Kultur

Berlin: mein Nachbar, der Hipster

Artikel veröffentlicht am 8. November 2012
Artikel veröffentlicht am 8. November 2012
Berlin ist – wieder einmal – besetzt. Früher waren es die Ausländer… heute ist es die sich zunehmend ausbreitende Spezies des Hipsters, die den Hass der angestammten Bevölkerung auf sich zieht und bei so mancher extremistischer Gruppierung vergessene Freuden wieder aufleben lässt.
Zoom auf Neukölln, Szeneviertel der deutschen Hauptstadt zwischen Verteidigung des Zeitgeists und Widerstand gegenüber dem Eindringling.

„Do not fuck with us“ steht in Großbuchstaben über der Eingangstür. Links, schief mit Reißzwecken angepinnt, hängt eine Griechenlandflagge über einer verstaubten Lautsprecherbox. Die angelaufenen Fensterscheiben auf der rechten Seite sind mit anarchistischen Aufklebern übersät. Im Raucherbereich tauchen einige Gäste ihre Bierdeckel ins Kerzenwachs, während ein betrunkener Krüppel vor einem 'Occupy Neukölln'-Schild hin und her wankt. Willkommen im wahren Neukölln: der Bar von Matthias Merkle.

Der Teufel trägt Zara

Dass ihr Name an die dunkelsten Stunden des Widerstandes erinnert, ist kein Zufall. Die Bar Freies Neukölln ist eine der wenigen Bastionen des Viertels, die noch gegen die Invasion bärtiger Jugendlicher standhalten. Umzingelt von Cafés, die Sojamilch und Avocado-Sandwiches anbieten, hat der 42-jährige Wirt beschlossen, sich zu rächen. Matthias Merkle hat ein Video veröffentlicht, in dem er einen Fahrrad fahrenden Hipster verfolgt. Und beleidigt. Der Mittvierziger ist mit seinem bittersüßem Humor in der deutschen Hauptstadt nicht allein: Anti-Hipster-Aktivisten werden immer zahlreicher. In den letzten drei Monaten wurden in Neukölln oder in Kreuzberg Dutzende von Cafés oder Geschäften, die im Verdacht standen, „in“ zu sein, mit Eiern, Steinen oder Molotov-Cocktails attackiert. An den Hauswänden, neben zerschlagenen Fensterscheiben, liest man Beschimpfungen: „Sollen die Touristen doch erfrieren“, „Fucking artists“…

Gentrification in Berlin Kreuzberg - Bloß weg hier

„Der Hass auf die Hipster ist in Berlin zu einer Art Common sense geworden“, meint Janek Korsky. Der 30-jährige Sozialarbeiter mit bayerischen Wurzeln ist wohl zu einem der entschlossensten Gegner der Ausfälle von Merkle und Co. geworden. 2010 hat er mit ein paar kommunistischen Freunden die vielbemerkte Organisation Hispter Antifa Neukölln gegründet. Mit kahl rasiertem Schädel und Trainingsjacke ist Janek selbst  allerdings weit vom Hipster-Sein entfernt. „Wir haben den Namen gewählt, um Leute zu provozieren, die zu weit gehen“, erklärt er. Leute, die paradoxerweise dieselbe links-politische Meinung vertreten wie er, aber gleichzeitig der Grund dafür sind, dass er weder Fotos will noch persönliche Angaben über sich macht. „Die können manchmal gefährlich werden. Diese Leute bezeichnen sich als links, aber greifen manchmal zu Gewalt, die an Rassismus grenzt.“

Der Geschmack sind wir

Heute haben die Hipster die Hausbesetzer ersetzt und scheißen auf politische Ziele.

Janek zufolge geht die Debatte weit über das oftmals vorgeschobene Konzept der Gentrifizierung hinaus und wird zu einer wirklichen Gesellschaftsfrage. „Die Anarchisten und Kommunisten sahen in Kiezen wie Neukölln den Ausdruck eines künstlerischen und aktivistischen Engagements. Heute haben die Hipster die Hausbesetzer ersetzt und scheißen auf politische Ziele. Denn ein Hipster interessiert sich vor allem für sich selbst.“ Ressentiments gegen Hipster können sich durchaus fernab von hasserfüllten Internetseiten oder Tumblr-Blogs äußern.

Übrigens ist die Spezies seit kurzem Untersuchungsgegenstand des US-amerikanischen Professors Mark Greif, Autor des soziologischen Essays Hipster: Eine transatlantische Diskussion. In der New York Times hat Greif unter anderem die Meinung vertreten, man müsse Bourdieu lesen, um das Problem zu verstehen (La Distinction, 1979). Demzufolge sei es Geschmackssache, den Hipster zu lieben oder zu hassen.

Das ist auf jeden Fall die Meinung von drei jungen Leuten, die einen 3-minütigen Clip online gestellt haben, der den echten Berliner Hipster beschreibt. Joel, Maya und Jan – 21, 19 und 22 Jahre alt – sitzen in einem hippen Café, wie es viele in Kreuzberg gibt. Auf dem Tisch liegen gedrehte Zigaretten. Daneben steht ein Glas frisch gepresster Orangensaft, das die drei während des Gesprächs teilen. Drumherum jede Menge Röhrenjeans, karierte Hemden und Jutebeutel.

Vor der Berliner Bar 'Le Bateau Ivre' (der Hipster ist nicht nur stylisch, sondern auch poetisch)

„Wir wollten deutlich machen, dass unsere Generation eine Neigung dazu hat, kreativ zu sein und Kunst immer raffinierter zu machen“, beginnt Maya, die später mal eine progressive Rockband gründen will. „Wir haben die ganze Hipster-Diskussion in Berlin verfolgt und festgestellt, dass das Ganze manchmal zu ernst genommen wird“, findet Jan, ein hochgewachsener Blondschopf, dessen Mähne seine soziale Zugehörigkeit auf den ersten Blick verrät. Joel fügt hinzu: „Für mich sind Hipster ein Indikator für Veränderung. Die Leute fühlen sich angegriffen, weil sie diese Entwicklung nicht unter Kontrolle haben.“

Berliner Hipster-Hass

Wie auch immer. Eine Frage bleibt. Warum sollte ausgerechnet Berlin den gesamten europäischen Hipster-Hass auf sich ziehen? Die Antwort findet sich vielleicht in einem Imbiss im Osten der Hauptstadt. Im Hintergrund läuft Minimal Music, es gibt amerikanische Burritos. Nate Blanchard wettert zwischen zwei Bissen: „Come on, das ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Jugend versucht, sich mit etwas Neuem zu identifizieren! Das Problem ist doch, dass Berlin einen Hype erlebt und dass die Stadt von Hipstern ‚überschwemmt’ wurde.“

Nate ist ein adretter US-Amerikaner. Letztes Jahr hat er Kalifornien verlassen, um sich in Deutschland niederzulassen und die Verlockungen der Hauptstadt zu genießen: niedrige Mieten, super Konzerte, big party. Heute ist er, mit 22 Jahren, Manager bei American Apparel und antwortet „of course“ auf die Frage, ob er sich selbst als Hipster bezeichne. Eigentlich ist es Nate aber ziemlich egal. „Diese ganze Diskussion ist doch heiße Luft.“ Seine Gleichgültigkeit ist allerdings selten in Berlin. Um herauszufinden, dass niemand zu einem Begriff stehen will, der so vorurteilsbeladen bleibt, ist keine Straßenumfrage in Neukölln nötig. Und außerdem ist es, hier oder anderswo, ja gerade eines der Wesensmerkmale eines Hipsters, dass er sich darauf versteift, eben keiner zu sein.

Wie dem auch sei, eins steht jedenfalls fest: der Hipster hat Verkaufswert. Mittlerweile sind Veranstaltungen mit dem Label der meistgehassten Jugendbewegung ihrer Generation unzählig. Die Hipster-Olympiade, die letzten Juli stattfand, wurde von mehr als 6000 Menschen besucht. Start-Up Unternehmen werben für Pseudo-Festivals, um ihren Sucherfolg im Internet aufzubessern („Hipster“ ist einer der meistgesuchten Begriffe bei Google).

Oh ja, der Hipster-Hass macht manche Berliner glücklich... Und die ganze Stadt ist von einer sich vermehrenden Spezies besetzt. Die ganze Stadt? Nein! Eine Kneipe widersteht dem Eindringling noch immer. Auch wenn das Leben nicht immer einfach ist. Nachdem er all unsere Interviewanfragen ignoriert hatte, soll sich Matthias Merkle der Legende zufolge in einen Garten der Stadt zurückgezogen haben, um dort Bio-Gemüse anzubauen. Scheiß Gentrifizierung.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Berlin.

Illustrationen: Teaserbild (cc)colinlogan/flickr; Im Text ©MA, Tags und Logo ©Facebook Hipster Antifa Neukölln; Video "Der Berliner Hipster" (cc)PolyeyedPhantom/YouTube