Kultur

Berlin der tausend Zentren

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
Wie geht das politische Berlin mit seiner bewegten Geschichte um? Heute ist die Hauptstadt ein Motor des wiedervereinigten Deutschlands und Anziehungspunkt für Studenten, Künstler und Arbeitnehmer aus ganz Europa.

"Wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich vorher eine Bahnsteigkarte", soll Lenin über die politischen Gewohnheiten der Deutschen geäußert haben. Politik ist hier eine ernste Sache, Extravaganzen kommen nicht vor und für alles gibt es eine sachliche Regelung. Hat sich daran irgendetwas geändert in den anderthalb turbulenten Jahrhunderten, die seither vergangen sind?

Auf den ersten Blick bemerkt man das Politische an Berlin nicht. Vielleicht, weil die Stadt so groß ist, dass sich die Politik in ihr verläuft. Die Regierungsgebäude sind alle in Mitte, dem historischen Zentrum Berlins, so dass es schon in den angrenzenden Stadtvierteln keiner merkt, wenn der Dalai Lama am Brandenburger Tor spricht oder ein ausländischer Staatspräsident die Stadt besucht. Keine Absperrungen, der Verkehr läuft völlig normal. Auch die U-Bahn ist pünktlich - wie immer in Deutschland.

"Eigentlich funktioniert hier alles"

"Das ist wahrscheinlich eine Frage der Kultur", erklärt uns Bekir Yilmaz, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Berlin. "Die Türken identifizieren sich viel mehr mit der Politik, sie erleben sie kollektiv. Die Deutschen sehen das jeder für sich. Vielleicht auch deshalb, weil hier eigentlich alles funktioniert."

Wir sprechen hier von der viertstärksten Wirtschaftsmacht der Welt, von einer stabilen Demokratie und einem Land, in dem die Lebensqualität überdurchschnittlich hoch und der Dienstleistungssektor vorbildlich ausgebaut ist. Da kann es eigentlich nicht viele Dinge geben, gegen die man protestieren könnte. "Es kommt aber auch auf die einzelnen Bedürfnisse an", sagt Yilmaz. "Die Türkische Gemeinde muss sich politisch stärker engagieren, weil sie eine Minderheit vertritt. Für die Deutschen sieht das anders aus."

Eine junge Hauptstadt

©Gerrit van Aaken/flickrDas kann schon sein. Trotzdem hat man den Eindruck, dass sich hier politisch nicht viel tut. Natürlich spielt Berlin wirtschaftlich keine besondere Rolle in Deutschland. München ist die reichste, Hamburg die fortschrittlichste, Frankfurt die Bankenstadt. Außerdem haben einige Ministerien ihren Sitz noch in Bonn. Eigentlich hat die Stadt auch nicht viel Zeit gehabt, sich als Hauptstadt einzurichten: Noch nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass das Parlament und das Kanzleramt nach Berlin gezogen sind.

Ganz anders sah es hier in den sechziger und siebziger Jahren aus, als West-Berlin 'Grenzstadt' war. Hier haben die Achtundsechziger ihre bedeutendsten Schlachten geschlagen, und hier - im ehemaligen West-Berlin - hat auch die Freie Universität ihren Sitz, die als die am stärksten politisierte unter den deutschen Unis gilt.

"Von politischem Engagement ist nicht mehr viel zu spüren. Die Mitglieder des AStA sind zwar alle links, aber die Wahlbeteiligung ist so niedrig, dass das Ergebnis nicht als repräsentativ gelten kann. Wir sind mittlerweile nur noch so eine Art Beratungsstelle für die Studierenden", erzählt Bastian vom AStA der FU.

Auf die Frage, was er von Berlin als Hauptstadt hält, antwortet Bastian: "Im Unterschied zu Frankreich und Italien ist Deutschland föderal organisiert, da wenden sich die Leute eher an die zuständigen Stellen in ihrer Region. Aber wenn es um größere Protestveranstaltungen geht, wie gegen den Irakkrieg oder die Studiengebühren, dann spielt sich das meistens in Berlin ab." Es gibt es also doch, das politische Berlin: Immerhin stellen nicht nur das Parlament und das Kanzleramt, sondern auch andere Ministerien und staatliche Einrichtungen eine direkte Anlaufstelle dar, wenn es darum geht, den 'hohen Tieren' die Meinung zu sagen.

Die neue Hauptstadt Europas?

Davon weiß Anna-Lena After zu berichten. Sie arbeitet für die PolitikFabrik, ein Beratungsbüro, das junge Menschen aus ganz Europa in verschiedenen Projekten an die Politik heranführen soll. Finanziert wird die PolitikFabrik durch Unternehmen und Stiftungen. "Berlin ist sicher die kulturell vielfältigste und interessanteste Stadt nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Dabei ist sie nicht von der Politik beherrscht, trotzdem ist das Politische in ihr deutlich spürbar. Berlin hat nicht nur zwei, sondern tausend Gesichter."

Die Stadt ist lebendig, innovativ, experimentierfreudig und multikulturell: Sie ist die „neue Hauptstadt Europas“, wie manche meinen, weil sie so dynamisch und offen erscheint und durch die neuen Dimensionen im infrastrukturellen Bereich auch wirtschaftlich vielerlei Perspektiven bietet. Und das schafft sie auch ohne sich auf die (echte, ehemalige oder vermeintliche) Grandeur einer europäischen Kapitale vom Format Londons, Roms oder Paris' zu berufen.

Auch wenn Berlin dadurch vielleicht an Faszination und Selbstbewusstsein einbüßt, so holt die Stadt durch ihre Organisation und Gelassenheit wieder auf. Die tausend Gesichter dieser Stadt sind untereinander täglich in Kontakt, ohne dass eines das andere übertreffen wollte. So sieht das auch der Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele: "Nicht alle Straßen führen nach Berlin, könnte man sagen, aber Berlin hat tausend Zentren. Und das ist auch gut so: Nur der Polyzentrismus bietet Lösungen für die Anforderungen und Probleme der modernen Gesellschaft."

Auch für das Europa von morgen ist das ein interessantes Projekt: Im Laboratorium Berlin ist die Arbeit in vollem Gange, die Stadt auf dem besten Wege, neben der Hauptstadt eines vereinten und selbstbewussten Deutschland, auch die Hauptstadt eines Europa zu werden, das ebendiese Qualitäten anstrebt.