Kultur

Bericht eines Südosseten in der Türkei

Artikel veröffentlicht am 31. August 2008
Artikel veröffentlicht am 31. August 2008
Im EU-Beitrittskandidatenland leben 100.000 Südosseten in der Diaspora. Engin Polat Tkhostati, 28, schlief gerade, als am 7. August der Krieg zwischen Russen und Georgiern ausbrach.

“Seit mein Urgroßvater 1864 hierher deportiert wurde lebt meine Familie in der Türkei. Ich schlief gerade, als um 3 Uhr morgens der Krieg ausbrach. Georgische Soldaten hatten Ossetien angegriffen. Als Erstes musste ich an die blutigen Gräueltaten von 1991 denken. Ich war sehr besorgt um meine Verwandten und Freunde in Ossetien. Ich stehe normalerweise in regelmäßigem E-Mail-Kontakt mit einem Freund, der in der Hauptstadt Zchinwali lebt, aber die Verbindungen waren unterbrochen. Sein Haus war während der Kämpfe zerstört worden, mittlerweile ist er in ein Flüchtlingslager nach Wladikawkas (Hauptstadt der russichen Republik Nordossetien, A.d.R.) umgezogen.

"Für die georgische Armee ist der Abzug der Russen wie eine Einladung zum Genozid."

Während des Angriffs und der Invasion durch Georgien ist Südossetien teilweise zerstört worden. Fast alle Gebäude sind beschädigt, das Parlamentsgebäude ist abgebrannt. Mit dem Abzug der russischen Streitkräfte wurden die unschuldige ossetische Zivilbevölkerung der georgischen Armee ausgeliefert. Für die georgische Armee ist dies wie eine Einladung zu einem Genozid. Es gab 2.000 Tote. Ossetien war zum ersten Mal am Ende des letzten Jahrhunderts von Georgiern überfallen worden. Hierbei waren 18.000 Menschen ums Leben gekommen und 50.000 waren gezwungen auszuwandern. Im Jahr 1991 hatte Südossetien zuletzt eine Invasion durch georgische Truppen abgewehrt.

Im Westen herrscht Fehlinformation. Dort werden nämlich tote Osseten als tote Georgier bezeichnet. Der französische Außenminister Bernard Kouchner hat behauptet, dass die Russen Völkermord an den Georgiern begehen. Aber in Wirklichkeit haben die Russen die Osseten vor den ethnischen Säuberungen, die die Georgier an ihnen begehen wollten, beschützt. Die Aussage Kouchners beweist, dass der Westen falsch informiert ist. Aber ich glaube, dass die EU-Bürger die Rechte der 70.000 Osseten, die seit mehreren Jahren unter georgischen Angriffen leiden, verteidigen.

Wir hoffen, dass die Welt die Unabhängigkeit Ossetiens anerkennen wird. Es ist schon seit sechzehn Jahren inoffiziell unabhängig. Länder, die die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen, sollten Ossetiens Unabhängigkeit ebenfalls respektieren. Wenn Südossetiens Wirtschaft stabilisiert werden könnte, wären beide Seiten glücklich. Aber die Unfähigkeit der Führungspersönlichkeiten führt auch in Georgien zu einer Verschlechterung der Situation.

"Ich bin zwar Türke, aber ich würde gern in Ossetien leben."

Georgien ist ein Nachbar. Ich hoffe, dass wir in Frieden miteinander auf beiden Seiten einer gemeinsamen Grenze leben können, so wie Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Im September reise ich nach Ossetien. Ich bin zwar Türke, aber ich würde gern in Ossetien leben.'