathaus und Karl-Liebknecht-Straße, alle möglichen Posen probiert der Fotograf aus. Inzwischen wirkt er fast verärgert, denn es ist quasi unmöglich, das Bild eines überdimensionalen Gebäudes zu verstecken, welches sich gespenstisch hinter den historischen Statuen erhebt: der Palast der Republik, ehemaliger Sitz des Volkskammer der DDR.

Als der "DDR-Diktator" Erich Honnecker 1976 den Palast der Republik auf den Ruinen des historischen Stadtschlosses – dem Palast der preußischen Kaiser – feierlich eröffnete, "diente das Schloss nicht nur als Sitz der Volkskammer". Es beherbergte als Kulturpalast auch einen Konzertsaal, ein Theater, Restaurants, umfangreiche Ausstellungsplätze und Cafés, zu denen alle Bürger der Stadt freien Zugang hatten. "Ein wahrer Ort des Zusammentreffens", kommentiert der 33-jährige Historiker Alexander Schug. Gemeinsam mit dem imposanten Fernsehturm, der an der anderen Seite des Parks 300 Meter hoch in den Himmel ragt, ergibt sich ein architektonisches Zusammenspiel, das der Welt ein Bild von Modernität und Fortschritt aufzeigen sollte. So wollte sich das marxistische Regime in der Welt wohl repräsentiert wissen. Der neue Palast verband den Pomp der architektonischen Avantgarde und das Innendesign der siebziger Jahre. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt trug das Palastgebäude den Keim einer nur schwer zu besiegenden Krankheit in sich: Asbest.

Haifische auf der Jagd

"Ich bin davon überzeugt, dass wir der Öffentlichkeit spätestens 2017 ein völlig neues Schloss der preußischen Kaiser präsentieren können", begeistert sich Lür Waldmann mit messianischem Eifer. Der 52-jährige Anwalt ist ein Deutscher, wie aus dem Bilderbuch: groß, blond, blauäugig, kräftig und mit starken Gesten erinnert er an den Mythos der Walküren. Er engagiert sich für die vollständige Rekonstruktion des Stadtschlosses in Berlin nach Abschluss der Abrissarbeiten. Im April 2003 beschloss der Bundestag die Asbestbeseitigung und den Abriss des Palasts. Das freiwerdende Terrain ist in der Zwischenzeit zum Thema zahlreicher Projekte geworden.

Eines dieser Projekte nennt sich Wir bauen das Schloss, initiiert von Waldmann und einem Privatanleger, der anonym bleiben möchte und "500 Millionen Euro zur Rekonstruktion einer identischen Replik des Schlosses beisteuern will". "Schloss pur" eben, wie einer der zahlreichen Prospekte Auskunft gibt. "Alles geschieht natürlich in der Absicht, Touristen die Geschichte der preußischen Kaiser zugänglich zu machen. Wir planen, im Schloss eine Galerie mit Läden zu integrieren sowie ein Hotel und Restaurants." Vorher muss die Regierung allerdings noch ihre Zustimmung für die Verpachtung des Gebiets erteilen. Eine Initiative, die letztendlich dem puren Kommerz dient. "Das Projekt wird sich selbst finanzieren und die Regierung spart viel Geld", argumentiert Waldmann, "aber im Moment sagen mir Parlamentarier sämtlicher Parteien, dass das Gelände nicht zu verkaufen sei." Im Moment stehen die Zeichen also nicht auf Privatisierung.

Und das, obwohl die deutsche Verwaltung alles andere als arm ist und der Bund aller Wahrscheinlichkeit nach im September eine Summe von 480 Millionen Euro für die Konstruktion des so genannten Humboldt-Forums locker machen wird (32 Millionen Euro davon sollen vom Berliner Senat beigesteuert werden). Ein Museum, das wissenschaftshistorische Sammlungen der Berliner Humboldt-Universität, das Werk der Brüder Humboldt und die Sammlungen außereuropäischer Kulturen umfassen soll. Würde dieser Plan realisiert, würde nur die Hauptfassade des alten Berliner Schlosses restauriert werden. Das Geld dafür – zusätzliche 80 Millionen Euro – will der Förderverein Berliner Stadtschloss e.V., dessen Initiator Wilhelm von Boddin, ein wohlhabender Hamburger Kaufmann, ist, über Spendengelder auftreiben. "Wir sperren uns nicht gegen dieses Projekt", erklärt Waldmann, "wir finden aber, dass einige wenige Masken aus Afrika oder Japan, die ebenso in Paris oder anderen europäischen Städten ausgestellt werden könnten, nicht so viel Platz benötigen."

Nostalgie: eine geladene Waffe

Nostalgiker sind oftmals jene, die Symbole und Orte des kommunistischen Regimes erhalten wollen. Wie beispielsweise die Vereinigung junger Architekten aus Berlin, die selbsternannten "Palastretter", die den ideologischen Konflikt "Palast oder Schloss" überwinden wollen. Die Vereinigung kritisiert die ungeheuren Kosten, die sowohl die privaten als auch die staatlichen Projekte zum Bau des neuen Schlosses mit sich bringen (um die 800 Millionen Euro). Sie schlagen vor, aus pragmatischen Gesichtspunkten stattdessen den Palast so zu bewahren und zu nutzen, wie er ist: als multifunktionelles Gebäude. "Wir können uns noch nicht einmal ein Sinfonieorchester leisten, wie dann erst ein Stadtschloss?", lautet ihre Fragestellung.

"Die, die das Schloss wollen sind doch alle Faschisten", befindet Hannes, während er seinen Zigarillo zwischen den Lippen balanciert und in der Küche seines Freundes in der Oppelner Straße im Herzen von Kreuzberg sitzt. Eine Meinung, die man als Historiker, wie Schug findet, neutral betrachten sollte. "Daher besteht meine Arbeit in der historischen Rezension. Ich beklage jedoch den Verlust eines architektonischen Erbes der Stadt." Schug hat mit seinen Geschichtsstudenten Arne und Jan von der Humboldt-Universität im Museum Prenzlauer Berg eine Ausstellung über die Geschichte des Palasts der Republik zusammengetragen. Demnächst würden sie gern ein "historisches Archiv des Gebäudes" aufbauen.

Der Tourismus als einziger Kaiser?

Was gibt es also für Gründe, das alte Schloss wieder aufzubauen? "Wenn ich durch Berlin spaziere, sehe ich die unterschiedlichsten modernen Gebäude. Innerhalb von fünf Minuten weiß ich, wie sie konstruiert sind", greift Waldmann seine Idee wieder auf. "Das Stadtschloss könnte ich mir dagegen stundenlang anschauen, ohne mich zu langweilen, ebenso wie ich mir Versailles stundenlang anschauen kann." So paradox es klingen mag, Waldmann fühlt sich nicht als Nostalgiker. Ganz im Gegenteil.

Frank Freiherr von Coburg ist verantwortlich für die Kommunikation der Vereinigung Wir bauen das Schloss: "Das hier hat nichts mit einer Sehnsucht nach Königen oder Kaisern der Vergangenheit zu tun. Unser Projekt dient einzig und allein dem Ziel, mehr Touristen anzulocken", erklärt er bissig. Eine Behauptung, die auch Daniela Urbschat bestätigt. Die Berliner Fotokünstlerin, in deren Studio sich bereits die Königin Noor von Jordanien oder König Juan Carlos der Erste von Spanien haben ablichten lassen, erklärt: "Als Partner der Initiative von Waldmann gilt meine Unterstützung der Verbesserung des Stadtbilds und dem Ziel, dass man mehr über diese Stadt spricht."

Diejenigen also, die sich wünschen, zu sehen und zu verstehen, was der Palast der Republik einmal war, müssen sich mit einem Besuch des DDR Museums begnügen. Und das ist auch nicht zuviel verlangt. Oder könnte sich jemand ein Museum des Frankismus mitten auf dem Plaza de Colón in Madrid vorstellen?