Kultur

Berlin feiert Cohen: Hallelujah!

Artikel veröffentlicht am 22. September 2014
Artikel veröffentlicht am 22. September 2014

Cohen-Lieder, Passionskirche, Nina Hagen... Ein Schelm, wer dabei denkt, es handele sich um das düster-schaurige Dekor eines Begräbnisses. Wie die Berliner Passionskirche am 21. September 2014 zum Schauplatz eines Festes unter Lebenden für einen Lebenden, den manche sogar vergöttern, wurde. Ein Interview mit dem Liedermacher, Musikproduzent und Mitveranstalter, Andreas Albrecht.  

Der alte Mann: mit Liebe und Ehrfurcht gefeiert

Auf den Tag genau feierte Berlin den 80. Geburtstag des kanadischen Meisters Leonard Cohen, mit Gästen und rund 700 Zuschauern, die ein Ticket für den ausverkauften Abend ergattern konnten. Es lockten klangvolle Performances in besinnlich-melancholischer Atmosphäre. Réka, Manfred Maurenbrecher, Jan Preuß und die Geheime Gesellschaft, Nina Hagen, Mokkapan Phongphit, Anna Loos, ScherbeKontraBass, Joa Kuehn, Max Prosa, Veronika Fischer, Johannes Oerding, Suzanna & Karsten Troyke, sie alle sind gekommen, um Cohens Werk Tribut aus dem fernen Deutschland zu zollen. Alte Hasen und Newcomer, ein bunt gemischtes, generationsübergreifendes Geburtstagskonzert für einen legendären Altmeister. 

Auch Andreas Albrecht steht am vergangenen Sonntag Abend als Sänger und Pianist auf dieser untypischen Bühne mit symbolträchtiger Kulisse. Er interpretiert mit Biss und Gefühl Cohens "Bird on the Wire" (1969) in deutscher Sprache: "Wie ein Vogel" (2014). Gekrönt wird der musikalische Abend mit einem kleinen feuerwerksartigen Highlight, markanten Stimmen und einem Hauch erwarteten Kitschs: Vereint verabschieden sich Künstler und Musiker mit einer Darbietung des Cohen-Kult-Songs "Hallelujah" - what else?! Nach dem Konzert treffen wir den sympathischen Musiker und Produzenten auf ein kurzes Interview.

cafébabel: Andreas, Du hast zusammen mit Misha Schoeneberg und Chris Biadacz die Veranstaltung organisiert. Wie kam es denn zu dieser Hommage und Konzert-Idee "Berlin feiert Cohen"?

Andreas Albrecht: Misha Schoeneberg hat seit vielen Jahren Lieder von Leonard Cohen ins Deutsche übertragen. In diesem September wurde, von ihm initiiert, die CD "Poem - Leonard Cohen in deutscher Sprache" veröffentlicht. Auf der Platte singen tolle Künstler und Künstlerinnen seine Übersetzungen. Dabei sind unter anderem Peter Maffay, Tim Bendzko, Jan Plewka, Nina Hagen, Reinhard Mey oder Anna Loos. Die Idee lag nahe, diese Veröffentlichung mit einem würdigen Fest zu feiern. Ich hatte eines der Lieder ("Hymne" - gesungen von Manfred Maurenbrecher) auf der CD produziert, und als die Anfrage kam, ob nicht jemand Lust hätte, ein Konzert mitzuorganisieren, habe ich sehr spontan, direkt am ersten Tag einer geplanten Urlaubsphase entschieden, den Urlaub auf irgendwann später zu verschieben, und bei dieser Veranstaltung als Organisator mitzuwirken. Wir haben dann schließlich als Dreier-Bande mit Misha G. Schoeneberg, Chris Biadacz und mir, versucht das Ganze innerhalb von sechs Wochen auf die Bühnenbretter, oder besser gesagt, auf die Steinfliesen vor dem Altar der Passionskirche zu bringen. Es war allerdings relativ schnell klar, dass man nicht alle Musiker, die an der CD beteiligt waren, an diesem Termin auf die Bühne bekommen würde. Wir haben die Veranstaltung dann "Berlin feiert Cohen" genannt, um auch andere Künstler, die eine Affinität zu Leonard Cohens Liedern haben, an diesem Abend präsentieren zu können.

cafébabel: Warum die Berliner Passionskirche als Bühne?

Andreas Albrecht: Die Umgebung ist oft viel entscheidender als es einem bewusst ist. Man muss nicht esoterisch denken, um das so zu sehen. Wir wollten dem Anlass entsprechend einen würdigen, aber auch inhaltlich passenden Auftrittsort. Die Passionskirche bot sich genau als solch einer an. Durch die Architektur hat sie auch eine wunderbare Konzertatmosphäre. Außerdem: Viele der Geschichten und Themen in Leonard Cohens Liedern reiben sich an Religion und Spiritualität. Es erschien uns ein perfekter Ort, und obwohl wir kurzfristig gefragt haben, war der Termin noch frei und die Agentur, die die Kirche betreut, war sofort begeistert. 

cafébabel: Was verbindest Du selbst als Liedermacher und Musiker mit Cohens Texten und Melodien?

Andreas Albrecht: Ich selbst habe Leonard Cohen sehr spät und mehr durch Zufall entdeckt. Ich hatte von einer Freundin eine Tüte mit alten Vinyl-Platten geschenkt bekommen, darin befand sich auch eine Scheibe von Leonard Cohen, schlicht "Songs of Leonard Cohen" betitelt. Das Hören mit einem geliehenen Plattenspieler war dann die erste konzentrierte Begegnung. Natürlich kannte ich vorher die "Hits" - z.B. "Manhattan" oder "Suzanne", aus dem Radio. Cohen war mir vor allem dadurch aufgefallen, dass in seiner Stimme immer eine Gleichzeitigkeit von einerseits etwas Einschmeichelndem und andererseits eine natürliche Störrigkeit herrschte. Später, bei einer CD-Produktion mit Manfred Maurenbrecher, haben wir eine Aufnahme von Manfreds Übersetzung von "Heart with no Companion" gemacht. Da habe ich dann zum ersten Mal Cohen selbst im Backgroundchor gesungen.

Beim Konzert in der Passionskirche habe ich den Abend mit Réka und Mokkapan Phongphit eröffnen dürfen. "Bird on the Wire" ist ein sehr schöner Song, und in der Übersetzung von Misha Schoeneberg konnte ich mich sehr gut wiederfinden. Es gibt da die Zeilen: "Und wenn ich, wenn ich je Unrecht tat - So hoff ich, dass ihr mir längst schon vergabt - Doch war ich je falsch oder kalt - Hoff ich, Du weißt, dass es Dir niemals galt". Das hat bei mir einen bestimmten Nerv getroffen. Ich kann das nicht genauer erklären, das hat mich einfach berührt. 

Cohen selbst habe ich noch nicht im Konzert gesehen, habe mir aber sagen lassen, dass er mit seinen mittlerweile 80 Jahren ein wunderbarer Performer ist, jenseits von Selbstbeweihräucherung, und das gibt anderen Liedschaffenden wie mir durchaus eine Vision für die Zeit, wenn "normale"  Arbeitnehmer ihre Rente genießen. Ich finde, wenn ich mit 80 noch Songs schreibe und die dann auf irgendeiner Bühne singe, dann habe ich ziemlich viel richtig gemacht.

Zu seinem runden Geburtstag beschenkt Leonard Cohen seine Fans mit neuer Platte und irdischen Themen. Sie heißt "Popular Problems". Kurz vor diesem Herbstbeginn schickt ihm Misha Schoeneberg einen deutschsprachigen Gruß hinterher. Am 19. September 2014 ist die Platte "POEM- Leonard Cohen in deutscher Sprache" erschienen.