Kultur

Berlin - Babel - Aleppo in einem einzigen Song

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2016

In Berlin gibt es nur elektronische Musik? Wer das glaubt, war noch nie da. Besonders Fusion-Musik hat sich in den letzten Jahren in vielen Clubs und Konzertsälen eingenistet. Unsere neueste Entdeckung: die Berlin Oriental Group. 

Klassische europäische und arabische Musik sind auf den ersten Blick ziemlich unterschiedlich. Kann man die beiden trotzdem irgendwie verbinden, am besten noch in einer Band? Das fragten sich die Gründungsmitglieder der Berlin Oriental Group vor knapp zwei Jahren, als sie anfingen orientalische Rhythmen mit westlichen Harmonien zu mischen. Die Mitglieder der Gruppe kommen aus Russland, Chile, Syrien, Deutschland, der Schweiz, Israel und der Türkei. Berlin hat sie zusammengebracht. Wir treffen uns mit Alexey Kochetkov (Geige) und Cristián Felipe Varas Schuda (Gitarre) auf ein Bier am Potsdamer Platz. 

Cafébabel: Wann habt ihr angefangen, als Berlin Oriental Group aufzutreten?

Alexey: Wir sind 2014 zum ersten Mal unter dem Namen Berlin Oriental Group aufgetreten. Damals war ich ganz neu in Berlin und habe mit einem arabischen Israeli zusammengewohnt. Zusammen haben wir die Gruppe gegründet, um diese multikulturelle Mischung dem Berliner Konzertpublikum vorzustellen. Neun Monate haben wir das zusammen gemacht, bis mein Mitbewohner zurückgezogen ist. Dann existierte die Berlin Oriental Group mehr als ein Jahr überhaupt nicht, aber im Oktober 2015 kam es zu einer Wiedervereinigung. Es lag einfach in der Luft, dass wir das weitermachen sollten.

Cafébabel: Was bedeutet für euch diese Mischung aus Ost und West?

Alexey: Wir wollen zeigen, dass etwas Gutes dabei rauskommt, wenn man diese verschiedenen Kulturen mischt. Musikalisch versuchen wir eine Verbindung von arabisch-orientalischen Elementen und modernen westlichen Elementen - also Rock, Pop, Dance, Elektro - entstehen zu lassen. Also quasi „Berlin – Babel – Aleppo“ in einem einzigen Song. Wir wollen aber nicht nur arabische oder orientalische Musik spielen, sondern auch Menschen aus verschiedenen Kulturen im Publikum zusammenbringen. Wenn Leute aus der ganzen Welt mit ihren ganzen kulturellen Unterschieden Party machen können, dann ist das auch ein Weg zu einem friedlichen Zusammenleben.

Cafébabel: Warum ändert sich die Konstellation, in der ihr auftretet, ständig? 

Alexey: Wir sind eine feste Gruppe, die anderen Musikern eine Bühne schafft. Durch verschiedene Solisten können wir unterschiedliche Stile und Musikarten zeigen. Omar und Taha Sheikh Dieh von Wladallam zum Beispiel sind syrische Rapper, sie singen politische Texte. Oder die Sängerin Eden Cami: Sie ist Drusin, hat in Israel gelebt und singt palästinensische Liebeslieder auf Arabisch. Wir nutzen die Berlin Oriental Group als eine Plattform, um verschiedene Musiker in den Vordergrund zu stellen und unterschiedliche musikalische Facetten zu zeigen.

Cafébabel: Cristián, dein Großvater ist 1907 von Syrien nach Chile geflohen. Wie ist das für dich, jetzt in einer Band mit Syrern zu spielen, die erst vor kurzem aus ihrem Heimatland geflüchtet sind?

Cristián: Das ist eine interessante Auseinandersetzung! Ich erkenne viele syrische Charaktermerkmale, die in den arabischstämmigen Chilenen immer noch präsent sind. Hier in Berlin im Allgemeinen fühle ich mich eher wie ein Chilene oder wie ein Latino, aber mit den Arabern spüre ich eine Verwandtschaft in Bezug auf Charakter, Ausdrucksweise und Aussehen. Ich spreche kein Arabisch, wie viele meiner Generation in Chile. Wir bewahren aber unsere Herkunftsidentität - dieses Arabischsein ohne Arabisch zu reden. Außerdem gab es das Essen, die Musik, den Tanz, die Großfamilie. Das war so etwas wie ein Mysterium, etwas, das es zu erkunden galt. Ich habe klassische Gitarre studiert, das ist natürlich sehr stilisiert. Deshalb habe ich schon immer andere Klänge gesucht, zum Beispiel den Flamenco, um einen etwas „schmutzigeren“ Sound zu haben. Das hat mir erlaubt, in die orientalische Musik einzutauchen.

Cafébabel: Versucht ihr, alle möglichen Musikstile miteinander zu vermischen, oder hat die Fusion auch Grenzen?  

Alexey: Die Hauptsache ist, dass es etwas mit arabischer oder orientalischer Musik zu tun hat. Wir sind ja schließlich nicht die Berlin Group, sondern die Berlin Oriental Group. Es ist also nicht richtig zu sagen, dass wir keinen Unterschied machen zwischen Stilen und Genres, aber zwei Rapper, die zu dieser Kultur gehören, haben bei uns ebenso Platz auf der Bühne wie eine klassische arabische Sängerin. Wenn es orientalisch-arabisch ist, zu Berlin gehört und wir uns gut mit den Leuten verstehen, dann machen wir das.

Cristián: Wir machen einfach eine gute Mischung draus und bringen unseren eigenen Geschmack ein. Wenn ich die E-Gitarre benutze, machen wir es etwas rockiger, mit ein bisschen Distortion und einer moderneren, auch jazzigeren Note. Wenn die akustische Gitarre im Einsatz ist, dann benutze ich sehr viele Latinoschläge, die eins zu eins zu den arabischen passen. Alexey benutzt auch viele andere Quellen, zum Beispiel aus dem Jazz oder der World Music. Das ist nicht alles nach Stilen definiert, sondern was wir sind, das bringen wir auch ein.

Cafébabel: Welchen Teil trägt Berlin als Stadt dazu bei?  

Alexey: Ich glaube, dass Berlin zur Avantgarde der Orte gehört, wo sich Kulturen wirklich mischen. Berlin ist vielleicht nicht die erste Stadt der Welt, die das macht. In Amerika und an vielen anderen Orten ist das schon vorher passiert. Berlin ist im Moment aber eine total besondere Sache.

Cristián: Erinnerst du dich noch an den Song „Do you love me“? Den haben wir mit Techno gemischt und das mit Abdallah Rahhal (von der syrischen Band Musiqana; AdR) gespielt. Das macht Spaß! In Berlin wollen die Leute sehr viel tanzen. Berlin ist eine tanzende Stadt, würde ich sagen, zumindest im Nachtleben. Alles was sich zwischen tanzbar und meditativ bewegt, das gehört zur Mentalität von heute.

Cafébabel: Mit Russland, Syrien und Israel vereint ihr zwei große, geopolitische Konflikte in eurer Band. Wie geht ihr damit um?

Alexey: Ich glaube, ein großes Problem unserer Zeit ist, dass Politiker den Völkern Hass beibringen, ohne dass die einen Menschen die anderen überhaupt kennenlernen können. Wenn man in Russland lebt und die Medien dort verfolgt, kann man sofort anfangen, die Syrer zu hassen, ohne dass man jemals einen getroffen hätte. Das gleiche kann ich über Israel sagen, das gleiche kann ich über Syrien sagen. Das Problem sind nicht die Leute, die in diesen Ländern wohnen, sondern die Politiker oder Machthaber, die die Meinung der Menschen in bestimmter Weise beeinflussen. Was ich besonders toll an Berlin finde, ist, dass man hier wirklich die Möglichkeit hat, die anderen zu treffen, mit ihnen zusammenzusitzen und zu reden. Auf diesem Level versteht man sich und dann ist es auch egal, woher der andere kommt.

Cafébabel: Wenn ihr einen Solokünstler nennen müsstet, mit dem ihr unbedingt zusammenspielen wollt, wer wäre das?

Alexey: Es gibt ziemlich viele tolle Musiker aus der arabischen Welt... Ich gehe bald zum Konzert von Dhafer Yussuf. Er singt, spielt Oud [ein Saiten-Instrument aus dem Vorderen Orient; AdR] und ist ein wunderbarer Musiker.

Cristián: Wenn man ältere Musiker fragen könnte, dann natürlich Um Kulthum, Sabah Fakhri oder Farid Latrache!

Alexey: Ein Duett mit einem deutschen und einem arabischen Künstler zu machen - das wäre ein tolles Projekt.  

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Berlin Oriental Group: Konzert From the Fiddle East am 8. Dezember im Kaffee Burger. Oriental New Year’s Party am 29. Dezember im Hangar 49. Dazu sind alle Solisten, die in diesem Jahr dabei waren, eingeladen. Am Ende legt DJ Ipek auf.