Kultur

"Berlin ist wie ein Alfa Romeo": Expat-Autoren und kriselnde Stadtpoesie

Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2010
"Die Stadt erschien zugleich erbarmungswürdig und verführerisch: grau, schäbig, verkommen, aber doch vibrierend von nervöser Vitalität, gleißend, glitzernd, phosphorisierend, hektisch animiert, voll Spannung und Versprechen." So beschrieb Klaus Mann 1923 Berlin. Ist diese leidenschaftliche Beschreibung heute immer noch aktuell?
Die deutsche Hauptstadt durch das Prisma und die Geschichten dreier Schriftsteller aus dem Ausland, die Berlin zu ihrer Wahlheimat gemacht haben. Ein privilegierter Ausgangspunkt der Beobachtung, um ein Mosaik komplexer Klischees zu entschlüsseln.

An einem noch frischen Morgen Ende Mai fahre ich in der S-Bahn 25 nach Berlin-Lankwitz, wo Gianluca Falanga mich bereits erwartet. Der 33-jährige Italiener lebt seit 8 Jahren in Berlin. Er ist Schriftsteller. Während er Kaffee kocht, beginnt er mit seiner Erzählung: „Ich kam nach Berlin in einer Phase meines Lebens, in der ich Lust hatte fort zu gehen. Damals, 2002, war Berlin eine Stadt der immerwährenden Veränderung. Ich konnte mich mit dieser Metamorphose gut identifizieren.“

Berlin wird "normal"

Die Geschichte einer Stadt, die durch eine Mauer geteilt ist: „Heute ist es schwierig sich vorzustellen, wie die Realität vor einigen Jahren war.“Gianluca arbeitet zunächst einige Jahre in einer Buchhandlung, hinter deren Verkaufsstand er aufmerksam beobachtet, was um ihn herum geschieht: „Eine Stadt mit einer Sympathie für Auswanderer wie mich. Im Grunde sagt man: Ein wahrer Berliner ist nicht aus Berlin.“ Gianluca, der seine Bücher vorzüglich auf Deutsch herausgibt, sieht Berlin hinsichtlich seines provinzialen Charakters als einzigartig: „Ich finde die Stadt sehr großflächig, aber wenn man mal in ihr wohnt, kommt es einem vor, als lebe man in einem großen Dorf.“ Gianlucas Liebe für Berlin bringt aber gleichsam auch eine Desillusion mit sich. „Früher habe ich auch ab und zu in einem multikulturellen Viertel Italienisch-Kurse gegeben. Das war eine wichtige Erfahrung, um die versteckten Ecken der Stadt zu erleben, die der mystisch-intellektuelle Mikrokosmos oft ausschließt und wo die Wirtschaftskrise ordentlich gewüstet hat. Erst dort versteht man, dass der Mythos eben doch nur ein Mythos ist; dass Berlin nicht eine solch leichtlebige Stadt ist, wie man immer glaubt. Sowohl wirtschaftliche als auch soziale Probleme sind hier an der Tagesordnung.“

Gianluca Falanga, Non si può dividere il cielo. Storie dal Muro di Berlino, Carocci, Rom, 2009

Für Gianluca sind die menschlichen Situationen in Berlin sehr formgebend und die Quellen der Inspiration für sein Schreiben. Eine Stadt in der Krise: „Man spürt die Krise. Die Wirtschaftstendenz ist negativ und die Situation des Arbeitsmarktes äußerst schwierig.“ Er verabschiedet mich mit einem Hauch melancholischer Realität: „Ich bin drauf und dran mein Verhältnis zu dieser Stadt zu ändern. Vor langer Zeit hätte ich dir gesagt, dass Berlin - eine Stadt in Bewegung und Wandel - ein gutes Gleichgewicht gefunden hat. Doch daran glaube ich inzwischen nicht mehr. Die Stadt hat sich als völlig normal enthüllt.“ Berlin ist in der Gegenwart angekommen und hat Mühe sich darin zurecht zu finden. 

Kontrollierte Freiheit

Industriecharme und grüne Wiese im Berliner Südosten (©Chiara Dazi)

Maksim Cristan, (fanculopensiero), Feltrinelli, Mailand, 2007

"Alles, was ich hier untersucht habe, hat sich als falsch herausgestellt"

Ich verlasse Lankwitz und mache mich auf den Weg nach Schöneweide, ein nicht wirklich einladendes Viertel mit einem post-industriellen Charme. Maksim Cristan, ein 40-jähriger Schriftsteller, erscheint an einem der Fenster eines alten, leerstehenden Fabrikgebäudes und gibt mir zu verstehen, dass ich hinauf kommen soll. Seine Augen sind vom Computerbildschirm gerötet: „Ich bin so von meiner Arbeit eingenommen, dass ich kaum schlafe. So leben die Denker…“ Maksim spricht ausgezeichnet Italienisch. „Hier haben die Leute ihren Kopf verloren“, sagt er schmunzelnd. Der Kroate gestikuliert ohne Zurückhaltung, was mich spontan an Roberto Begnini erinnert, ebendiese Sorte hektisches Stehaufmännchen. „Diese Stadt hat einige Probleme: Sie ist dabei, in eine neo-liberale Normalität überzugehen. In dieser Zeit schafft man den Durchbruch nicht, es gibt einfach keine Arbeit.“ Maksim ist erst seit Oktober 2008 in Berlin und trotzdem scheint er bereits desillusioniert und überrealistisch. „Die erste Annäherung ist wunderbar; alles ist offen, alles ist schön. Aber wenn man ein wenig weiter buddelt, dann sieht die Welt nicht mehr ganz so rosig aus. Als ich ankam, sagte ich mir: Endlich etwas Authentisches. Aber die Freiheit existiert nur bis zu einem gewissen Grad. Und somit hört meine Recherche an diesem Punkt auf, denn alles, was ich hier untersucht habe, hat sich als falsch herausgestellt.“

Alles was ich hier in zwei Jahren verdient habe sind 16 Euro!

Der kroatische Autor hat vier Jahre lang in Mailand gelebt: Er war ein Obdachloser. Diese Erfahrung hat ihn für sein erstes Buch inspiriert, "Fanculopensiero" ("Krieg den Arsch hoch Denker"). ©Chiara DaziDer Denker mag die Mentalität der unverfälscht direkten und harten Berliner nicht: „Solange du geradeaus gehst, geht alles gut. Aber wenn du den vorgegebenen Weg verlässt, gehst Du Risiken ein. Es herrscht eine gewisse Strafmentalität, die bei einem Teil der Berliner stark verankert ist. Ein Kontrolleur in einen Bus hat mir einmal gesagt: „'Man muss die Wörter korrekt aussprechen'. Sie helfen dir zu leben! Aber lass mich gefälligst in Frieden!“, erinnert Maksim sich lachend. Er wird wieder seriös, als ich ihn frage, ob es in Berlin einfach sei, sein Leben zu verdienen: "Alles was ich hier in zwei Jahren verdient habe sind 16 Euro, als ich mit einem Musikerfreund auf einem türkischen Markt gesungen habe.“ Für Maksim ist der Unterschied zwischen der Hauptstadt und dem Rest Deutschlands enorm. „Deutschland funktioniert gut, Berlin hingegen ist wie ein Alfa Romeo: Du nimmst einen Griff in die Hand und schon geht er kaputt, du drückst auf eine Türklinke und schon fällt sie ab. Ma vaffanculo [dt: Leck mich doch am Arsch]“, macht er sich aus vollem Herzen lustig. „Aber das ist die poetische Seite von Berlin!“, schließt der Tagträumer ab. Bevor ihr gehe, gesteht er mir ein, dass seine Bilanz schlussendlich doch positiv ist: „Wenn ich wählen könnte nach Berlin zu gehen, um dort zu leben, würde ich mich nicht beklagen. Aber ja, ich kann nicht wählen“, lacht er, während er seinen Hut abermals zurechtrückt. Ich nehme die S-Bahn und fahre in Richtung Zentrum.

Maïa Mazaurette wohnt in Mitte, sie ist 32, französische - um genau zu sein Pariser Schriftstellerin und Bloggerin. Sie kam Im Juli 2006 nach Berlin, „denn ich hatte genug von Paris und davon, immer dieselben Leute zu sehen.“

Attraktive Hässlichkeit

Maïa Mazaurette, Osez... les rencontres sur Internet, Fluid Glamour, 2010

Die Arbeit der Autorin beschäftigt sich vor allem mit Fragen rund um Sexualität. Maïa lacht, auch wenn der Tag, so wie sie sagt, nicht der beste war. Sie ist wortgewandt, sodass sie Maskin erbleichen lassen würde - zumindest fast. Berlin hat es der Französin wirklich angetan, vor allem ihr Viertel, in dem man an jeder Ecke eine Kunstgalerie findet. „Hier kann ich in Ruhe arbeiten, meine Zeit selber einteilen, schreiben und dann alles ohne zu großen Stress nach Paris schicken. An dem Tag, an dem Berlin teuer wird, werde ich gehen“, lacht sie, „denn auch deswegen bin ich hier.“ Maïa liebt die Tatsache, dass es in Berlin eine große Freiheit des Geistes gibt, aber sie sieht schon ein, dass nicht einfach alles fantastisch ist: „Es ist sehr hart in einem Kreis voller Deutscher zu sein. Eigentlich sind alle meine Freunde hier Ausländer. Die Deutschen sind nicht so spontan.“ Und auch sie weist mich darauf hin, dass die Armut ein wichtiges Thema der Stadt ist: „Hier kann es Jahre dauern, bis du eine Arbeit findest“, behauptet sie resolut und bestätigt hartnäckig, dass Berlin nicht Deutschland ist. „Hier in Berlin herrscht ein viel größeres Chaos, eine ethische und soziale Vielfalt, die man im Rest von Deutschland nicht findet.“ Und sie scherzt über die Optik der Stadt: „Sie ist hässlich“, lacht Maïa, „man weiß nie, was man seinen Freunden, die einen besuchen, zeigen soll, damit sie Berlin in ihr Herz schließen.“ Aber Berlin sei eine Stadt, die im Trend liegt", schlussfolgert sie. "Trotz allem eine toll Stadt für junge Leute. Willst du einen Kaffee?“

Ein letzter Kaffee, um über Berlin zu sinnieren; eine bis zur Übertreibung mystifizierte Stadt, die aber immer und immer wieder fasziniert. Eine Stadt, wo die Krise eher endemisch als temporär scheint. Sicher, von Paris bezahlt zu werden und in Berlin zu leben, wäre keine schlechter Gedanke… Am Ende dieser kurzen literarischen Reise kommen mir die Worte von Klaus Mann wieder in den Sinn und ich denke, dass sie im Grunde immer aktuell sind. Ich habe kein Rezept gegen die Krise gefunden, aber ich mache mich mit einer Gewissheit auf den Heimweg: Ich werde keine Arbeit in Berlin suchen, zumindest vorläufig nicht.

Fotos: ©David Tett; ©Chiara Dazi